Waldkindergarten Welden - im Winter

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  „Was? – Draußen im Wald? Den ganzen Vormittag lang? Bei diesen Temperaturen? Ihr Armen!“
Das hören Eltern wie Mitarbeiterinnen oft in diesen Tagen. Bei den einen schwingt Bewunderung zwischen den Zeilen, bei anderen eher Mitleid. Doch was treibt uns dazu an, der Kälte zu trotzen und unsere Kinder trotzdem raus zu schicken bei eisigen Temperaturen, bei denen mir die Finger morgens um halb 8 selbst auf dem kurzen Weg vom Parkplatz zum Sammelpunkt weh tun, hätte ich keine Handschuhe an. Fürsorglich eingepackt in mehreren Schichten trudeln die ersten Kinder ein. Ich werfe einen prüfenden Blick auf die Kinderschar: Nein. Unglücklich sehen sie nicht aus. Ich schaue in strahlende Kinderaugen. Manche von ihnen vielleicht noch etwas verschlafen, aber die frische Luft macht selbst die größten Schlafmützen schnell munter. Ein Vater schüttelt schelmisch einen schneebedeckten Zweig und lachend beginnen die Kinder eine Schneeballschlacht. Wie eine Schar junger Hundewelpen tollen die Jungen und Mädchen im Schnee herum – ein bisschen wilder als sonst vielleicht. Ich beobachte sie und mir fällt das Sprichwort ein: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde mich erinnern. Lass es mich tun, und ich werde es verstehen.“ Die Kinder haben es verstanden: Wenn ich mich bewege, wird mir warm.
Dann geht’s los auf unsere Lichtung. Der knirschende Schnee unter unseren festen Schuhen durchbricht die Stille des Waldes. Da! Drei Eichhörnchen turnen übermutig zwischen den Bäumen herum – der Hunger hat sie für kurze Zeit aus ihrem Kobel gelockt und erweckt die leise Winterwelt zum Leben. Minutenlang stehen wir still und schauen diesem lustigen Treiben zu.
Im Morgenkreis singen wir ein Bewegungslied vom Schneemann und erwartungsvoll fragen uns die Kinder, ob wir noch zum Schlittenberg gehen. – Keine Frage! Aber zunächst verhelfen wir noch ein paar wenigen Kindern zu besserer Laune: sie dürfen beim Feuer machen im Tipi helfen und schleppen mit großem Eifer gespaltenes Holz herbei. Beim Anblick des knisternden Feuers hellen sich ihre Gesichter auf. Wohlige Wärme macht sich breit im Tipi und zur Brotzeit sitzen alle ums Lagerfeuer und die roten Bäckchen der Kinder leuchten im Schein des Feuers.
Draußen hat sich der Nebel verzogen. Die Sonne schickt ihre kurzen Strahlen durch die kahlen Äste. Ein leichter Windhauch lässt etwas Schneestaub herabrieseln. Ein Kind ruft: „Uuii, das sieht aus wie kleine Diamanten!“ Ich lächle und innerlich freue ich mich: Dass eine Dreijährige ihre Umwelt so intensiv erlebt, ist für mich in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit.
Selbstverständlich sind im Wald nur wenige Dinge: Die Wärme ist das eine. Kein fließendes Wasser. Kein Strom. Keine Toilette, wie wir sie uns normaler Weise so vorstellen. Die Komfortzone sieht anders aus. Was wir den Kindern mitgeben können ist, unsere komfortable Welt schätzen zu lernen, Überfluss nicht im Übermaß zu beanspruchen, den Grundstock zu schaffen für ein ressourcenorientiertes Leben und unsere Umwelt mit wachen Sinnen wahrzunehmen. Und so sage ich aus vollem Herzen: „Uns geht’s gut im Wald – auch bei diesen Minustemperaturen. Kinder, Kinder. Jetzt ist‘s Winter. Jetzt liegt Schnee. Ist das schee!“
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Hermann Oehmig aus Gersthofen | 27.01.2017 | 17:14  
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