Reportage aus dem Trauertreff: Geteiltes Leid

Zu Beginn des Trauertreffs darf jeder eine Kerze anzünden. Im Bild links ist die Lichtstele.
 
Der nächste Trauertreff findet am 23. Februar im Pfarrzentrum statt.

Franz K. (Namen geändert) hat seine Frau verloren, zweieinhalb Monate zuvor seine Mutter. „Trauer ist ein ständiger Begleiter“, sagt er. „Man kann über etwas traurig sein, aber das ist keine Trauer.“ Gleichgesinnte und Geborgenheit findet Franz K. im Trauertreff in Schwabmünchen, der an jedem letzten Dienstag im Monat ab 14.30 Uhr im katholischen Pfarrzentrum St. Michael, Schrannenplatz 3, stattfindet.

Zwölf Frauen und Männer sind in das Pfarrzentrum gekommen. Sie sind aus Walkertshofen, Untermeitingen oder Schwabmünchen. Jeder von ihnen zündet eine Kerze an. Jeder darf traurig sein, weinen, seiner Erinnerung nachhängen. Niemand spricht, nur der CD-Player spielt Panflöten-Musik.
Seit 2009 gibt es den offenen Trauertreff in Schwabmünchen. Diakon Winfried Eichele, Trauerbegleiter und Klinikseelsorger, stellt klar, dass Menschen aller Konfessionen, alle von Leid und Tod Betroffenen in den Trauertreff kommen können. Eine Anmeldung sei nicht nötig. Ihm zur Seite steht Trauerbegleiterin Uschi Baiter von der evangelisch-lutherischen Gemeinde Schwabmünchen. 20 Jahre lang arbeitet sie in der Hospizgruppe St. Elisabeth, 17 Jahre als Klinikseelsorgerin. Sie ist es, die sich um die Neuen im Trauertreff kümmert, mit ihnen Einzelgespräche führt.
Nach dem Anfangsritual gibt es Kaffee und Käsekuchen. Alle setzen sich an den Tisch: Efeu, gelbe Rosen und Kerzen, die Servietten sind sorgsam gefaltet. „In der Trauer vergisst man sich oft selbst“, weiß Diakon Eichele. „Deshalb gehört das Essen immer dazu. Es ist eine körperliche Stärkung.“ Beim Kauen und Kaffeetrinken kommt die Kommunikation in Gang: Ein paar lachen, sie besuchen den Trauertreff schon seit Jahren und kennen sich, andere sind stumm, sie hören einfach zu.
Auf zehn Frauen kommen zwei Männer. Das ergebe sich aufgrund der Demografie, erklärt eine Teilnehmerin. Frauen ab 70 Jahren seien oft Witwen. „Männer tun sich schwerer, einen Trauertreff aufzusuchen“, fügt Franz K. hinzu. Frauen können sich leichter öffnen, auch wegen der Erziehung: Männer dürfen nicht weinen. „Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich aufgerafft habe, hier hinzugehen“, erinnert er sich. „Ich war dann angenehm überrascht.“
Nach Kaffee und Käsekuchen darf jeder etwas über sich erzählen – oder nicht. Franz K. stellt sich vor: Vor vier Jahren starb seine Frau an Krebs, kurz zuvor seine Mutter. Konnte er den Tod seines etwa 80 Jahre alten Elternteils noch halbwegs akzeptieren, riss der Tod seiner Gefährtin ihn aus dem normalen Leben. Eine alte Dame trauert um ihren ersten Ehemann, der vor mehr als vierzig Jahren gestorben ist, eine junge Frau um ihre Großmutter. Es gibt auch Trauernde, die voll des Lobes sind und sich bedanken, dass sie Monat für Monat hier sein dürfen, dass sie so sein können, wie sie sind. „Man merkt hier, dass andere genau dasselbe durchleben. Die anderen verstehen das“, findet Franz K. „Draußen“ sei das nicht der Fall, selbst die besten Freunde können das nicht nachvollziehen.
Das Besondere am Trauertreff: „Jeder darf seine Trauer haben“, erklärt Eichele. „Diese Trauer darf auch sein.“ Verwandte, Freunde, Bekannte glauben laut Eichele oft zu wissen, wie die Trauernden trauern sollen und geben Tipps wie „Jetzt räum doch die Sachen weg“. Viele Stunden haben die Teilnehmer des Trauertreffs diskutiert, woher diese Reaktionen und Ratschläge kommen. „Als mein Vater gestorben ist, konnte ich meine Mutter nicht verstehen“, berichtet Franz K. „Jetzt, da meine Frau gestorben ist, verstehe ich.“
So konnte Franz K. die ersten drei Jahre nicht mehr die Orte besuchen, an denen er und seine Frau spazieren waren – heute sucht er diese Orte auf, jedes Jahre fahre er an die Nordsee. Er gesteht, dass er Angst hatte, zum Trauertreff zu gehen. Darum sei das Einzelgespräch so wichtig. „Die ersten Treffen hört man mehr zu. Man spürt, dass man unter Gleichgesinnten ist.“ Das hilft. Denn Trauer könne auch vereinsamen. „Die erste Zeit war so ein Verlust. Man steht so außerhalb von sich. Und dann ist man selbst überrascht: Jetzt kann ich wieder lachen.“
„Jeder hat seinen Trauerweg“, weiß Eichele. „Die einen brauchen den alten Pullover, um daran zu riechen, andere gehen jeden Tag ans Grab.“ Und: Die Trauer vergehe nie, sie werde nicht weniger. Trauernde wünschen sich darum, ihre Sorgen erzählen zu dürfen, ohne dass der Gesprächspartner gleich das Thema wechselt, einen ehrlichen Zuhörer, jemanden, der akzeptiert, dass sie in Trauer sind und ihre Ruhe brauchen. Vor allem wollen sie nicht, dass jemand ihnen aus dem Weg geht.
Während Uschi Baiter mit den Neuen spricht, diskutieren die anderen die „Trauerwand“, ein Projekt, das sie in den vergangenen Monaten erarbeitet haben. „Wir erleben unsere Trauer wie eine Wand“, erläutert Eichele. Die Trauernden beantworteten Fragen wie „Was ist Trauer?“ und „Was würde mir helfen?“, die Ergebnisse lesen die Teilnehmer nun vor: „Manchmal habe ich den Eindruck sie [die Trauer] ist wie ein schwerer Stein oder ein Schmerz, der das Herz zerreißt. Dann ist sie wieder ganz anders, eine liebevolle Erinnerung an vergangene Zeiten.“
Diakon Eichele hat etwas vorbereitet, er hat eine Lichtstele von Martin Knöferl mitgebracht. Jeder darf sich dazu Notizen machen. Als es ans Schreiben geht, driften die Gedanken der Teilnehmer ab. „Das mache ich in Ruhe zu Hause“, sagt eine Teilnehmerin.
Zum Schluss dürfen die Trauernden singen – das soll helfen, wieder in die Welt zurückzufinden. „Der Verlust bleibt“, findet Petra F. Vor zehn Jahren verlor sie ihren Mann. Die ersten Jahre habe sie die Trauer allein getragen, nun ist sie in der Trauergruppe. „Man hat alles: Freunde, Familie. Aber die Gruppe ist wirklich etwas Wertvolles.“

Der nächste Trauertreff findet statt am Dienstag, 23. Februar, von 14.30 bis 17 Uhr, im katholischen Pfarrzentrum. Mehr Informationen gibt es bei Diakon Eichele, Telefon 08232/4521, und Uschi Baiter, Telefon 08203/1086.
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