Kleine Fische vor Gericht: Black Molly bringt 44-Jährigen ins Gefängnis

Trotz allem ein kleiner Fisch: Ein solcher Spitzmaulkärpfling brachte einen 44-Jährigen ins Gefängnis (Symbolbild). (Foto: lapis2380,123rf.com)

Ein wenig Mühe hat der Mann, dem Prozess zu folgen. Deutsch ist nicht seine Muttersprache, der 44-Jährige kam in Polen zur Welt. Einen Dolmetscher lehnt er ab. Als er nach nicht einmal halbstündiger Verhandlung zu einer Haftstrafe verurteilt wird, weiß er nicht so recht: "Muss ich jetzt ins Gefängnis?", fragt er draußen auf dem Flur eine Zuhörerin. Ja, muss er. Weil er drei Fische, eine Wasserpflanze und ein Feuerzeug gestohlen hat. Und nicht zum ersten Mal als Dieb auffiel.

Bis jenseits seines 40. Lebensjahres führte der gelernte Dreher ein strafrechtlich gesehen unauffälliges Leben. Dann aber, 2015, geriet er auf die schiefe Bahn. Er trank, nahm zuletzt Drogen. Dreimal landete er wegen Diebstahls vor dem Richter: Im Oktober 2015, im Dezember 2015 und im Mai 2017. Die Folge: Zwei Geldstrafen und eine Freiheitsstrafe von drei Monaten, ausgesetzt zur Bewährung. Als er im Juli 2017 verurteilt wird, weil man ihn mit verboteten Substanzen erwischte, brummt man ihm erneut eine Geldstrafe auf und verlängert die Bewährungsfrist bis 2021. Fast ein Jahr lang ist danach Ruhe.

Im April dieses Jahres passiert es. Der 44-jährige begeisterte Aquarianer möchte sich in einem Augsburger Gartencenter drei Black Mollys kaufen. Kleine, schwarze Zierfische, Spitzmaulkärpflinge. Und damit der Neuzugang sich wohlfühlt, nimmt er noch eine Wasserpflanze dazu. "Die ist aber teuer", meint die Verkäuferin. "Macht nichts, Geld spielt keine Rolle", antwortet er. Die Frau wundert sich.

Mit den beiden Tüten, in der einen die Fischchen, in der anderen die Pflanze, dazu Wasser, geht der 44-Jährige jedoch nicht zur Kasse. Er wendet sich ab in die Kerzenabteilung. Dort packt er die Tüten in seinen Rucksack. Er habe, behauptet er vor Gericht, einen Anruf seiner Schwester erhalten. Dem Vater gehe es schlecht. Er sei mit einer Gehirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert worden "Da habe ich den Kopf verloren und bin, ohne zu bezahlen, gegangen", berichtet er. "Das ist schwer zu glauben", meint Richterin Susanne Scheiwiller "Mir würde das nicht passieren, und wenn ein noch so schicksalsträchtiger Anruf käme."

Zwei Mitarbeiter des Gartencenters glauben die Version des Angeklagten auch nicht. Zu auffällig habe dieser sich an jenem Freitag im April verhalten. "Er hat mich an der Kasse gesehen und sich hinter einem Regal versteckt", sagt eine Verkäuferin. Minutenlang habe man sich gegenseitig beäugt. "Dann ist er, als ich kassieren musste, schnell durch eine nicht besetzte Kasse nach draußen gegangen." Ihr Kollege bestätigt das. Der Chef habe den mutmaßlichen Dieb schließlich aufgehalten: "Da hat er sich entschuldigt und gebeten, dass man die Sache nicht anzeigt."

Die Staatsanwältin plädiert schließlich auf vier Monate Haft. Die hohe Rückfallgeschwindigkeit, mit der der Angeklagte wieder straffällig wurde, spreche gegen eine Bewährung, meint sie. Verteidiger Ralf Schönauer sagt, er glaube das mit dem Anruf. Er bittet um eine Geldstrafe und betont, sein Mandant habe eine Therapie gemacht und sich gefangen. Der 44-Jährige selbst fleht "um eine letzte Chance". Seit Mai habe er einen guten Job, vor einem halben Jahr sei sein Sohn zu ihm gezogen, seitdem rühre er keinen Alkohol mehr an.

Richterin Scheiwiller verneint eine günstige Sozialprognose. Sein "verstohlenes Gesamtverhalten" spreche für eine Vorsatztat. Waren für 37 Euro hat er gestohlen. Ein Vierteljahr muss der Monteur dafür nun ins Gefängnis. Als kleiner Fisch unter großen Haien.
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