Auf den spannenden Spuren Hessings

(Foto: Thomas Hack)
 
(Foto: Thomas Hack)

Heinz Münzenrieder präsentiert ungewöhnliche Einblicke in das Leben des Gögginger Wohltäters

Er begann als einfacher Schreinerlehrling und wurde zum mehrfachen Millionär. Er schenkte Tausenden behinderten Menschen ein neues Leben und setzte sich dabei über sämtliche Lobbys hinweg. Er maß unscheinbare 1,47 m und gilt heute als einer der größten Wohltäter der Geschichte. Die Rede ist von Hofrat Friedrich Hessing, der vom Augsburger Stadtteil Göggingen aus ein Imperium der selbstlosen Menschlichkeit errichtete. Der Vorsitzende der AWO Schwaben und frühere Stadtdirektor Dr. Heinz Münzenrieder hat sich nun auf die Spuren dieses faszinierenden Orthopädie-Pioniers begeben und in einem unterhaltsamen Vortrag in der Hessingburg spannende wie auch höchst kuriose Einblicke in dessen bewegendes Leben offenbart.

Ein Wohlfahrtsgedanke, der nachwirkt

Der Zeitpunkt der Veranstaltung war dabei durchaus mit Bedacht gewählt: Die AWO Schwaben feiert dieses Jahr ihr 90-jähriges Bestehen und sieht sich vor allem auch von Hessings einzigartigem Wohlfahrtsgedanken in die Pflicht genommen. „Ein Jahr nach Hessings Tod wurde in Deutschland die Arbeiterwohlfahrt ins Leben gerufen“, erklärte Münzenrieder zu Beginn des Nachmittags, „ein wichtiger Gründungsakt, durch den heute zahllose Menschen wertvolle Hilfeleistungen erfahren dürfen“. Doch wer nun glaubte, im Anschluss an diese Sätze eine staubtrockene Rede hören zu müssen, wurde schnell eines Besseren belehrt: Münzenrieders Gabe der packenden Erzählkunst ließ ein derart lebendiges Bild des einstigen Hofrats wieder auferstehen, dass man regelrecht vor Augen hatte, mit welchen Problematiken Hessing in jener Zeit zu kämpfen hatte.

Mittels historischer Fotografien, vergnüglicher Zitate und kurzweiliger Anekdoten nahm der ehemalige Stadtdirektor die Zuhörer mit auf eine fesselnde Reise durch Ereignisse und Epochen, wie sie wohl kaum spannender erzählt werden könnte: Wie alle Schreinergesellen stellte auch Hessing in jungen Jahren einfache Möbelstücke her. Doch schon bald hatte er eine weitaus größere Mission vor Augen: Er wollte nicht nur die Lebensqualität einzelner Auserwählter bereichern, sondern vor allem den körperlich Gebrochenen ein ganz neues Leben schenken. Sein erkorenes Ziel: fehlende Körperteile durch künstliche Materialien und Gliedmaßen zu ersetzen.

Vom Zarenhof bis nach Peru

Und mit dieser Mission begann eine spannende Lebensgeschichte mit zahllosen Überraschungen: So begegnete man in Münzenrieders Vortrag unter anderem dem russischen Zarenhof, einem peruanischen Andenmädchen, den geheimnisvollen Rittern der Pankgrafschaft – und vor allem dem wunderschönen Umstand, dass der Hofrat auch den Mittellosen unter seinen mehr als 60.000 Patienten eine professionelle Behandlung zuteil werden ließ. Münzenrieder fuhr schließlich regelrecht zur Hochform auf: Seine ausladenden Gesten untermalte er mit spritzigen Kommentaren und sorgte mit schelmischem Humor dafür, dass immer wieder ein herzhaftes Lachen im Publikum zu hören war. Vergangene Zeiten erwachten wieder zu neuem Leben, alte Bräuche erfuhren eine neue Würdigung. Helga Eberle vom Gögginger Geschichtskreis sorgte dabei nicht nur für anschauliche Fotobeispiele, sondern reicherte das Referat gleichermaßen durch fachliche Informationen an. Als Münzenrieder seinen mitreißenden Vortrag beendete, war den Besuchern deutlich geworden, welch außergewöhnliche Persönlichkeit Friedrich Hessing tatsächlich war und wie ausgerechnet ein Millionär zu einem sozialen Wohltäter aufgestiegen ist, dem am Ende schließlich die ganze Welt Respekt entgegenbrachte.
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