Augsburg
Augsburger Rentner jagen einen Ganoven
In diesem Kampf ging es für einen 84-Jährigen um Leben und Tod
Im Augsburger Süden haben ein 84-Jähriger und ein 82-Jähriger in einer filmreifen Verfolgungsjagd einen 49-jährigen Dieb zur Strecke gebracht.
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Noch eine Woche nach dem Kampf im Wald liegt das Gras danieder. Erstmals nach den Ereignissen kam Johann Reischl an den Ort zurück, wo er den Dieb seiner Geldbörse kampfunfähig machte und der Polizei übergab.Foto: Gabriel Farning -
Kaum im Siebentischwald untergetaucht versuchte der Dieb, einem 82-Jährigen dessen Fahrrad zur weiteren Flucht zu stehlen. Doch Johann Reischl (vorne) folgte dem Dieb auf den Fersen.Foto: Gabriel Farning
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Noch bevor der 84-Jährige reagieren konnte, schrie die Wirtin Silvia Römer laut auf. Sie zapfte gerade das Bier für eben diesen Kunden und beobachtete das Geschehen ebenso wie eine Bedienung. Flugs sauste der Dieb zum Ausgang. Silvia Römer und die Bedienung stellten sich dem diebischen Gast in den Weg, der beide heftig zur Seite stieß, wie sich die Wirtin erinnert.
Schon flitzte Reischl hinter dem Dieb her. „Ich hatte gerade 350 Euro in meiner Geldbörse, da musste ich was tun“, erklärt der ehemalige Bahnbeamte Reischl. Der Dieb entfernte sich in Richtung Ilsungstraße. Die Wirtin sah einen Stammgast vor dem Lokal, den Jogger Harald Benndorff. Ihm rief sie zu, dass der Dieb eine Geldbörse gestohlen habe. Er setzte dem Dieb nach, verkannte zunächst die Situation. Reischl, gerade erst vor wenigen Wochen nach einer größeren Operation aus dem Klinikum entlassen, hatte seinen Gehstock am Tisch liegen gelassen, und eilte dem Dieb hinter her.
Später stellte sich heraus, dass es sich um einen 49-jährigen arbeitslosen Mann handeln sollte, berichtete der Geschädigte. Vier jungen Männern, die an dem nahen Kiosk saßen rief er zu, sie sollten den Dieb halten, doch sie hätten sich nicht geregt.
Reischl lief geschwind hinter dem Dieb her, der sich rasch in Richtung Siebentischwald entfernte. Einen herannahenden Baulastkraftwagen stoppte Reischl, kletterte in die Fahrerkabine hinauf und bat den Fahrer, dem Dieb zu folgen. Die Bedienung hatte zwischenzeitlich den Notruf bei der Polizei abgesetzt und die Wirtin folgte in einiger Entfernung mit ihrem Fahrrad. Am Rand des Siebentischwaldes musste Reischl aus dem Lastwagen aussteigen, weil eine Schranke die Weiterfahrt stoppte.
Reischl sah den Dieb knappe 200 Meter weiter quer über eine Wiese in den Siebentischwald in Richtung Stempflesee laufen und setzte ihm nach. „Ich weiß gar nicht, wie ich das geschafft habe“, meint Reischl. Während der Jogger dem Dieb in den Wald folgte und ihm die Wirtin mit dem Fahrrad nacheilte, kam ihr im Siebentischwald ein 82-Jähriger auf dem Fahrrad entgegen. Ihn hielt die Wirtin an und gab der Polizei den neuen Standort an.
Der Dieb hatte versucht, von dem 82-jährigen Senior das Fahrrad zu entwenden, was an dessen energischem Widerstand scheiterte. Zwischenzeitlich war Reischl hinter dem Flüchtenden hergekommen. Gemeinsam mit dem Jogger hatten sie den Dieb gestellt, doch dann riss der plötzlich aus. Reischl lief sofort hinter ihm her. Während der zweite Rentner die erste eintreffende Polizeistreife zum Geschehen beorderte, spielten sich wenige Meter weiter brutale Szenen ab.
Reischl hatte sich, wie zuvor schon der Jogger, mit dem Dieb einen handfesten Kampf geliefert. Beide lagen am Boden und schlugen heftig aufeinander ein. „Der hat auf mir gelegen und mich gewürgt. Das war für mich wie ein Kampf um Leben und Tod“, erklärt Reischl zurückblickend und staunt selbst über die Kräfte, die er in diesem Moment mobilisierte. Erst nach minutenlangem Kampf habe er den Dieb durch mehrere gezielte Schläge so weit schwächen können, dass er selbst auf ihm lag und ihn festhielt. Der Jogger Benndorff habe einen Knüppel hoch erhoben und gedroht. So heftigen Widerstand hatte der Dieb wohl nicht erwartet, erst recht nicht von einem 84-Jährigen. „Ich geb' auf, ich geb' auf“, habe der Übeltäter gejammert, erinnert sich Reischl.
Zwischenzeitlich waren zwei Polizeistreifen am Ort des Geschehens eingetroffen und brauchten den Ganoven nur noch festzunehmen. „Ich habe am Kopf geblutet und mein Nasenbein ist gebrochen“, bilanziert Reischl, der anfangs nicht ins Krankenhaus wollte, nach dem Nachlassen seines Adrenalistoßes aber doch zur Beobachtung in die Wertachklinik nach Bobingen gebracht wurde. „Die Ärzte dort hätten nie gedacht, dass ich nach meinen Operationen dazu fähig sein könnte“, sagt Reischl mit einem Schmunzeln und ergänzt nachdenklicher: Nein, ein zweites Mal wolle er nicht in so eine Situation kommen.
Noch ein Kuriosum: Die beiden an der Ganovenjagd beteiligten Senioren kennen sich von Kindesbeinen an, als sie im Hochfeld wohnten.
23.07.2012 | 12:26 Uhr - von Gabriel Farning
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