Kopfschuss an der Autobahnkapelle: Es war Notwehr

In dem Verfahren um den Kopfschuss, mit dem ein 41-jähriger Geschäftsmann aus München im Sommer vor zwei Jahren an der Autobahnkapelle bei Adelzhausen einen Angreifer außer Gefecht setzte, fiel am Mittwoch das Urteil. (Foto: Symbolbild / Sebnem Ragiboglu - 123rf.de)

In dem Verfahren um den Kopfschuss, mit dem ein 41-jähriger Geschäftsmann aus München im Sommer vor zwei Jahren an der Autobahnkapelle bei Adelzhausen einen Angreifer außer Gefecht setzte, fiel am Mittwoch das Urteil. Richter Michael Schneider sprach den Angeklagten frei. Zudem wird der Unternehmer für die erlittene dreieinhalbmonatige Untersuchungshaft sowie dafür, dass er ein gutes Jahr lang das Land nicht verlassen durfte, obwohl er nach Brasilien auswandern wollte, entschädigt.

Weit losgelöst von üblichen Fällen der Notwehr sei dieses Verfahren, so der Richter, "geprägt von einem großen Ausmaß an Dramatik". Wie berichtet, war es am späten Abend des 31. Juli 2017 zu einer schicksalhaften Begegnung an der Salvatorkapelle gekommen. Das Gericht zeigte sich gestern überzeugt davon, dass ein 19-Jähriger aus Göppingen den Unternehmer, einen Hobbyjäger, der seine Waffen verkaufen wollte, weil er im Begriff war, zu emigrieren, in einen Hinterhalt lockte. Von Anfang an habe der Junge geplant, an die Neun-Millimeter-Pistole Glock 17 zu kommen, ohne den verabredeten Kaufpreis von 400 Euro zu zahlen. Er hatte, wie sich später herausstellte, lediglich zehn Euro dabei.

Nachdem man zunächst ohne Ergebnis auseinandergegangen war, rief der Teenager den 41-Jährigen zurück, indem er behauptete, sein Wagen springe nicht mehr an. Eine Finte, der Mercedes hatte keine Panne. Der Göppinger hielt dem Münchner, der sich nicht nur als Start-Up-Unternehmer, sondern auch als Organisator von Musikevents einen Namen gemacht hat, eine geladene Armbrust vors Gesicht. Reflexartig schlug dieser die gefährliche Waffe weg: "Sonst hätte er tot auf dem Autobahnparkplatz gelegen", sagte der Richter. Der Pfeil landete in einer Böschung bei einem Maisfeld. Schneider nannte das Agieren des Teenagers versuchten Mord. Im folgenden Gerangel auf dem Boden gelang es dann dem Münchner, die Glock zu laden und abzufeuern. Mit tragischen Folgen für den jungen Angreifer: Er verlor 30 Prozent seines Gehirns und ein Auge, er kann nicht mehr gehen und bleibt sein Leben lang ein Pflegefall.

Dreh- und Angelpunkt des Verfahrens war die Frage, ob der Unternehmer sich in dieser Kampfsituation mit dem gezielten Kopfschuss wehren durfte - oder ob es ein milderes Mittel gegeben hätte, den Angreifer unschädlich zu machen, ohne sich dabei selbst zu gefährden. Staatsanwalt Michael Nißl hatte das am Montag bejaht und wegen gefährlicher schwerer Körperverletzung für eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten plädiert.

Das Gericht aber sah es gestern so wie die drei Verteidiger und so, wie es der Bundesgerichtshof (BGH) in mehreren Urteilen festgestellt hat: In einer derartigen Notwehrsituation muss sich der Angegriffene nicht dem Risiko eines potenziellen Fehlschlags seiner Abwehrhandlung aussetzen. Er muss keine eigene Verletzung in Kauf nehmen, indem er Milde walten lässt. Der Münchner musste auch nicht, auch das betont der Richter, den Teenager vor dem Abfeuern der Pistole warnen oder gar erst einen Warnschuss abgeben. Ein Schuss in den Oberkörper beispielsweise sei zum einen aufgrund der potenziell tödlichen Wirkung keine Alternative, zum anderen, weil es dafür im Gerangel keinen Platz gegeben habe oder sich der Angegriffene dabei selbst gefährdet hätte. Immerhin sei dieser kein berufsmäßiger Waffenträger wie ein Soldat oder Polizist, sondern habe die Glock zuvor noch nie benutzt gehabt.

Der Einsatz einer potenziell tödlichen Waffe sei immer ein Grenzbereich des Rechts, sagte Michael Schneider, ein "Tanz auf der Rasierklinge". Doch gehe der BGH sehr weit bei dem, was noch durch Notwehr gerechtfertigt sei. Er erinnerte an den Fall, als die obersten Richter 2011 ein Mitglied der Hells Angels freisprachen. Der Rocker hatte durch die geschlossene Tür geschossen und dabei einen Polizisten tödlich verletzt. Er hatte gedacht, ein verfeindeter Bandido wolle ihn angreifen.

Wäre der 41-Jährige verurteilt worden, hätte das Strafgericht in einem sogenannten Adhäsionsverfahren auch gleich den dann für den 19-Jährigen fälligen Schadenersatz verfügen können. Dessen Wert bezifferte der Richter auf 165 000 Euro.
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