Flucht damals und heute

Erzählungen und persönliche Schicksale beeindruckten bei der Eröffnung der kurzen Ausstellung "Flucht und Vertreibung 1945 bis 2016". In Deutschland haben auch früher schon Menschen Asyl gesucht. Simone Strohmayr (Mitte) eröffnete die Ausstellung. Foto: pm


60 Millionen Menschen sind gerade weltweit auf der Flucht, das ist die höchste Anzahl, die der UN-Flüchtlingsrat jemals verzeichnet hat. Mehr als eine Million Flüchtlinge sind in Deutschland aktuell registriert. "In einer Zeit, die wie kaum eine andere vom Thema Asyl geprägt ist und von den Ängsten und Unsicherheiten der Menschen, gewinnt die Erinnerung an Vergangenes an Bedeutung", sagt SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr bei der Eröffnung der Ausstellung "Flucht und Vertreibung 1945 bis 2016" in der Friedenskirche in Stadtbergen. Kein Sitzplatz war mehr frei, so groß war das Interesse an der Wanderausstellung, die ursprünglich in Niederbayern zu sehen war.

Die Ausstellung schlägt die Brücke zwischen der Vertreibung der evangelischen Christen aus Schlesien in den Jahren 1945/46 sowie Flucht und Asyl heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren etwa 12 bis 15 Millionen Deutsche aus Ostdeutschland und Osteuropa auf der Flucht. Auch in Schwaben suchten und fanden sie eine neue Heimat. "Sie zu integrieren war nicht leicht, weder für die Betroffenen, noch für die Menschen vor Ort", so Strohmayr. Hinter vielen lag ein wochenlanger, lebensgefährlicher Fußmarsch. Viele von ihnen kamen hier krank an. Besonders für die Älteren und Kinder waren es unvorstellbare Strapazen. Durch ihren Zuzug vergrößerte sich die evangelische Gemeinde Schwabens.

Gleich zweimal ist Walter Brosig geflohen. Er verließ seine Heimat im Ostsudetenland (Kreis Freiwaldau) und wurde in der Ostzone von den Sowjets zur Arbeit in einem Uranbergwerk eingeteilt. Da sind sein Bruder und er noch einmal geflohen - dieses Mal in den Westen.

Sieglinde Hammerl kann sich noch gut an die Flucht erinnern. Sie floh mit ihrer Mutter und den Geschwistern vor der Roten Armee ursprünglich aus Kattowitz (Polen) zunächst zu Verwandten nach Dresden.

Besonders stark sind ihr die Angriffe der Tiefflieger in Erinnerung geblieben. "Das wir das überlebt haben, ist ein Wunder". Schließlich ging es weiter, bis die Familie im Allgäu auf einem Bauernhof unterkam. "Wir hatten eine Stallkammer für alle und schliefen auf Strohsäcken". Zu ihrem Geburtsort fehlt ihr der Bezug. "Bayern ist meine Heimat."

Sehr bewegt waren die Gäste ebenfalls von den Schilderungen der Familie Rstom und Jamal aus Syrien. Die Familie war mehrere Wochen überwiegend zu Fuß unterwegs. "Wir hatten uns die Füße wund gelaufen, schliefen unter Bäumen und in Parks", berichtet Jamal. Unter ihnen waren vier kleine Kinder. Von der Türkei waren die Familien erst mit dem Schlauchboot nach Kos übergesetzt. "Davor hatten wir große Angst, weil wir hörten, dass viele Menschen schon gestorben sind."

Durch Mazedonien ging es hunderte Kilometer zu Fuß. In Ungarn wurden sie von Einheimischen angegriffen und schließlich von der Polizei verhaftet. Doch in Syrien zu bleiben, war keine Alternative. "Wir mussten weg". Jamal beschreibt, wie dort tagtäglich Menschen umgebracht werden. Zudem kommt die humanitäre Katastrophe, da viele der dort Verbliebenen Hunger leiden müssen.

"Wir haben noch Familie in Syrien", schließt er mit Tränen in den Augen. Begleitet wurde die Familie von der Königsbrunner Stadträtin Andrea Collisi, die sich ehrenamtlich in der Unterkunft an der Lilienthalstraße in Königsbrunn engagiert.

Ingrid Strohmayr, Integrationsbeauftragte aus Stadtbergen, berichtete von der Arbeit im Asylhelferkreis. Inzwischen gibt es 150 Helfer, die vielfältig im Einsatz sind. So werden Sportprogramme wie Fußball und Badminton organisiert. Auch Deutschkurse werden zusammen mit den Ehrenamtlichen umgesetzt. Hausherr und Pfarrer Adam Weiner zeigt sich begeistert, wie gut auch das Friedenscafé und die Mutter-Kind-Gruppe angenommen werden. "Die Hilfsbereitschaft in Stadtbergen ist enorm", zeigt sich Strohmayr begeistert.

Auch Regionalbischof Michael Grabow, Oberkirchenrat im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben, sicherte finanzielle Unterstützung zu.

Von dem bunten Leben in ihrem Dorf erzählte Annemarie Wurm, die sich ebenfalls ehrenamtlich engagiert. Nach Unterbergen (bei Mering) sei plötzlich mit den Flüchtlingen Leben gekommen. "Ich hätte manchen Leuten gar nicht zugetraut, dass sie so nett sind", erzählt Wurm. Zusammen mit ihrem Mann organisiert sie seit einiger Zeit deutsch-israelischen Austausch.

Den Auftakt der Ausstellung begleitete musikalisch die Trommelgruppe Africans aus Diedorf. (pm)
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