Der letzte Amerikaner
Mit dem 52-jährigen Roy Bowen verlässt der letzte US-Soldat Augsburg. Die Fuggerstadt wird er vermissen.
Die Rosinen duften nach dem Rum, in dem sie eingelegt waren. Die Apfelstücke haben sein Aroma aufgesogen und machen es sich unter den vielen hauchdünnen Teigschichten gemütlich. Um sie herum: Ein dampfender Vanillesee. Ein Löffel teilt eine Ecke vom Gebäck ab, taucht sie in die Soße und schiebt sie in einen gierigen Mund. „Mmh, den werde ich vermissen – Apfelstrudel.“ Roy Bowen sitzt in einem Augsburger Café, ein bisschen Ruhe vor der großen Reise. Zuhause warten gepackte Koffer auf ihn. Das Ziel: Übersee. Vor langer Zeit hat er die gleiche Strecke schon einmal zurückgelegt – allerdings in umgekehrter Richtung.
Es ist der 31. Dezember 1982: Eine Truppe amerikanischen Soldaten zieht in die Sheridan-Kaserne in Pfersee. Unter ihnen ist auch der 23-jährige Private Bowen. „Ich habe mich sofort in Augsburg verliebt“, sagt er heute. „Das Rathaus, der Perlachturm und die Altstadt – wow!“
Rund 17 000 Soldaten der US-Armee lebten seit 1945 in der Fuggerstadt. Aber nur wenige sind geblieben. „Alle aus meiner Truppe kehrten nach zwei oder drei Jahren nach Amerika zurück“, erzählt Bowen. Er selbst hat im Jahr 1984 eine Augsburgerin geheiratet – und lebt bis heute in der Fuggerstadt. Bowen nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und schiebt sich noch einen Bissen Apfelstrudel in den Mund.
„Ich war schon in vielen deutschen Städten – Berlin, München – aber nirgendwo ist es so schön wie hier“, verkündet er mit amerikanischem Akzent. Nach 29 Jahren in Deutschland hat er zwar die typische Aussprache des Buchstaben „r“ beibehalten, aber sein Charakter und seine Mentalität haben sich verändert: „Ich bin deutsch geworden“, sagt er und lacht.
Im August vergangenen Jahres ist Bowen in Rente gegangen. Jetzt beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt: Zurück nach Amerika – zurück nach Hause? „Ich habe nicht nur eine Heimat, sondern zwei“, sagt der 52-Jährige. Alle ein bis zwei Jahre besuchte er seine Eltern in North Carolina. Weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht weit reisen können, haben sie sein Augsburger Zuhause noch nie gesehen. „Ich habe ihnen versprochen, dass ich irgendwann zurückkomme“, erzählt Bowen. „Ich bin mittlerweile geschieden, meine Tochter ist erwachsen und jetzt wird es Zeit.“ Die Jahre beim Militär und in Augsburg wird er nie vergessen: Er habe mehr als 50 Länder der Welt bereist und wurde gut bezahlt. „Ich bin der letzte US-Soldat in Augsburg“, sagt Bowen. Und er war es immer gern: „Ich konnte mir nie einen anderen Beruf vorstellen.“ Er wünscht sich, dass auch seine Neffen zur Armee gehen. Es sei ein guter Job. Er werde Augsburg vermissen: Die Nachbarskinder, die ihn „Uncle Roy“ nennen, die Architektur mit den jahrhundertealten Bauten – und Kässpatzen. „Aber am meisten wird mir mein Enkelkind fehlen“, sagt Bowen.
Vor fünf Wochen ist er Opa geworden. Seine Tochter lebt ebenfalls in Augsburg und ist mit einem amerikanischen Soldaten verheiratet, der in Bamberg stationiert ist. Auch sie will irgendwann in Amerika leben. „Ich wünsche mir aber, dass sie in Deutschland bleibt“, sagt Bowen. „Hier sind Familie und Freunde schnell erreichbar. In North Carolina muss man zwei Stunden fahren, um jemanden zu besuchen.“
Bowen will sich in Amerika seiner Familie widmen: Seinen Eltern, seinen sechs Geschwistern und den Neffen und Nichten. „Und ich freue mich auf Gartenarbeit. Das habe ich hier schon gerne gemacht“, erzählt der Rentner. Auch wenn ihn in Zukunft rund 7000 Kilometer von Augsburg trennen, wird er der Fuggerstadt treu bleiben: „Ich werde zwei mal im Jahr zurückkommen, schon allein wegen meines Enkelkinds und dem Apfelstrudel“, spricht er, schiebt sich das letzte Stück in den Mund und wischt sich mit einer Serviette die Vanillesoße von der Oberlippe.
Der amerikanische Soldat ist zum amerikanischen Schwaben geworden. „Mein Herz bleibt in Augsburg“, sagt er und auch eine Eigentumswohnung – zur Sicherheit.











