Augsburg
Hilfe für die bröckelnde Stadtmauer
Verein will die Überreste der ehemaligen Verteidigungsanlage retten und restaurieren
Ursprünglich diente sie dazu, Bürger vor Feinden zu schützen. Ihre bunt bemalten Türme und mächtigen Bastionen demonstrierten Wehrhaftigkeit und Reichtum der Handelsmetropole. Heutzutage müssen die Bürger in ihrer Nähe aufpassen, dass sie nicht von herunterfallenden Steinen getroffen werden. Um die Reste der bröckelnden Augsburger Stadtmauer zu bewahren und zu restaurieren, hat sich im März 2012 ein Verein gegründet.
Er gründete im Frühjahr den Stadtmauerverein gemeinsam mit Werner Zimmermann und Werner Hartmann, die beide auch im Vorstand der Interessengemeinschaft „Historisches Augsburg“ sind. Dieser Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, die verbleibenden vier Kilometer der Mauer so gut wie möglich zu erhalten.
Dass heute überhaupt noch Teile der Mauer existieren – immerhin fünf der ursprünglich 15 Tore, nämlich das Rote, das Wertachbrucker, das Fischer- und das Vogeltor sowie die Bastion Lueginsland – ist nicht selbstverständlich. „Bis 1860 war die Mauer noch relativ vollständig, doch sie hatte ihre Abwehrfunktion bereits verloren“, erklärt der stellvertretende Leiter der Stadtarchäologie Sebastian Gairhos. „Deshalb begann die Stadt selbst, Mauerstücke und Tore, wie das Heilig-Kreuzer-Tor und das Gögginger Tor, niederzureißen, um Platz für den Verkehr zu machen und die Steine zum Straßenbau zu verwenden.“ So ist etwa der ehemalige Stadtgraben unter dem Theodor-Heuss-Platz noch mit den alten Ziegeln der Mauer verschüttet.
Ihre größte Ausdehnung erreichte die Mauer laut Gairhos im 15. Jahrhundert, nachdem man sie nicht nur in Nord-Süd-Richtung erweitert, sondern auch die Jakobervorstadt miteinbezogen hatte. Augsburg galt nicht zuletzt aufgrund seiner fortschrittlichen Waffentechnik zu diesem Zeitpunkt als uneinnehmbar. Erst das Aufkommen von Schusswaffen erforderte eine Verstärkung der Mauerdicke und die Aufschüttung von Erdwällen, die, so Gairhos, vor allem die abgefeuerten Kanonenkugeln abfangen sollten.
Besonders anschaulich belegen dies die kürzlich erst ausgegrabenen Fundamente am Königsplatz: Die dort gefundenen Mauerreste sind knapp neun Meter hoch und zwei Meter breit.
Eine historische Komponente hat auch das Wertachbrucker-Thor-Fest, das der Stadtmauerverein ausrichtet. So soll der Besucher unter dem restaurierten Wertachbrucker Thor die Zeit um 1600 hautnah miterleben und auch etwas zur Bewahrung der Stadtmauer beitragen. „Ein Euro des Eintrittspreises wird für die Sanierung gespendet“, erklärt Kuhnle.
„Wir wollen in Zukunft für den Erhalt der Mauer mehrere kleine Feste oder Aktionen veranstalten, vielleicht ein Grillfest oder durch einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt“, sagt Kuhnle. Dabei geht es dem Verein nicht um großangelegte Restaurierungsarbeiten, sondern auch um kleinere Dinge, wie etwa der Entfernung von Unkraut und Gebüsch auf der Mauer, um einer Steinsprengung durch Wurzeln vorzubeugen.
Ganz anders hat die Mauer hingegen im 17. Jahrhundert ausgesehen. Baumeister Elias Holl erbaute nicht nur Rathaus und Perlachturm, sondern verschönerte und erweiterte zwischen 1605 und 1626 die übrigen Stadttore, allen voran das Rote Tor und das Wertachbrucker Thor. „Wir haben an den Toren Farbreste gefunden, die vermuten lassen, dass man dort sogar Schießscharten aufgemalt hat“, sagt Gairhos.
Lange hat diese Pracht jedoch nicht gehalten. Noch zu Lebzeiten Holls, im Jahr 1618, begann der Dreißigjährige Krieg, dem auch Augsburg in Gestalt des schwedischen Königs Gustav Adolf zum Opfer fiel. Noch schlimmer kam es nur 50 Jahre später. In den Wirren des spanischen Erbfolgekriegs wurden die westlichen Befestigungsanlagen 1704 niedergerissen, die Stadt zuerst von den Franzosen und schließlich von den Bayern besetzt.
Durch die Schleifung der Mauer und weitere Kriegsschäden erlitt Augsburg laut dem Augsburger Stadtlexikon einen Verlust von knapp vier Millionen Gulden. Doch Quellenberichten, die von der vollständigen Zerstörung der Stadtmauer berichten, sind mit Vorsicht zu genießen. „Meistens riss man ein paar Türme ein, aber sicher nicht das ganze Mauerwerk“, erklärt Gairhos. „Schließlich wollte man die Befestigungsanlagen später für seine eigenen Zwecke benutzen und nicht wieder vollständig aufbauen müssen.“ Wiederaufbauen kann man die Stadtmauer inzwischen nicht mehr. Doch durch ihren Erhalt, wie es sich der Stadtmauerverein zum Ziel gesetzt hat, kann zumindest einen Teil der Stadtgeschichte bewahrt werden.
23.07.2012 | 08:00 Uhr - von Saskia Kerschbaum
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