Missbrauchsprozess am Landgericht Augsburg: Wie hat es Harry S. getan?

Harry S. (Mitte sitzend) erhofft sich vom neu aufgenommenen Verfahren, dass er für nicht voll schuldfähig erklärt und ein milderes Urteil als bisher gefällt wird. Foto: Stefan Gruber


Ist Harry S. vollumfänglich schuldfähig? Der geständige 43-jährige pädophile Kinderarzt Harry S. hofft im neuen Verfahren vor dem Landgericht Augsburg auf ein milderes Urteil. Bisher wurde er zu 13 Jahren und sechs Monaten Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Dienstag vor zwei Wochen begann der erneute Prozess mit den Aussagen des pädophilen Kinderarztes und seiner Sicht der Dinge. Nun folgen erneut die Zeugenaussagen.

Im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Augsburg haben 23 Männer und Frauen Platz genommen: der Angeklagte, Richter Beisitzer, Gerichtsschreiber, Vertreter der Staatsanwaltschaft, Gutachter, anwaltliche Zeugenvertreter, Verteidiger, Wachpersonal. Die Zuschauer- und Presseplätze sind weitgehend leer geblieben.

Kindesmissbrauch: Harry S. verging sich jahrelang an Jungen

Die damals ermittelnde Kriminalbeamtin erklärt die Fälle in Augsburg, Hannover und München, die seit 2007 bis 2014 zusammengetragen wurden. Der Täternachweis wurde unter anderem über DNA-Spuren, Handyeinloggdaten und Fotos geführt und letztendlich belegt, weil Harry S. die Übergriffe gestand. Als Harry S., der anfangs die Taten bestritt, endlich aussagte, um "reinen Tisch zu machen", sei die Vernahmesituation bei der Polizei sehr gefasst und ruhig gewesen, so die Aussage der Kriminalbeamtin. Er habe die Aussagen sachlich, emotionslos gemacht und die Fälle wurden nacheinander durchgegangen.

Harry S. habe meist Jungen im Freien angesprochen, meist waren es zwei. Er suche etwas und brauche deshalb die Unterstützung der Kinder, habe er gesagt, und den Kindern Geschenke versprochen. Die Jungen gingen mit ihm ein paar Straßen weiter in einen Keller oder eine Tiefgarage, wo er die Kinder aufforderte, die Hosen auszuziehen und er sich an den Kindern vergriff.

Das Schema des Harry S.

Die Fälle liefen meist nach diesem Muster ab. In Harry S. Computern und Handy hat die Kriminalpolizei Fotostrecken gefunden, in denen er die nackten Jungs en détail und in eindeutigen Posen und teils sich selbst fotografiert hatte. Mit dem Abgleich anderer Daten und durch diese Fotos konnten die missbrauchten Jungs ermittelt werden.

Auch Fälle, in denen er an Schulen Hilfe für Kinder mit körperlichen oder sozialen Defiziten anbot, werden dargelegt. Er habe beim Roten Kreuz gearbeitet und in dessen Namen Ausflüge für die Kinder angeboten, und sei mit ihnen am Wochenende weggefahren, habe mit ihnen im selben Zimmer und Bett übernachtet. Dabei sollen Übergriffe passiert sein. Ein Mädchen habe man allerdings für solch eine Wochenendfahrt abgelehnt.

Harry S.: Pädophiler Familienfreund und Kinderarzt

In anderen Fällen nutze er die Situation desolater Familien aus, freundete sich mit den Müttern ohne sexuellen Hintergrund an und nutzte dann auf Ausflügen die Nähe zu den Söhnen aus. Einen Jungen habe er betäubt und sich an ihm vergangen, so dass er nichts von den Übergriffen mitbekommen habe und erst durch die Fotos, bei der Kriminalpolizei von dem Vergehen an ihm erfahren. Der betreffende jetzt junge Mann soll nach Aussage der Kriminalbeamtin vor dem Betrachten der durch Harry S. gemachten Fotos keine Ahnung gehabt haben, was passiert war, danach sei er nicht mehr zu Aussagen fähig gewesen.

Verteidiger Rolf Schönauer, der die Vertreter der Staatsanwaltschaft durch seine vagen und unverständlichen Fragen eh schon irritierte, stellt eine unverständliche Zwischenfrage, die Richter Roland Christiani neu und jetzt verständlich formuliert: "Der Verteidiger will wissen, sind die Kinder traumatisiert durch die Kripo oder durch die Tat?" Die Beamtin jedoch: "Wir gehen taktisch sensibel vor."

Ein über Jahre hinweg vertrauter 14-Jähriger einer solchen familiären Beziehung habe Harry S. irgendwann gesagt, er solle das Gefummel seinlassen und dass er nun Interesse an Mädchen habe. Harry S. ließ von ihm ab, bald auch von der Mutter. Noch viele Verhandlungstage mit Zeugenaussagen werden folgen, zur Klärung der Schuldfähigkeit wird allerdings die Aussage des psychologischen Gutachters von gravierender Bedeutung sein. (Stefan Gruber )
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