400 Jahre Orgel-Geschichte

Für Franz Raml die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches: Ein Konzert auf der Barfüßerorgel in Gabelbach. Foto: Michael Kalb


Der vergangene Sonntag war ein besonders feierlicher Tag für den kleinen Ort Gabelbach. Denn lange Zeit war die historische Orgel in der Kirche St. Martin verstummt. Nun wurde sie in einem Festgottesdienst eingeweiht und erstmals wieder gespielt. Den Abschluss des Festsonntages machte ein Orgelkonzert mit dem Kirchenmusiker Franz Raml.

Die Orgel in Gabelbach ist die Älteste Süddeutschlands und wurde 1609 von Orgelbaumeister Marx Günzer für die Augsburger Barfüßerkirche gebaut. Fast 150 Jahre wurde sie dort gespielt, bis sie nicht mehr in den Zeitgeschmack passte und an 1738 gebaute Kirche St. Martin verkauft wurde. 1758 wurde sie dort aufgestellt und über die Jahrhunderte immer wieder angepasst, umgebaut und repariert.

Doch die zahlreichen Maßnahmen waren nicht immer das Beste für das Instrument. Und so wurde die historische Orgel in den vergangenen 18 Jahren auf den Stand von 1758 zurückgebaut und restauriert. Experten sichteten alte Quellen, um herauszufinden, welchen ursprünglichen Zustand die Orgel hatte. Außerdem analysierten sie das Material der Originalpfeifen von 1609, damit die fehlenden nachgebaut werden konnten. Anschließend machte sich Orgelbaumeister Hermann Weber an die eigentliche Restaurierung. Die Gesamtkosten dieser Maßnahmen plus der Anschaffungen der "Alltagsorgel", die eine Etage tiefer steht und für Gottesdienste genutzt werde, beliefen sich auf 400 000 Euro.

Zum Anfang des Orgelkonzerts stellte Richard Kraus anhand eines Videos die frisch restaurierte Orgel und ihre Funktionsweise vor. Kraus ist selbst Organist und Chorleiter in Gabelbach sowie Vorsitzender des Orgelfördervereins. Das Besondere an der 407 Jahre alten Orgel ist, dass sie eine mitteltönige Stimmung habe und dadurch einen halben Ton höher klinge. Denn bis 1700 wurden Orgeln damals anders gestimmt. Dies lasse die Orgel schlecht mit anderen Instrumenten zusammen spielen. Außerdem habe sie nun nur noch ein Manual und eine "kurze Oktav". Dies bedeutet, dass die tiefsten Tasten zwar aussehen wie bei einem normalen Klavier, doch die Töne cis, dis, fis und gis fehlen. Das e und d liegen auf den Halbtontasten.

Für Raml stellt dies allerdings schon lange kein Problem mehr da. Raml ist ein Experte an der Orgel und erhielt 1998 den Förderpreis der internationalen Bodenseekonferenz für seine Leistung auf dem Gebiet der Alten Musik. Geboren 1964 widmete Raml seinen gesamten Lebenslauf der Musik. Nun konzertiert er als Organist, Cembalist, Dirigent und Kammermusikpartner am Hammerflügel in vielen Ländern Europas und in den USA.

Zum Auftakt des Konzertes ließ er das Publikum wissen, dass es für ihn schon immer ein Wunsch gewesen sei, auf der Gabelbacher Orgel zu spielen. "Als Kind habe ich von meiner Mutter ein Buch bekommen, in dem die Orgel in Gabelbach auf einer der ersten Seiten war". Manchmal habe er an der Autobahnausfahrt bei Zusmarshausen überlegt, spontan vorbeizuschauen. Doch was bedeute eine historische Orgel, wenn man auf ihr nicht spielen könne, meinte der Musiker.

Vergangenen Sonntag gab Raml seine Premiere auf der historischen Barfüßerorgel in Gabelbach. Als der erste, tiefe Ton zur "Toccata in d" von Hans Leo Hassler erklang, zuckten einige Zuhörer auf. Als ginge der Klang der Orgel, die nach 18 Jahren aus dem Schlaf erwachte, durch Mark und Knochen. Und welches Potenzial und welche Kraft hinter den teilweise noch originalen Orgelpfeifen steckt, bewies Raml mit seiner vielfältigen Auswahl der Stücke. Komponist Hassler (1564 bis 1612) hatte während seiner Zeit als Kammerorganist im Dienste der Fugger übrigens selbst einmal die Barfüßer Orgel gespielt. Und so kam alles zusammen. Auch bei den weiteren Stücken von Komponisten, die aufgrund der zurückliegenden Jahrhunderte wohl nur wenig Zuhörer kannten, überlies Raml nichts dem Zufall. Er zog alle Register und bewies die unglaubliche Klangvielfältigkeit der historischen Orgel. Bei leisen Tönen konnte man in der oberen Etage die Tastenverlängerungen klacken hören, was das Orgelspiel greifbar und das mechanische hinter den mal zauberhaften, mal mächtigen Klängen bewusst machte. Und so schwangen beim Orgelkonzert mehr als 400 Jahre Geschichte mit durch den Raum, zum Leben erweckt von einem großartigen Musiker.

Raml wünschte sich zum Abschluss, dass dies nur erst der Anfang einer ganzen Reihe von Konzerten an dieser ganz besonderen Orgel gewesen sei.
Michael Kalb
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