Agrar-Report 2017 zeichnet depremierendes Bild

Überdüngte und verarmte Landschaft im Allgäu, Foto Karl-Heinz Dunkel (Foto: Karl-Heinz Dunkel)

Bundesamt für Naturschutz warnt im Agrar-Report 2017 vor massivem Artensterben.

Im Jahr 2007 hatte das Bundeskabinett die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt beschlossen. Hier wurden konkrete Ziele festgeschrieben, die bis zum Jahre 2020 erreicht werden müssen, damit das Artensterben in Deutschland gestoppt wird. Die Strategie der Bundesrepublik Deutschland ist eingebettet in eine reihe internationaler Vereinbarungen, beispielsweise der EU-Biodiversitätsstrategie 2020 oder den im Jahre 2010 in Japan beschlossenen internationalen AICHI-Targets. Im selben Jahr wurde auch Japan die UN-Dekade der Biodiversität 2010-20120 ausgerufen, mit dem Ziel, das Artensterben weltweit zu stoppen. Dort wurde beispielsweise vereinbart, dass bis zum Jahre 2020 die land- und forstwirtschaftliche Produktion nachhaltig zu erfolgen hat.
All diese nationalen und internationalen Bemühungen sind die Antwort darauf, dass wir seit mindestens 30 Jahren ein drastisches Artensterben zu verzeichnen haben. Die vorsichtigsten Schätzungen der Wissenschaftler gehen davon aus, dass die aktuelle Aussterberate 100 bis 1000-mal höher als normal ist. Die Menschheit ist damit dabei, das sechste große Artensterben in der Geschichte des Planeten auszulösen und mindestens 75% der Arten für immer auszulöschen. Diese Entwicklung erfolgt, ähnlich wie eine chronische Krankheit schleichend, über viele Jahrzehnte hinweg und man musste bisher ein guter Kenner der Natur sein, um sie im eigenen Umfeld wahrzunehmen. Wenn eine bekannte Vogelart wie z.B. der Kiebitz bedroht ist, erregt das eine gewisse Aufmerksamkeit. Wir bekommen aber nicht mit, dass täglich viele Kleinstlebewesen wie Insekten und Amphibien für immer von unserem Planeten verschwinden. Über die vielfältigen und vielfach noch nicht erforschten Wechselwirkungen in der Natur und über die Nahrungskette hat dies erhebliche Auswirkungen auf die Ökologie und damit auf unsere Lebensgrundlagen.
Inzwischen hat das Artensterben aber ein Ausmaß errreicht, dass unmittelbar auch von Laien wahrgenommen wird. Straßenlaternen, füher umschwirrt von hunderten Insekten, stehen jetzt allein da. Viele Menschen sind vielleicht froh, diese lästigen Plagegeister los zu werden aber sie dienen als Nahrungsgrundlage für viele Vögel und Fledermäuse. Außerdem sind Insekten immens wichtig für die Bestäubung der Blütenpflanzen, die mit Abstand die häufigsten Pflanzen auf der Erde sind und nahezu ausschließlich in der Landwirtschaft für unsere Lebensmittelproduktion eingesetzt werden. Viele Menschen wundern sich auch darüber, dass immer weniger Vögel im Winter am Futterhäuschen auftauchen oder der Sonnenuntergang nur noch sehr leise vom Gesang der Vögel begleitet wird.
Bereits im Jahr 2014 legte das Bundesumweltministerium einen Zwischenbericht zur Erreichung der Ziele vor und konstantierte, dass 11 von 19 Zielen im roten Bereich liegen und damit nicht erreicht werden können. Daraufhin wurde eine Naturschutzinitiative für biologische Vielfalt beschlossen. Hier wurde unter anderem formuliert, dass die Biodiversität in den Agrarsystemen deutlich zu erhöhen ist. Da die landwirtschaftlich genutzte Fläche mehr als die Hälfte des Bodens ausmacht, kommt der Landwirtschaft eine besondere Rolle beim Schutz und Erhalt der Artenvielfalt zu.
Die jetzt vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) vorgelegte Studie zur Biodiversität der Agrarlandschaft zeichnet allerdings ein depremierendes Bild. Etwa 80% der Insektenbestände und weit mehr als 60% der Vogelbestände sind in den letzten 30 Jahren verlorengegangen und ca. 80% der Biotoptypen im landwirtschaftlichen Umfeld wie z.B. Weiden, Wiesen und Heiden sind gefährdet. Der Bericht spricht von einer gescheiterten EU-Landwirtschaftspolitik und spricht davon, dass die EU-Fördermaßnahmen keinen Effekt hatten und dringend reformiert werden müssen. Der CSU-Landwirtschaftsminister Schmidt lehnt den Bericht ab und spricht von Panikmache. Trotzdem, die Zahlen sind alarmierend und basieren auf den Daten vieler unabhängiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - Schmidt kann mit seinen Äußerungen die Fakten nicht beiseite wischen und muss sich der Diskussion stellen.
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