Grandhotel wartet auf Startschuss
Augsburger Projekt ist deutschlandweit einmalig
Das Projekt „Grandhotel“ steht vor dem nächsten großen Schritt: Nachdem der Stadtrat einstimmig der Nutzungsänderung für das ehemalige Paul-Gerhardt-Haus zugestimmt hat, warten die Betreiber und die Diakonie auf die Baugenehmigung. Schon bald sollen die ersten Flüchtlinge in das Haus im Domviertel einziehen.
Das Projekt ist deshalb so einzigartig, weil es für das ehemalige Altenheim der Diakonie drei verschiedene Nutzer vorsieht: Künstler, Hotelgäste, Asylbewerber. Letztere sollen im „Grandhotel“ nicht nur wohnen, sondern sich am Leben dort beteiligen – sei es im Garten, in der Küche oder bei verschiedenen Kursen – wie jeder hier, der ein Zimmer oder ein Atelier mietet.
Dreh- und Angelpunkt ist die Kultur – auch jetzt schon, vor Einzug der Flüchtlinge. Sie musizieren, vor zwei Wochen gab es ein persisches Orangenblütenfest, vergangene Woche eröffnete der afghanische Kalligraph Sayed Adi Bahrami eine Ausstellung. Das hat auch seinen Grund: „Wir setzen bewusst auf dieses Zugpferd, damit sich die Menschen mit dem Thema Asyl auseinandersetzen“, sagt Sebastian Kochs, einer der Initiatoren.
In den vergangene Wochen und Monaten haben sich die Medien die Türklinke in die Hand gegeben: Nürnberger Nachrichten, Deutschlandradio, Süddeutsche, Bayern 5, die Berliner taz hat einen Bericht geplant und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Auch die Lokalpolitik hat staunend das Modellprojekt bewundert, das eine Gruppe von 15 bis 30 Kulturschaffenden stemmt. Gestern war die Bundesvorsitzende der Grünen Claudia Roth zu Besuch und eine ihrer Fragen lautete: „Gibt es denn ein ähnliches Projekt?“ Nein, entgegnete Kochs, „wir haben in ganz Deutschland gesucht, um uns Anregungen zu holen“ – Fehlanzeige.
Natürlich werde es auch hier die obligatorischen Essenspakete geben, sagt Fritz Graßmann, Theologischer Vorstand des Diakonischen Werks. Doch die Diakonie, die sich schon seit mehr als 20 Jahren in der Flüchtlingsberatung engagiert, habe das Projekt auch deshalb unterstützt, weil es eine kleine Flüchtlingsunterkunft ist und „weil große keine Zukunft haben“. Ihn begeistert die Truppe der Kulturschaffenden, weil sie „die Vision einer Gesellschaft haben, in der Flüchtlinge nicht am Rand leben, sondern aufgenommen werden“, denn das seien die Probleme, mit denen sich Deutschland die nächsten Jahre auseinandersetzen müsse.
Die Vision einer Flüchtlingsunterkunft, die „mit Kreativität, Humor und Spaß“ funktioniert. „Wir haben das Gefühl, dass da viel Zukunft drinsteckt, auch für uns“, sagt Graßmann. Sowie die Baugenehmigung erteilt ist, werden drei Stockwerke für die Flüchtlinge umgebaut – zum Teil auch in Eigenleistung. Eine Etage ist bereits fertiggestellt, hier könnten gleich die ersten Asylbewerber einziehen. Zurzeit suchen die Initiatoren nach der geeigneten Rechtsform für ihr Projekt; angedacht ist eine Genossenschaft.
„Wir haben uns mit der Regierung von Schwaben abgesprochen, dass am Anfang 20 Flüchtlinge kommen“, sagt Georg Heber, ein anderer Initiator des Projekts. Insgesamt sollen es einmal 70 werden, darunter auch Familien.
Zwölf Hotelzimmer gibt es im ganzen Haus, sie wurden liebevoll von Augsburger Künstlern gestaltet. Eines begeisterte Roth so sehr, dass sie vorschlug, die nächsten Gäste der Augsburger Grünen dort unterzubringen. Die Möbel sind alle gebraucht – Wohlstandsmüll, neu verwertet.
Noch ist vieles Baustelle, doch das passt zum experimentellen Charakter des Projekts. Denn mitmachen darf jeder, und zwar das, was er am besten kann. „Uns interessiert nicht, wie alt jemand ist oder wo er herkommt“, sagt Kochs. „Im 21. Jahrhundert brauchen wir neue, kreative Lösungen für unsere Probleme. Und es ist der Wunsch vieler Menschen, sich an sinnvollen Projekten zu beteiligen.“
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