Kann man einen Pädophilen "umpolen"? Prozess gegen Harry S. geht mit irritierendem Gutachten weiter

Gilt als Kernpädophiler: Der ehemalige Kinderarzt Harry S. hat mehr als 20 Buben missbraucht. Foto: Stefan Gruber

Dass die Verteidigung ein Gutachten bestellt und dann dieses nicht vorgetragen haben möchte, gibt es nicht alle Tage. Doch nachdem Rechtsanwalt Ralf Schönauer am Sonntagnachmittag die mehr als 100 Seiten durchgearbeitet hatte, die Professor Helmut Kury aus Freiburg über seinen Mandanten, den als kernpädophil geltenden, ehemaligen Kinderarzt Dr. Harry S. verfasst hatte, griff er zum Telefon. Er rief seinen Kollegen Moritz Bode an, der im neu aufgelegten Missbrauchsprozess als Pflichtverteidiger fungiert. Und die beiden Männer kamen überein: Helmut Kury solle besser nicht aussagen.

Davon wurde das Gericht am Tag vor der Verhandlung am Dienstag überrascht und setzte sie deshalb trotzdem an. Deren einziger Programmpunkt: Die Aussage des Gutachters. "Ohne Aussageerlaubnis wird es schwierig", meinte der 77-jährige Professor zu Beginn. Der Psychologe und Kriminologe gilt als Koryphäe. Er war erster Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und wurde bekannt, als er dem RAF-Terroristen Christian Klar attestierte, von ihm gehe keine Rückfallgefahr aus, so dass Klar 2009 aus der Haft entlassen wurde.

Der Vorsitzende Richter Roland Christiani meinte, so einfach könne man nicht auf einen Gutachter verzichten, jedenfalls nicht, ohne Nebenklagevertreter und Staatsanwaltschaft gehört zu haben. Es wundere ihn jedoch, dass Harry S. etwas gegen die Aussage des Gutachters haben solle: "Ich habe Herrn Dr. S. hier vom ersten Tag an so kennengelernt, dass er stolz auf seine Fähigkeit und Bereitschaft ist, hier aufzumachen und alles auf den Tisch zu legen." Der Meinungsumschwung passe nicht dazu. "Ich weiß nicht, ob die Nebenklage sich nicht erdreisten würde, gewisse Schlüsse daraus zu ziehen." Verteidiger Schönauer erwiderte, so lange nicht das Gericht gewisse Schlüsse ziehe, habe er nichts dagegen.

Nach einer Unterbrechung, während der die Verteidiger mit Harry S. die Lage besprachen, bekam Gutachter Kury doch noch die Aussageerlaubnis. Der Professor berichtete von einem etwa achtstündigen Gespräch mit Harry S.: "Es gab nicht einmal eine Mittagspause." Fazit des Experten: Harry S. sei aufgrund seiner Erziehung "teilweise unreif", die Mutter habe seine Kontakte kontrolliert, der Vater sich in die Berge verzogen. Wenn man an der Selbstwertproblematik des Mediziners arbeite, könne er sich "vorstellen, dass er nicht mehr rückfällig wird". Die Rückfallquote bei Pädophilen liege zwar bei 50 Prozent, doch "eine Behandlung kann durchaus etwas bringen". Nach Beendigung müsse ein neues Gutachten folgen, dann könnte Harry S. unter Auflagen entlassen werden.

Dass Harry S. über Jahre Buben missbrauchen konnte, ohne aufzufliegen, habe verstärkend gewirkt, so Kury. Er betonte, dieser habe allerdings "nie schwerste Gewalttaten begangen", keine "Gewalt gegen die Kinder angewandt". Dass Harry S. die Buben teilweise unter Drogen setzte, schwächte der Gutachter ab: Das sei nur zuletzt vorgekommen. Die Staatsanwältin widersprach: Bereits 1998 habe Harry S. einen Jungen betäubt. Kury stellte heraus, immerhin habe der Arzt keine Straftaten im Dienst begangen: "Er kann sich beherrschen. Nichts ist einfacher, als Kinder im Krankenhaus zu missbrauchen." Der Gutachter räumte aber ein, die "Übergriffswahrscheinlichkeit" sei immer tiefer in Harry S. Beruf "eingesickert": "Wer weiß, was noch passiert wäre, wäre er nicht entdeckt worden."

Der Professor sagte, Harry S. habe eine Persönlichkeitsproblematik, ob es eine Störung sei, sei schwer zu beurteilen. Bei den Taten sei der mittlerweile 44-Jährige zurechnungsfähig gewesen, ob er "eingeschränkt steuerungsfähig" gewesen sei ob der Erregung beim Sex mit einem Kind, darüber könne man "philosophieren". Immerhin: "Wenn das Kind gehen wollte, durfte es gehen." Zudem habe der Arzt einmal etwa eineinhalb Jahre lang innegehalten, nämlich, als er mit einer Frau (platonisch) und deren Söhnen in einer familienähnlichen Situation gelebt habe und "glücklich wie noch nie in seinem Leben" gewesen sei. "Er hat nur einen der beiden Söhne der Frau missbraucht und aufgehört, als die Beziehung enger wurde", so der Gutachter.

Dass er entdeckt wurde, so Helmut Kury, habe Harry S. "einen kräftigen Schuss vor den Bug" verpasst. Einerseits bezeichnete der Professor den Angeklagten als "kernpädophil"´und meinte, "Pädophilie ist nicht heilbar", andererseits sprach er davon, man könne Harry S. im Verlauf einer Therapie möglicherweise "auf homosexuell umpolen", so dass danach, wenn er beispielsweise eine Beziehung zu einem Mann aufnähme und "mit offenen Karten" spiele, was seine Vergangenheit angehe, ein normales Leben möglich wäre. Der Professor sprach sogar von einer weiteren Möglichkeit für den "Familienmenschen" Harry S.: "Er wird ja auch immer älter und könnte eine ältere Frau finden, die nicht mehr an Sex interessiert ist."

Am Donnerstag wird ein weiterer, von der Verteidigung organisierter Gutachter aussagen.
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Ingrid Strobel aus Horgau | 19.12.2018 | 15:58  
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