"Steinwurf ist falsches Signal"

Die Erstaufnahmeeinrichtung von Asylbewerbern in Wertingen befindet sich im ehemaligen "Augsburger Hof". Dort organisiert die Regierung von Schwaben die Abläufe. Hier haben unbekannte Männer ein Fenster eingeschlagen (untere Reihe Mitte). Foto: Siegfried P. Rupprecht

Attacke auf die Erstaufnahmeeinrichtung von Asylbewerbern. Kripo fahndet nach zwei jungen Männern. Bürgermeister Willy Lehmeier fordert Miteinander und Abbau von Vorurteilen.

Bürgermeister Willy Lehmeier nimmt klar Stellung: "Der Steinwurf hat mich erschreckt und ist nicht zu entschuldigen." Vize-Landrat Alfred Schneid bezeichnet die Attacke als "ziemlich blöde Einzelaktion".

Die Serie fremdenfeindlicher Angriffe auf Asylbewerberheime reißt nicht ab. Jetzt haben die Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte auch Wertingen erreicht. Zwei unbekannte junge Männer warfen mit einem Stein ein Fenster der Erstaufnahmeeinrichtung im ehemaligen "Augsburger Hof" ein. Dort werden rund 100 Asylbewerber aufgenommen.

Die Polizei geht eindeutig von einem fremdenfeindlichen Angriff aus. Wie sie mitteilt, haben die Unbekannten nicht nur ein Fenster eingeschlagen, sondern auch ausländerfeindliche Parolen skandiert. Verletzt wurde bei dem Vorfall niemand. Die Kripo Dillingen fahndet nach zwei etwa 20 Jahre alten Männern, die zur Tatzeit mit Jeans und T-Shirt bekleidet waren.

Unverständnis über den Steinwurf zeigt auch Stadtrat Ludwig Klingler (Bündnis 90/Die Grünen). "Der Angriff kam wahrscheinlich von ein paar unbelehrbaren Neo-Nazis oder deren Mitläufer", vermutet er. Die gebe es natürlich auch in der Region Wertingen. "Ich erinnere hier an die Vorkommnisse der letzten Jahre." Als Beispiele nennt Klingler den Angriff auf eine farbige alleinerziehende Frau sowie die Hetze gegen den damals geplanten Moscheebau und die Muslime vor Ort.

Soweit geht ein anderer Stadtrat nicht. "Ich möchte erst einmal feststellen, dass die Polizei noch ermittelt, es also keine Tatverdächtigen gibt und auch kein Motiv", betont Peter Seefried (BIW). Er sieht den Steinwurf von den Medien aufgebauscht. So habe es niemanden groß interessiert, als im Winter vergangenen Jahres zwei Asylbewerberfamilien mit Messern aufeinander losgegangen seien, sagte er. "Auch als 2008 in Wertingen ein deutscher Jugendlicher von einem Ausländer niedergestochen wurde, gab es in der örtlichen Presse keine große Reaktion."

Seefried hält nach eigenen Worten "diese Unterscheidung - deutscher Straftäter schlimm, fremder Straftäter nicht wirklich schlimm - für voreingenommen und falsch".

Aber auch die Bürger ohne Mandat melden sich zu Wort. Markus Eser beispielsweise bis vom Südpol, wo er derzeit als Techniker bei einer Forschungsstation arbeitet. "Ich finde die Aktion sehr schlimm und verurteile sie scharf", teilt er unserer Zeitung per Mail mit. "Ich vermute eine Reaktion von vermutlich betrunkenen und frustrierten Leuten, die sich anderweitig nicht zu helfen wissen, als bei den Schwächsten ihren Frust abzubauen. Ich glaube nicht, dass die Aktion von einer ausgeprägten Rechten Szene in Wertingen kommt."

Eine ältere Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, bedauert, dass "nun die hässliche Fratze des Fremdenhasses auch Wertingen erreicht habe". Nun sei die Polizei gefordert, Flagge zu zeigen, meint ein Mann, der auf dem Marktplatz gerade seine Einkäufe tätigt. Ein anderer winkt ab und meint lapidar: "Mir egal, sollen machen, was sie wollen." Wobei nicht zu erkennen ist, wen er dabei meint: die Täter, die Flüchtlinge oder gar die Mitbürger.

Was auffällt ist, dass fast kein Angesprochener eine klare Stellungnahme abgeben und schon gar nicht seinen Namen abgedruckt haben will. "Wenn man etwas Kritisches gegen die Flüchtlinge oder die Asylpolitik der Bundesregierung äußert, dann wird man doch sofort in die braune Ecke gestellt", erklärt eine Bürgerin resigniert.

Christoph Krebs verweist auf ein positives Erlebnis: "Bei uns hat ein netter junger Mann aus Syrien beim Fußball mittrainiert. Er wohnt im ehemaligen ,Raucherstüble' und ich denke, es hat ihm bei uns richtig Spaß gemacht."

Auf der gleichen Wellenlänge liegt Richard Grünthaler: "Wir haben mit einer ganzen Gruppe einschließlich elf Kindern gemeinsam das Wertinger Stadtfest besucht. Es hat allen sehr gut gefallen, vor allem nachdem die Kinder Karussell gefahren sind. Sie beginnen auch schon ein bisschen Deutsch zu sprechen."

Wolfgang Plarre vom "Helferkreis Asyl" berichtet ebenfalls von positiven Eindrücken. Unlängst habe er seine ersten eigenen Erfahrungen in Arabisch gesammelt, erzählt er. "Bei selbstgebackenem Apfelstrudel mit Vanillesoße und syrischem Kaffee beziehungsweise Pfefferminztee." Die Flüchtlingsfrauen hätten sich sehr über seinen spontanen Besuch gefreut. "Wir haben uns ,mit Händen und Füßen' blendend unterhalten."

Dieses Miteinander sieht dann auch Bürgermeister Willy Lehmeier als wichtigen Aspekt. "Um Vorurteile abzubauen, müssen die Menschen aufeinander zugehen und sich kennenlernen", verdeutlicht er. Steinwürfe, Attacken und Angriffe gegen Flüchtlinge seien definitiv die falschen Signale.
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