Die Lechfeldrecken begeistern sich fürs Mittelalter

Stolz auf das selbstgebaute Vereinsheim sind Nicole König und Thomas Arnold. Foto: Stöbich


Sie nennen sich Lechfeldrecken und sehen in voller Rüstung zum Fürchten aus, sind aber harmlos und wollen nur spielen. Thomas Arnold und seine Mitstreiter begeistern sich fürs Mittelalter; auf Märkten und Veranstaltungen wie dem Augsburger Bürgerfest oder dem Schrobenhausener Schrannenfest Mitte Juni wollen sie Aspekte des damaligen Alltags nachstellen sowie altes Handwerk und Kampfkunst anschaulich machen.

Die Mitglieder stellen eine Gruppe von Vaganten, Söldnern und Handwerkern dar, die sich im Jahre 1420 auf dem Lechfeld südlich der freien Reichsstadt Augsburg zusammenfinden. Das Datum fällt in die Regierungszeit König Sigismunds, die Zeit der Hussitenkriege und des 100-jährigen Krieges zwischen Frankreich und England. Arnold alias Thomas von Haldenberg ist im bürgerlichen Leben Dachdecker; doch einen Konrad von Haldenberg hat es tatsächlich gegeben. Haltenberg ist heute die einzig erhaltene Burgruine am gesamten Lechrain zwischen Donauwörth und Füssen.

Seine Liebe zur Epoche der edlen Damen und wackeren Recken hatte Arnold vor einigen Jahren beim Altstadtfest "Friedberger Zeit" entdeckt. "Da gab es zwar keine Ritter", erzählt er, "aber damals wurde mein Interesse für historische Themen geweckt." Und so besorgte er sich Metallringe und schmiedete in achtwöchiger Arbeit sein erstes Kettenhemd.

1999 gründete er mit Gleichgesinnten eine Interessengemeinschaft, die ähnlich wie ein Verein geführt wird, aber ohne dessen Formalien auskommt. Auch sonst nehmen es die Mitglieder nicht übertrieben genau mit der Historientreue und gehen Kompromisse ein, zum Beispiel wenn es den Hauptmann nach Folienkartoffeln gelüstet - "das sind dann einfach Dünnblechknollen", meint er schmunzelnd.

Auf Arnolds über tausend Quadratmeter großem Gartengrundstück steht das in Eigenregie gebaute Vereinsheim der Lechfeldrecken: Eine Art hölzernes Hexenhaus mit schiefen Wänden sowie einer Rittertafel und Schlafplätzen im Inneren. Hier wird möglichst authentisch ohne Handy gefeiert und gegrillt, erzählt Arnold: "Das sind große Familientreffen - man kennt einander und verbringt ein tolles Wochenende ohne Alltagsstress, E-Mail und Smartphone."

Auf Hochzeiten, Märkten und anderen Veranstaltungen tritt er mit einer eindrucksvollen Feuershow auf; mit seinen Mitstreitern nahm er sogar schon an Festen in Kärnten und Kroatien teil. Bei den spektakulären Schaukämpfen kommt dem Hauptmann zugute, dass er jahrelang Kampfsport betrieben hat. Denn bei den wilden Spielen mit Dreschflegel oder Morgenstern geht es nicht gerade zimperlich zu: "Einmal habe ich einem Kollegen versehentlich das Nasenbein gebrochen." Trotz solch unvorhergesehener Zwischenfälle betreiben die Lechfeldrecken ihr aufwendiges Hobby mit viel Herzblut und Liebe zum Detail.

So hat seine Partnerin Nicole König in dreiwöchiger Arbeit rund 3000 winzige Ringe zu einer Handy-Tasche verarbeitet; zusammen mit ihrem Lebensgefährten stellt sie auch Fußkettchen, Ohrringe und anderen Schmuck her. "Ich war schon als Kind in einer Theatergruppe und habe viel Spaß am Rollenspiel", erklärt sie ihre Motivation für das Leben im Heerlager: "Wir kochen am Lagerfeuer, schlafen in Zelten und spielen unsere Figuren ohne moderne Hilfsmittel."

Einzelpersonen und Familien sind laut Arnold jederzeit willkommen und können bei den Lechfeldrecken relativ schnell ins Gewand mittelalterlicher Gestalten schlüpfen: Ob Bauer oder Bürger, Gaukler oder Geistlicher, Handwerker oder Kriegsknecht.

Kleidung und Ausrüstung werden überwiegend selbst hergestellt. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.exkalibur.de. (Peter Stöbich )
1
Einem Autor gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.