Es war keine Vergewaltigung: 19-Jähriger muss dennoch ins Gefängnis

Ein 19-Jähriger stand am Montag wegen Vergewaltigung und Diebstählen vor einem Augsburger Schöffengericht. (Foto: skycinema-123rf.com)

Ein 15-jähriges Mädchen aus Kaufering pflegte über mehrere Monate hinweg regelmäßigen Kontakt mit einem jungen Flüchtling aus Afghanistan. Ende Mai vergangenen Jahres verabredeten sich die beiden und planten, die Nacht gemeinsam zu verbringen. Insgesamt drei Mal kommt es zum Geschlechtsverkehr, gegen ihren Willen, wie die Teenagerin später behauptete. Vor einem Augsburger Schöffengericht musste sich der 19-Jährige am Montag wegen Vergewaltigung verantworten. Zudem klagte ihn die Staatsanwaltschaft wegen fünf versuchter Diebstähle sowie 15 Diebstählen an.

Ursprünglich wollte die heute 17-Jährige drei Monate vor der Tatnacht bei einer Freundin übernachten. Diese soll sie dann gefragt haben, ob sie einen Bekannten treffen wollen, erklärte die Geschädigte vor Gericht. Die Mädchen fuhren mit einem Taxi nach Landsberg und gingen mit in ein Asylbewerberheim. „Er hat einen total netten Eindruck gemacht“, sagte die Teenagerin auf Nachfrage von Richterin Angela Friehoff, wieso sie damals mit in die Unterkunft gegangen sind. Dort traf das Mädchen erstmals auf ihren vermeintlichen Vergewaltiger.

Über mehrere Wochen und Monate hinweg standen die Heranwachsenden in Kontakt und verabredeten sich heimlich. Ihrer Mutter machte die junge Frau immer wieder weis, dass sie bei einer Freundin übernachten würde. „Sie wollte ihn einfach sehen und da übernachten“, berichtete die Freundin der 17-Jährigen. Gemeinsam fuhren sie nach Geltendorf, wo sie sich mit dem Angeklagten trafen und zu einem seiner Freunde in eine Gemeinschaftsunterkunft gingen.

Ein Bewohner des Heims schlief auf einer Couch, die Freundin der Teenagerin im oberen Bett. Unten im Stockbett lag die damals 15-Jährige gemeinsam mit dem Angeklagten. Als nur noch die beiden wach waren, soll der junge Mann sich über sie gebeugt, geküsst und ausgezogen haben, erklärte die Schülerin. Vor Gericht sagte sie unter Tränen aus, dass sie mehrmals gesagt habe, dass sie müde sei. Zur Tat selbst konnte sie keine Angaben machen und bestätigte meist nur ihre Aussagen gegenüber der Polizei, die Friehoff und die Staatsanwaltschaft ihr vorhielten. Dort verschwieg das Mädchen, dass sie das nicht gewollt habe.

Zwei Mal soll es in der Nacht zum Geschlechtsverkehr gekommen sein. Auf die Nachfrage, wieso sie anschließend neben dem Mann liegen blieb, sagte das Mädchen nur: „Ich wusste nicht, was ich tun soll“.

Am nächsten Tag brachte sie ihre Freundin zum Zug und kehrte zurück in das Asylbewerberheim. Gemeinsam mit dem Angeklagten lag sie den ganzen Tag auf dem Bett, er schlief und sie war mit ihrem Smartphone beschäftigt, sagte die 17-Jährige. Am Abend soll der Angeklagte sie dann am Gehen gehindert, an der Hüfte gepackt und ausgezogen haben. „Er saß auf der Couch und drückte mich an der Hüfte nach unten“, erklärte die Schülerin.

Freundin sagt aus: "Sie hat sich sowas von um den Finger wickeln lassen"

Friehoff wollte wissen, wie es genau ablief, doch das junge Mädchen berichtete: „Da habe ich gar nichts mehr gesagt“. Die Vorsitzende Richterin hakte weiter nach: „Wie hätte der Angeklagte erkennen sollen, dass sie es nicht wollen?“. „Daran, wenn eine Person nur da liegt und sich nicht bewegt“, erwiderte die Schülerin. Daraufhin erklärte Friehoff dem Mädchen, dass sich der Täter bei einer Vergewaltigung über den erkennbaren Willen des anderen hinwegsetzt. Warum sich das Mädchen nicht gewehrt oder ihrer Freundin, die im Bett über ihr schlief, bemerkbar gemacht hat, sorgte bei den Prozessbeteiligten für Unverständnis.

„Sie hat sich sowas von um den Finger wickeln lassen“, erzählte die Freundin der 17-Jährigen und ergänzte: „Es waren Gefühle im Spiel, sie hat die Nähe gesucht“. Die Nebenklägerin selbst verneinte das allerdings.

Sowohl dem Schöffengericht als auch Verteidiger und Staatsanwaltschaft war es ein Rätsel, wieso sie nach dieser Nacht in die Unterkunft zurückkehrte.

Richterin Angela Friehoff: „Ich bin müde heißt nicht nein“

In der Urteilsbegründung erklärte Friehoff: „Ich bin müde heißt nicht nein“ und sprach den Angeklagten in Bezug auf die Vergewaltigungsvorwürfe frei, ergänzte jedoch: „Der Vorfall ist eine riesen Sauerrei“. Die Richterin unterstellte dem 19-Jährigen, dem Mädchen mit Liebesbekundungen etwas vorgespielt zu haben. Zudem habe er genau gewusst, dass sie zu Hause Probleme hatte und bei ihm Halt, Zuneigung und Liebe suchte.

Dennoch verurteilte ihn das Schöffengericht wegen Diebstahls und versuchten Diebstahls zu zwei Jahren und vier Monaten Jugendhaft. Von Januar bis November vergangenen Jahres brach der 19-Jährige gemeinsam mit einem Bekannten in Geltendorf, Dießen, Utting, Göppingen, Kaufering und Landsberg in ein Strandbad, mehrere Kioske sowie Autos ein und erbeutete insgesamt etwa 2950 Euro.
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