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Augsburg

Puppenkiste nicht mehr gefragt?


Der Kinderkanal Kika mustert die Holzköpfe aus – die Begründung: das Figurentheater sei „zu langweilig“ und „zu langsam“.

„Schwarz ist es zwar, aber Lakritze ist es nicht“: Mit diesen Worten begrüßte Lukas, der Lokomotivführer, den kleinen Jim Knopf. Über 50 Jahre ist das nun her, aber zum Feiern war der Augsburger Puppenkiste im Oktober 2011 nicht zumute – da musterte der Kinderkanal (Kika) den Klassiker des Kinderfernsehens aus. Nun will Kultusminister Ludwig Spaenle für Jim Knopf und Co. kämpfen.

  • Puppenkiste nicht mehr gefragt? Puppenkiste nicht mehr gefragt?
    Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, haben beim Kinderkanal ausgedient: Die Marionetten, die vergangenes Jahr ihren 50. Geburtstag feierten, seien zu langsam, begründet der Sender. Nun will Bayerns Kultusmininister Ludwig Spaenle für die Puppenkiste kämpfen.
    Foto: Augsburger Puppenkiste
Bild von

Anfang der 1960er Jahre begann die Blütezeit der Augsburger Puppenkiste. Zusammen mit dem Hessischen Rundfunk verfilmte das Marionettentheater viele Kinderbücher, die Zusammenarbeit ging bis 1995. Bis 2000 war die Puppenkiste oft im Fernsehen zu sehen, dann gab es weniger Sendeplätze. 2008 zeigte der Kika 18 Folgen, bekannte Produktionen wie „Urmel aus dem Eis“ liefen an Ostern in der ARD, doch da musste man früh aufstehen, denn die Sendung begann um 7.30 Uhr.

„Den Kindern heutzutage ist das Marionettenspiel zu langsam“, begründete Sprecherin Gabriele Noll die Entscheidung des Kikas, die Puppenkiste zu streichen. Zwar erreichten die Sendungen noch immer stattliche Einschaltquoten, aber es seien die Erwachsenen gewesen, die Jim Knopf & Co. sehen wollten.

Für Bayerns Kulturminister Spaenle ein Grund, sich um die Qualität des Kinderkanals Sorgen zu machen. Er fordert, der öffentlich-rechtliche Sender solle sich nicht am Privatfernsehen messen, sondern seinem „besonderen Auftrag“ gerecht werden. Das Programm müsse sich am Kind und nicht an der Quote ausrichten.

Noch heute ist Jim Knopf weltweit bekannt: „Kinder finden’s prima“ urteilt beispielsweise die „Flimmo“ Programmberatung für Eltern. Doch die Sender setzen auf Trickfilm, Animation, Casting-Shows und Doku-Soaps. Und das, obwohl Experten gerade für die kleineren Kinder eine langsame Erzählweise, eine einfache Geschichte und Sprache und ein glückliches Ende empfehlen.

Klaus Marschall, Leiter der Puppenkiste, ist überzeugt, dass das Puppenspiel im Fernsehen noch längst nicht ausgedient hat: „Im Gegenteil: Wir erleben es in unseren jährlich 420 Vorstellungen hautnah, wie intensiv Kinder auf Figuren reagieren.“ Das Marionettentheater sei ein Sprungbrett für die Fantasie. Zeichentrick- und Animationsfilme, wo die Mimik übertrieben dargestellt wird, sei die Fantasie von Anderen, das Kind müsse nur noch zuschauen, aber nicht mehr denken. „Unsere Marionetten haben einen starren Gesichtsausdruck. Wir deuten nur an, was in ihnen vorgeht – und sagen dem Zuschauer, ,geht diesen Weg mit’“, so Marschall.

Angesichts des heutigen Fernsehangebots wundere er sich nicht, dass viele Kinder als hyperaktiv eingestuft würden. „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Sendungen wie ,Sponge Bob’ schädlich sind“, betont Marschall. Verloren ginge die Kreativität von Kindern sowie die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Genau das aber mache den Zauber des Figurentheaters aus. Die jährlich 91 000 Zuschauer, darunter viele Familien, mögen ihm da wohl recht geben.

KOMMENTAR
von Annette Liebmann


Klassiker gehören zum alten Eisen


Es war eine Nachricht, die vor allem die 30- bis 50-Jährigen erschütterte: Die Helden ihrer Kindertage wurden ausgemustert. Lummerland ist abgebrannt, in den deutschen Kinderzimmern hat sich damit endgültig ein Generationswechsel vollzogen, Urmel & Co. gehören nun ins Reich der Nostalgie.

Doch was ist dagegen einzuwenden, wenn die Bilder gemächlich statt blitzschnell über den Bildschirm flimmern? Wenn die Geschichten zwar auf schnelle Schnitte und Gewalt verzichten, dafür aber liebevoll gestaltet sind und zum Nachspielen oder sogar zum Lesen anregen? Absolut gar nichts, werden die 30- bis 50-Jährigen sagen. Im Gegenteil: Als Eltern sind sie beruhigt, wenn ihre Kinder Marionettentheater schauen. Die meisten Eltern sind ohnehin noch heute begeistert von den Holzköpfen. Sie sind es, die Kika einschalten, DVDs kaufen und ihre Kinder in die Puppenkiste schleppen. Und diese Begeisterung geben sie an die nachfolgende Generation weiter.

Keine Frage, Urmel & Co. sind Klassiker des Kinderfernsehens – und es ist absolut unverständlich, dass sie nun schon zum alten Eisen gehören sollen.

24.01.2012 | 16:48 Uhr - von Annette Liebmann

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