Hat er sich vorsätzlich sexuell erregt? 47-jähriger Grapscher vor Gericht

(Foto: Sebnem Ragiboglu-123rf.de)


Gleich vorweg: Der 47-jährige Täter wurde verurteilt wegen sexueller Belästigung.

Zu untersuchen galt der Fall in einer Bankfiliale im Landkreis Augsburg, in dessen Vorraum eine junge hochschwangere Frau eine Überweisung ausfüllte und der Angeklagte ihr nahe kam, sie vermutlich mit dem Finger am Gesäß seitlich streifte, worauf sie die Bankfiliale verließ. In der Nacht brachte die junge Frau noch ihr Kind zur Welt.

Vor dem Augsburger Gericht war der geistige Zustand des Angeklagten zu eruieren. Gemäß des gesetzliche Betreuers sei der Intelligenzquotient des Angeklagten so nieder, dass er eigenständige Entscheidungen zwar treffen könne, aber deren Folgen nicht abschätzen. Seine kognitiven Fähigkeiten seien eingeschränkt, er umreiße die Folgen seiner Tätigkeiten nicht und er habe ein anderes Näheverständnis zu Personen. Oftmals sei der Individualabstand nicht gewahrt, so der Anwalt, aber laut Betreuer sei diese Nähe nicht sexuell orientiert.

Laut Rechtsanwalt Michael Bauer lebe der Mann verwahrlost im Haus der pflegebedürftigen Mutter, die nun im Heim untergebracht sei. Der Angeklagte sei ungepflegt, stinke und sei vereinsamt. Er suche immer wieder die Nähe zu Menschen, wolle mit ihnen reden. Oft versuche er auf nicht angebrachte Weise mit Personen ins Gespräch zu kommen. Der Betreuer führte aus, der 47-Jährige sitze teils in der Nachbarn Vorgarten und Garage, sei penetrant und dann nervig - wolle aber nur reden. Seine Sozialkontakte seien dürftig, seine Annäherung an Frauen schwierig, so auch im vorliegenden Fall, demnach er der jungen Frau nur die Hand auf die Schulter gelegt habe, und sie fünf Mal aufforderte zu bleiben - am Gesäß habe er sie nie berührt.

Der Mann habe laut dem Opfer nicht mit ganzer Hand zugepackt, nur vermutlich mit dem Finger am Gesäß gestreift, das Opfer habe es nicht gesehen, aber gespürt, dass er es bewusst getan habe. Sie habe so einen Vorfall schon früher einmal erlebt, nur schlimmer. Der Anwalt wollte vom Opfer wissen, wie sie das "bewusste" Handeln gespürt habe - es kam keine für den Anwalt befriedigende Antwort. Der Täter wurde in der Verhandlung nie gefragt, ob er sexuelles Interesse an der hochschwangeren Frau hatte.

Letztendlich führten einschlägige Vorstrafen des Angeklagten dazu, dass die Staatsanwaltschaft einer Einstellung des Verfahrens widersprach. Richter Müller-Fröhlich erklärte das Urteil damit, dass das Opfer glaubwürdig sei, sie nicht dramatisiere und dass § 184i "Sexuelle Belästigung" des Strafgesetzbuches gelte, weil die Tat als sexuell motiviert einzustufen war und sich der Täter somit sexuell erregt haben wollte. Der Täter aber sei eingeschränkt schuldfähig und Richter, Vertreter der Staatsanwaltschaft und Verteidiger waren sich einig: Der ganze Fall sei eher am unteren Level der sexuellen Belästigung angesiedelt - der Fall wurde fast bagatellisiert.

Diesem Verfahren voraus ging ein Strafbefehl über 2600 Euro, gegen den Einspruch erhoben wurde. Jetzt lautet das Urteil 60 mal 15 Euro Tagessatz - von psychischer Betreuung dieses Mannes mit eingeschränkter Intelligenz und Schuldfähigkeit, Defiziten im Sozialverhalten und Kommunikationsschwierigkeiten war nicht die Rede.

Es stellt sich nun die Frage, wenn der verurteilte Täter die Folgen seines Handelns nicht abschätzen kann, wie soll er dann ohne weiteres Zutun das gefällte Urteil verstehen? Sein Unrecht? (Stefan Gruber)
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