„Die wollen meinen Wodka“
50-jähriger Russe bedrohte junge Buschen mit einer Waffe
Zur ersten Begegnung zwischen den jungen Männern und dem Russen kam es, als die Burschen tankten, während der 50-Jährige eine Flasche Wodka kaufte. Er habe sich von den jungen Leuten provoziert gefühlt, man habe über ihn gelacht, behauptete der Angeklagte zunächst. Mehrere Videoaufnahmen von den Vorgängen an der Tankstelle bestätigten das nicht; einige der jungen Männer hatten ihn gar nicht weiter wahr genommen, andere berichteten, sie hätten im Auto gesessen und es sei eine Bemerkung darüber gefallen, dass der Mann Schnaps gekauft „und wohl noch einiges vor habe“.
Die Burschen fuhren dann in zwei Autos los, bogen ab Richtung Industriegebiet und hielten an der nächsten Parkbucht an, um von Auto zu Auto zu besprechen, wohin man nun fahren könnte. Dabei ragte ein Wagen in die Fahrbahn. Der Russe, der hinter den jungen Leuten fuhr, rangierte nicht an deren Autos vorbei, sondern blieb stehen und hupte. Als einer der Jungs die Scheibe herunter kurbelte und „fahr halt vorbei“ rief, griff er sich eine Waffe aus dem Handschuhfach und legte mit beiden Händen auf die Burschen an. Diese gaben Gas und rasten davon, der Russe hinterher. Es entwickelte sich eine Verfolgungsjagd bis in die Aichacher Vorstadt, ehe es den Jungs gelang, ihn abzuschütteln.
Der Angeklagte behauptete zunächst, die Jugendlichen hätten ihn quasi ausgebremst, ihm den Weg versperrt, seien ausgestiegen und auf ihn zugegangen. Gar „Todesangst“ habe seine Schwägerin im Fond gehabt.
Die Burschen riefen noch während der Verfolgungsjagd die Polizei und gaben das Kennzeichen des 50-Jährigen durch. So gelang es, seine Wohnung in Aichach ausfindig zu machen. Die Polizei zog Einsatzkräfte aus Friedberg und Augsburg hinzu. „Nach unserem Klingeln öffnete zunächst ein Kleinkind. Der Angeklagte sah uns vom Wohnzimmer aus, rief ,Polizei!’ und stürmte auf uns zu“, erinnerte sich ein Beamter. Der 50-Jährige sei sofort auf die Polizisten losgegangen, einem schlug er ins Gesicht, ein anderer erlitt eine Handprellung. „Wuchtige Schläge“ habe es gesetzt, eine „wüste Attacke“ sei das gewesen. Mehrere Beamte benötigten lange, bis sie ihm endlich Handfesseln anlegen konnten. Zuvor hatte der Russe noch nach der Waffe eines Polizisten gegriffen und versucht, diese aus dem Holster zu reißen. „Ich dachte wirklich, der schafft es. So eine Vehemenz habe ich noch nie erlebt“, sagte ein Beamter aus. Erst mit Schlägen und Würgen sei es gelungen, den Russen zu fesseln. Später dann, auf der Polizeiwache, sei er „völlig ruhig, eine ganz andere Person“ gewesen.
Noch während Staatsanwältin Beate Schauer die Anklage verlas, rief der Angeklagte dazwischen, das sei „alles falsch“. Von einer Dolmetscherin ließ er übersetzen, er habe die Jugendlichen nicht bedroht, sondern lediglich die Waffe in die Luft gehalten. Die Spielzeugpistole, eine Softairwaffe, habe er einmal als Geburtstagsgeschenk von seinen Söhnen erhalten. „Ich dachte, sie wollen mir meinen Wodka wegnehmen“, begründete er die Auseinandersetzung.
Seine Schwägerin bestätigte, auch auf mehrmaliges Nachhaken von Seiten des Richters und der Staatsanwältin, die Version des Angeklagten. Teilweise erzählte sie Details anders, die der Angeklagte sogar eingeräumt hatte. Warnungen, sie werde mit Strafe zu rechnen haben, wenn sie lüge, beantwortete sie mit: „Ich sage die Wahrheit.“
Nach ihrer Zeugenaussage jedoch besprach sich Verteidiger Wolfgang Kunesch mit seinem Mandanten in einer Verhandlungspause. Anschließend legte der Angeklagte ein Geständnis ab. Es stimme alles, was in der Anklageschrift stehe. Es tue ihm leid, er bitte um Entschuldigung.
Diese späte Reue ersparte dem Gericht einige Zeugenaussagen und verkürzte den Prozess. Zudem wirkte sie strafmildernd. Anders, so Staatsanwältin Schauer, würde es nicht für eine Bewährung ausgereicht haben. Sie plädierte auf zwei Jahre Haft sowie 4000 Euro Geldbuße. Der Verteidiger sagte, der 50-Jährige müsse von 1300 Euro netto auch die Ehefrau unterhalten und meinte, mit 2000 Euro sei der Gerechtigkeit Genüge getan. Richter Ogul schloss sich aber im Urteil, das sofort rechtskräftig wurde, der Staatsanwaltschaft an. Zudem muss der Russe ein weiteres Jahr auf seinen Führerschein verzichten. Das wird teuer für ihn, denn er erzählte, für die Fahrt zur Arbeit nach Schrobenhausen knöpfe ihm ein Kollege monatlich 200 Euro ab.










