MERINGER GESCHICHTEN: Ein Zauberspruch macht’s möglich - Das Papiertheater in Mering

Was ist Papier und was Bildschirm? Der Zuschauer erliegt hier Illusionen. Foto: Monika Saller
 
„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, singt Pamino und im Hintergrund erscheint Paminas Portrait im Mond. Foto: Monika Saller
 
Christine Schenk und der Drachen aus der Zauberflöte. Foto: Monika Saller

Die große Oper auf kleinstem Raum zeigen Benno Mitschka und Christine Schenk in ihrem außergewöhnlichen Theater in Mering. Das „Multum in Parvo“ bietet anspruchsvolle Unterhaltung für die ganze Familie.

„Multum in Parvo“ – der Zaubertrick, der die gleiche Menge Wasser in einem immer kleineren Glas unterbringt – ist der überaus passende Namensgeber für „Die kleinste Oper der Welt“. Große Namen wie Carl Maria von Weber, Georges Bizet, Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Wolfgang Amadeus Mozart und ihre bekannten Werke stehen im Papiertheater in Mering auf dem Terminkalender. Die Bühne ist winzig und zieht den Betrachter doch tief hinein ins Geschehen. Die Theaterbühne im Kleinformat hat eine lange Geschichte.

Blütezeit des Papiertheaters

Guckkastendioramen und Kulissenbilder des 18. Jahrhunderts, wie sie vor allem in Augsburg von den Kupferstechern Martin und Christian Engelbrecht hergestellt wurden, waren die Vorläufer der Ausschneidetheater. Sie waren aus Papier gefertigt, konnten aber nicht bespielt werden. Die ersten Bilderbogen zum Ausschneiden und Aufstellen wiederum hatten keinen Bezug zum Theater. Man verband diese Grundideen miteinander und so entstand um 1820 das eigentliche Papiertheater.
Zur Biedermeierzeit wurden Papierkulissen für zuhause modern. Man wollte die Inszenierungen der großen Bühnen im heimischen Rahmen nachspielen. Der Name „Kindertheater“ wurde dafür geläufig, obwohl durchaus auch die Erwachsenen Anhänger der Ausschneidebögen waren – sie boten eine Freizeitbeschäftigung mit Gemeinschaftscharakter. Technisch war nun die Lithografie möglich, ein preiswertes und schnelles Druckverfahren, das eine Produktion in größeren Auflagen ermöglichte. Benno Mitschka mag besonders die Kulissen aus dem Papiertheater-Sortiment der Firma Joseph Scholz. Der Verlag aus Mainz hatte seine beste Zeit im 19. Jahrhundert. Die vom Darmstädter Hoftheatermaler Carl Beyer entworfenen Bühnenbilder gehören zu den schönsten der gesamten Papiertheater-Produktion. In Esslingen bot der Verlag Schreiber Kulissen an. Man konnte sie in verschiedenen Größen erwerben.
Der Erste Weltkrieg beendete hierzulande den Boom und brachte das Papiertheater allmählich zu einem eher unbekannten Nischendasein. Erst in jüngster Zeit entdecken nicht mehr nur Kenner, sondern auch Pädagogen und ein breiteres Publikum den besonderen Reiz der Eigenbau-Kulissen, die man selbst mit Leben füllen kann, wieder.

Vom Hobby zur Geschäftsidee

Nach ihrem Umzug aus München nach Mering, den sie inzwischen als Glücksfall sehen, führten die beiden Sammler von Papierkulissen ihren Verlag für ihre Schmuckstücke fort. Die Theaterbühnen werden als Bausatz konzipiert und verschickt. Doch die eigentliche Berufung sehen die beiden seit 2014 im Spielbetrieb ihres Theaters. Die großen Opern haben sie als Schwerpunkt herausgepickt – was ein wenig ihrer eigenen Affinität zu diesen berühmten Werken geschuldet ist. Zur Premiere spielte man die Zauberflöte mit fast 100 Figuren, die genau rechtzeitig über die Bühne bewegt werden. Daher erklärt sich auch der häufig verwendete Begriff „Puppentheater“.
Die Lage in Mering ist für die Theatermacher ideal. Mittendrin zwischen München und Augsburg gelegen, hatte man von Anfang an ein interessiertes Publikum aus beiden Richtungen. Etwa 25 Besucher finden in dem kleinen Theater Platz.
Die Idee, monatlich eine Sonntagsmatinée mit Mittagsbuffet zu spielen, hat viele Anhänger.
Kein Wunder: Nach der Vorstellung wird ein wenig umgebaut. Die Theaterstühle werden kurzerhand um eine große Tafel gruppiert, an der sich völlig unterschiedliche Menschen zum Essen und Plaudern zusammenfinden. „Hier sind schon ungewöhnliche Freundschaften entstanden“, freut sich Christine Schenk. Nach den Aufführungen darf ein Blick hinter die Kulissen geworfen werden.

Das Große im Kleinen

Für den Zuschauer ist die Präsentation in den vielschichtig hintereinander gestaffelten papierenen Rahmen eine ganz besondere Erfahrung. Auf etwa eine Stunde gekürzt und mit vorzugsweise alten Tonaufnahmen gespielt, haben die Vorstellungen ihren eigenen Charme. Modern hingegen sind Licht- und Computertechnik – das spezielle Steckenpferd von Benno Mitschka. Der gelernte Theatermann und Filmemacher entwirft seine Bühnenbilder mit einer Collagentechnik nach historischen Vorlagen aus dem 19. Jahrhundert und versieht sie durch technische Feinheiten mit wirkungsvollen Lichtstimmungen. Beim Zuschauer entsteht ein Eindruck von ungewöhnlicher Tiefe und mancher schwört, die etwa 15 Zentimeter großen Hauptdarsteller würden ihre Lippen bewegen. Der Spielplan für das Jahresende 2018 und die folgenden Monate hat es in sich. Faust, Hänsel und Gretel, die Zauberflöte und den Freischütz wird man erleben können. Danach folgen Rigoletto, Carmen und Aida. Für jede Oper wird die Bühne gebaut, Figuren „gebastelt“, ein Lichtkonzept entworfen und umgesetzt, Musik und Text geschnitten. Natürlich müssen die beiden Spieler dann auch immer wieder den komplizierten Ablauf proben. Da steht das Mini-Theater im Aufwand dem großen in nichts nach. „Wenn ich den Drachen falsch herum in die Bühne schiebe, gerät alles durcheinander“, meint Christine Schenk schmunzelnd.

Hänsel und Gretel

Eine der Bühnen im kleinen Opernhaus hat eine besondere Aufgabe. Die Kulisse für Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck bekommt regelmäßig Besuch von Kindern, die in einem Workshop selbst Figuren und Bühnenbilder ausschneiden und gestalten. Anschließend wird mit großer Freude Theater gespielt. So geben Christine Schenk und Benno Mitschka ihr Wissen an die kleinen Theaterfreunde weiter, wie sie es bei ihren eigenen Söhnen bereits getan haben – in der Überzeugung, dass kulturelle Bildung jedem Kind guttut. Anschauungsmaterial gibt es für die Kinder genug. Der Theaterraum ist rundum gestaltet mit Papierkulissen aus verschiedenen Epochen und in unterschiedlichen Größen. Auch hier gibt es ein stimmungsvolles Beleuchtungskonzept, das eine Raumwirkung zwischen Wohnzimmergemütlichkeit und musealer Präsentation schafft – passend zum Papiertheater als heimische Unterhaltung.

Multum in Parvo unterwegs

Mit der Papieroper auf Tournee gehen, das macht das Paar nicht so gerne. Der Aufwand, die sperrige und doch empfindliche Kulisse von A nach B zu bekommen, ist riesig. Da muss vorher vermessen werden und der Anhänger bereitgestellt sein. Trotz guter Planung kommt man ins Schwitzen, wenn das Herzstück des Theaters durch ein enges Treppenhaus getragen werden muss. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gab bereits Gastspiele in Stuttgart und bei der VHS Augsburg. Kürzlich gab es sogar eine Anfrage aus Russland. Das russische Fernsehen hatte das Meringer Theater besucht und einen viel beachteten Beitrag gezeigt. Nun kennen Millionen von Russen das Multum in Parvo aus Mering und seine außergewöhnlichen Inszenierungen. Da konnte die erste Einladung, doch dort zu spielen, nicht lange ausbleiben.
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