Musikschule Wertingen: Beeindruckender Konzertabend mit Duo Biloba & Ildikó Szabó

Andreas Lipp (Klarinette), Katharina Groß (Klavier) und Ildikó Szabó (Violoncello) (v. l.) verzauberten das Wertinger Publikum mit ihrer Interpretation der dargebotenen Werke.
 
Mit einer Zugabe aus der Sammlung von (Märchen-)Erzählungen von Robert Schumann endete ein grandioser Konzertabend mit den Künstlern (v. l.) Katharina Groß (Klavier), Andreas Lipp (Klarinette) und Ildikó Szabó (Violoncello).
 
Lang anhaltender Applaus und Blumen gab es als Dank für die Künstler nach dem beeindruckenden Konzert.



von Christian Kaufmann

Perspektiven auf das Leben – so könnte man das Konzert der drei beim Deutschen Musikwettbewerb 2016 mit einem Stipendium des Deutschen Musikrats ausgezeichneten jungen Künstler Andreas Lipp, Klarinette, Katharina Groß, Klavier, und Idlikó Szabó, Violoncello, am 5. November 2017 in Wertingen überschreiben. Die in die Bundesauswahl Konzerte junger Künstler aufgenommenen Musiker stellten ein Programm zusammen, in dem zweimal je ein Werk eines jungen Komponisten und ein Alterswerk eines Komponisten einander gegenübergestellt werden.

Am Beginn des Konzertabends stand das von Ludwig van Beethoven im Alter von 27 Jahren geschriebene Trio op. 11, das aufgrund des Zitates einer zur Entstehungszeit verbreiteten Melodie im letzten Satz als „Gassenhauer-Trio“ bezeichnet wird. Vom ersten Takt des ersten Satzes „Allegro con brio“ an verfolgten die Zuhörer gebannt das musikalische Geschehen, vor allem dank der Einigkeit der Musiker in Phrasierung, Dynamik und Agogik. Dies gilt ebenso für die vielen von einer nie versiegenden, gleichsam jugendlichen, Lebendigkeit bestimmten Passagen wie für die tief nachdenklichen Momente – ebenso für Passagen, in denen die Stimmen gleichwertig zusammenspielen, wie für Momente, in denen eine sprachnahe Melodiestimme behutsam, manchmal anfragend, begleitet wird. Dabei beantworteten Klavier und Violoncello in erstaunlicher Weise den weichen Tonansatz der Klarinette, näherten sich Klarinette und Violoncello dem harten Impuls des Klaviers in ihrer je eigenen Klangsprache an. Den langsamen zweiten Satz gestaltete das Trio als einen berührenden Klagegesang, in dem sich die Melodie zwischen den dominierenden absteigenden Gesten immer wieder neu aufbäumt oder aber, im lebendigen Zusammenspiel die Klage verwandelnd, aufschwingt. Nach dem Erlebten nicht passend gewesen wäre eine schlagartige Wende im variationsartigen Schlusssatz. Darum wissend ließen Lipp, Groß und Szabò das Publikum Anteil nehmen an innigem Sich-Bestärken, an frechem Wechselspiel, an fragendem Innehalten und erst dann an befreitem volksliedhaftem Singen, das sich zwischen den kantigen Rhythmen und polyphonen Strukturen Beethovens immer wieder neu Bahn bricht.

Trio von Fauré in seiner Urfassung

Es folgte das von Gabriel Fauré 1922, im Alter von 72 Jahren, auf den Einfluss des Verlegers Durand hin für die klassische Besetzung eines Klaviertrios mit Streichern herausgegebene, doch ursprünglich für Klarinette, Violoncello und Klavier konzipierte Trio op. 120, das die gastierenden Künstler sozusagen in seine Urfassung zurückversetzten. Die drei Sätze des Werkes muteten an wie drei Dimensionen eines Lebensrückblicks. Der Kopfsatz ließ so Entwicklungen, wie sie an einem Menschen zerren, miterleben. Klanglich farbenreich, melodisch von wenigen, von dem Ensemble minutiös ausgeformten, Gesten ausgehend, entfesselte er ein Vexierspiel, das sich bis zu einem regelrecht verstörenden Höhepunkt auflud. Auch im zweiten Satz griffen die Stimmen ineinander, bis sie gemeinsam einen Traum, Stimmungen des Erlebten, beschworen. Anstatt eines Höhepunkts als Entladung schufen sie viele Höhepunkte besonderer Intensität des durch Dissonanzen und Kontrapunktik stets spannungsvollen Miteinanders. Im abschließenden Allegro vivo, in dem das Trio orchestrale Klangfülle entfaltete, stand gleichsam die einem Menschen abverlangte und zugewachsene Lebenskraft vor Augen. Zunächst steigerten sich Klarinette, Violoncello und Klavier in immer neuen Anläufen in eine die Zuhörer ansteckende Unruhe, sowohl innerhalb der Einzelstimmen als auch in ihrem raschen Wechsel. Vermehrt jedoch, besonders aufgrund des homophonen Satzes bis hin zum Unisono, beeindruckte eine Konzentration auf das Essentielle, das auszudrücken Fauré von der Konventionalität und Simplizität Dur-Moll-tonaler Melodiebildung Abstand zu nehmen bewogen hatte.

Begeisterung für neue Komposition

Den zweiten Teil des Konzertes eröffnete, gewissermaßen der mit Fauré gelegten Spur folgend, das von dem 1984 geborenen Sven Daigger dem gastierenden Trio gewidmete einsätzige Werk. Im Saal war sogleich eine Begeisterung für die Komposition zu spüren, begünstigt durch die wie in keinem anderen Programmteil spürbare Freude der Musiker, nicht zuletzt an der – von Andreas Lipp in den einführenden Worten als Wert der Einstudierung Neuer Musik hervorgehobenen – engen Zusammenarbeit mit dem Komponisten. In an abgerissene Sprachgesten denken lassenden, sich zusammenfügenden und ausbreitenden rhythmisch-melodischen Zellen wurden Konstellationen der Beziehung zwischen Hauptmelodie und Begleitung, Original und Imitation, Motiv und Umkehrung ausgelotet. Daigger lässt dabei mit der Tradition musikalischer Strukturbildung spielen, formt und verformt beispielsweise aufsteigende Melodiezüge der Spitzentöne oder Akkordbrechungen. Die Überschriften der drei Abschnitte, „mit Schwung“, „rasend“ und „stoisch“ wirkten wie ein Schlüssel zu einem Verständnis Neuer Musik kraft einerseits der Unmittelbarkeit des Erfassens der Klanggestalt, andererseits ironischer Distanz.

Einfühlsam und mit persönlichem Ausdruck

Das abschließende, original für die Besetzung Klarinette, Violoncello und Klavier vorgesehene, Hauptwerk des Abends hatte Johannes Brahms 1891 dem Soloklarinettisten des von ihm sehr geschätzten Meininger Orchesters zuliebe komponiert, nachdem er zuvor schon den Abschluss seines kompositorischen Schaffens verlautbart hatte. Dies erklärt die Individualität der Ausgestaltung klassischer Formmodelle durch Brahms, die Lipp, Groß und Szabó Raum gab sich in höchster Individualität und Intimität musikalisch zu begegnen und zu unterstützen. So ließ, gleichermaßen in jedem der vier auch in sich vielfältigen Sätze, die Einfühlsamkeit für den persönlichen Ausdruck des Anderen das Einverständnis entstehen, das den Kantilenen die für die Kammermusik von Brahms so charakteristische innere Ruhe bei gleichzeitiger höchster Erregung verleiht. Das gemeinsame Pulsieren und Phrasieren, in Hauptstimme und Begleitung, Melodielinie und Arpeggio vervollkommnete die Synthese von Linearität und Akkordkonstellationen. Wenn man versucht, in ein Wort zu fassen, was dieses Spätwerk in dieser Aufführung den Zuhörern vermittelte, liegt das Wort der Anmut nahe – nicht als Gegensatz zu romantischer Schwermut, sondern als Art sich dieser rückblickend auf einen langen kompositorischen Weg in der Tradition klassischer Melodie- und Formbildung und auf einen erfüllten Lebensweg anzunähern.

Den anhaltenden Applaus erwiderten die Musiker – Passenderes wäre nicht möglich gewesen – mit einer Zugabe aus der Sammlung von (Märchen-)Erzählungen von Robert Schumann, dessen Freundschaft und dessen Schicksal Brahms' Leben geprägt hatte.
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