Auf kleine Buben "fixiert": Der nächste Gutachter sagt zu Harry S. aus

Der ehemalige Kinderarzt Harry S. hat mehr als 20 Buben missbraucht. (Foto: Kristin Deibl)

Ist Harry S. voll schuldfähig? Um diese Frage dreht es sich, nachdem der Bundesgerichtshof den Fall ans Landgericht Augsburg zurückverwiesen hat. Ein Gutachter verneinte das am Donnerstag. Er befürwortet Therapie statt Strafe.

2016 war der pädophile Kinderarzt nicht nur zu dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt worden, sondern auch zu anschließender Sicherungsverwahrung und lebenslangem Berufsverbot. Das lasse ihrem Mandanten keinerlei Perspektive mehr, kritisieren die Verteidiger Ralf Schönauer und Moritz Bode. Nun sagte ein weiterer Gutachter aus, den sie beauftragt hatten.

Ralph-Michael Schulte ist Neurologe, Neuropathologe und Psychiater. Der 66-Jährige hatte Harry S. schon anlässlich des ersten Missbrauchsprozesses untersucht. Seitdem habe sich der Angeklagte sehr verändert, erklärte Schulte vor Gericht: "Ich habe ihn nun als komplett anderen Menschen erlebt." Habe der Mediziner früher unbeholfen und schüchtern gewirkt und zunächst abgestritten, pädophil zu sein, habe er sodann zunehmend mehr Einsicht entwickelt. Aktuell sei Harry S. ihm "sehr selbstsicher und zu seinen Taten stehend" begegnet. Er reflektiere und habe Empathie für die Opfer entwickelt. Das sei das Ergebnis von 150 Stunden Einzeltherapie und Anpassung an die Normen der Vollzugsanstalt.

Harry S.: "Schwere seelische Abartigkeit"

Schulte unterzog den Kinderarzt diversen Testverfahren, ließ ihn mehrere Tausend Fragen beantworten. Hat Harry S. eine Persönlichkeitsstörung? "Es spricht mehr dafür als dagegen", meinte der Gutachter. Er könne die Diagnose aber nicht mit nötiger Sicherheit belegen. Harry S. sei sein Beruf zugute gekommen. Nicht nur, weil er somit Zugang zu Kindern hatte, vor allem, weil er seine sexuelle Triebenergie auf sozial anerkannte Bereiche habe umlenken können.

Das habe ihm Stabilität gegeben, um als Täter nicht noch intensiver zu werden: "Ohne seinen Beruf wäre es früher zu Übergriffen oder zu noch schlimmeren Taten gekommen." Allerdings hätten sich Missbrauch und Konsum einschlägiger Pornografie "suchtartig" gesteigert.

So wie er früher "überangepasst" im Beruf war, ist Harry S. nach Aussage des Neurologen nun ein "Musterhäftling". Seine Therapie finanzierte er selbst, sie ist ansonsten in Untersuchungshaft nicht üblich. "Das ist sehr gut gelaufen, kommt jetzt aber an die Grenzen", sagte Schulte. Durch die klassische Pädophilie, die nicht heilbar sei, liege eine schwere seelische Abartigkeit vor, folgert Schulte - anders als alle anderen Gutachter meint er, Harry S. sei nicht voll schuldfähig. Dass er jemals wieder als Kinderarzt oder auch nur Allgemeinmediziner arbeiten könnte, schloss Schulte jedoch aus.

Schulte empfahl eine Sexualtherapie, wie sie im Maßregelvollzug - Klinik statt Gefängnis - angewendet würde. Nach gewisser Zeit könnte Harry S., zumal er bestens vorbereitet und sehr motiviert sei, dann soweit sein, dass er begleitet etwa einen Supermarkt besuchen oder an einem Kindergarten vorbeigehen könnte, um zu sehen, wie er auf Kinder reagiere: "Bekommt er beispielsweise einen starren Blick?", erklärte Schulte das Verfahren. Die Prognose, ob Harry S. ohne Sicherungsverwahrung rückfällig würde, habe sich verbessert, genau könne man jetzt aber noch nicht sagen, ob er gefährlich bleibe. Ungünstig mache die Prognose unter anderem der lange Deliktzeitraum von 15 Jahren und die seit den Jugendjahren bei Harry S. bestehende Pädophilie. Stutzen machte den Gutachter eine neue Erkenntnis: "Bei Widerstand der Kinder hörte er auf und haute ab." Das spreche für "einen Rest Hemmungsvermögen". Also: Seelische Abartigkeit Ja, sicher fehlende Steuerungsfähigkeit Nein.

Nachdem zwei Tage zuvor ein Gutachter erklärt hatte, möglicherweise könne man Harry S. "auf homosexuell umpolen" , sagte Ralph-Michael Schulte nun, von einem Fall, wo das gelungen sei, habe er noch nie gehört. Allerdings könne man in der Psychiatrie eigentlich nie etwas ausschließen.

Es sei vielleicht möglich, aber nicht wahrscheinlich, dass Harry S., der "fixiert" sei auf Jungs vor der Pubertät, je eine befriedigende Beziehung mit einem erwachsenen Mann führen könnte.
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