Missbrauchsprozess: Therapeuten sprechen über den pädophilen Kinderarzt Harry S.

Am Montag sagten im Missbrauchsprozess gegen den pädophilen Kinderarzt Harry S. drei Psychologen aus, die ihn betreuten und immer noch betreuen. (Foto: Deibl)

In den bisherigen Verhandlungstagen im neu aufgerollten Missbrauchsprozess gegen den pädophilen Kinderarzt Harry S. wurden alle Taten detailliert beschrieben und auch der Angeklagte selbst, der in einem früheren Prozess 2016 unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Haftstrafe von 13 Jahren und sechs Monaten mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde, äußerte sich über seine Vergangenheit und gab Erklärungsversuche, wie es zu den Taten kommen konnte. Am Montag traten drei Psychologen in den Zeugenstand und erklärten im Schwurgerichtssaal 101 des Landgerichts Augsburg, wie sie den angeklagten Mediziner nach der Inhaftierung kennengelernt haben.

Drei Psychologen, die Harry S. betreut haben oder immer noch betreuen, sagten am  Prozesstag am Montag aus. Als der pädophile Kinderarzt in der JVA Gablingen in Untersuchungshaft saß und 23 Stunden am Tag unter Verschluss war, konnte er wie jeder andere Häftling auch über einen Antragschein um ein Gespräch mit einem Psychologen bitten. Vor dem Prozess 2016 war eine heute 37-jährige Anstaltstherapeutin zuständig, jetzt eine 29-Jährige, die ihn heuer neun Mal besucht hatte. Die Aufgabe der Psychologen in der Untersuchungshaft sei vorwiegend die Krisen- und Suizidprävention sowie eine emotionale Stabilisierung der Inhaftierten. Beide Frauen sagen aus, dass zwischen ihnen und dem 43-jährigen Angeklagten stets ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis bestanden habe. Die 29-jährige Psychologin behauptet sogar, dass Harry S. „der therapiemotivierteste Häftling bei Sexualstraftätern ist, den ich bisher kennengelernt habe“.

Für eine spezielle Therapie kontaktierte Harry S. im Frühjahr 2015 nach seiner Inhaftierung einen 59 Jahre alten Psycho- und Sexualtherapeuten und bat um Hilfe. Nachdem der pädophile Kinderarzt ihn von der Schweigepflicht entbunden hat, gibt dieser in über eineinhalb Stunden Details aus den 155 Sitzungen bekannt. Er erzählt, woran er mit dem Angeklagten arbeitet und welche Ziele die Therapie hat. Demnach habe S. im Laufe der Zeit begonnen, sich als Täter anzusehen und sich in andere hineinzuversetzen. Auch berichtet der Therapeut über mögliche Ursachen und wie es zu dem Missbrauch an Kindern kommen konnte.

Der 43-Jährige habe sich bereits als Jugendlicher nicht attraktiv gefunden und wurde mehrfach zurückgewiesen und enttäuscht. In seinem Elternhaus habe er gelernt, dass er Probleme selber lösen müsse, sagte S. bereits an einem der vergangenen Prozesstage. „Ich war angepasst und brav. Und wo ich nicht angepasst und brav war, habe ich gelogen oder nichts gesagt.“ Der 59-jährige Psychologe sagt weiter aus, dass der Angeklagte deshalb unter völligem Verschluss der Sexualität im Erwachsenenbereich gelebt und versucht habe, dies mit Überaktivität im Job und zusätzlichen Ehrenämtern, beispielsweise beim Roten Kreuz, zu kompensieren.

Aussagen über die Psyche von Harry S. sorgen für Unverständnis

„Dadurch hat er den Kontakt zu Familien oder alleinerziehenden Müttern gesucht, um Kontakt zu Kindern zu haben.“ Der Angeklagte habe bemerkt, dass das Hineinsteigern in den Beruf nicht die nötige Abhilfe schaffe und er den sexuellen Aspekt vermisse. Im Gegensatz zu Erwachsenen habe der pädophile Arzt bei Kindern keine Angst vor Zurückweisung, Enttäuschung und Bloßstellung gehabt und herausgefunden, dass er vorübergehend im Kinderbereich Befriedigung bekomme.

Vor allem bei Richter Roland Christiani stößt das auf Unverständnis, denn eine Frau, die er kennenlernte, „hätte ihn auf Händen getragen“, ihr fehlte nur der sexuelle Kontakt. Die Angst vor Zurückweisung versteht Christiani nicht, denn „diese Frau hätte ihn wohl kaum vor den Kopf gestoßen, wenn er es nicht bringt“.

Auf die Nachfrage einer Beisitzerin, wieso Harry S. überhaupt Fotos von den Taten gemacht hat, erklärt dieser: „Ich dachte, ich könnte sie zur Selbstbefriedigung nutzen. Vom Erregungseffekt war das Material aber nicht so gut wie neues, unbekanntes aus dem Internet.“ Weiter wollten die Beisitzer wissen, warum er denn dann von allen Taten Bilder auf dem Rechner hatte, wenn diese nicht die gewünschte Wirkung auf ihn hatten. Der Angeklagte erklärte, dass es keine Trophäensammlung sei, er die Bilder nur machte, um den Moment festzuhalten und diese später noch einmal erleben zu können, da die Taten nach wenigen Sekunden oder Minuten vorbei waren.

Die Verteidigung hofft am Ende des neuen Prozesses auf ein milderes Urteil und dass das lebenslange Berufsverbot des vorherigen Urteils wegfällt und der 43-Jährige irgendwann wieder als Mediziner, wenn auch nicht als Kinderarzt, arbeiten kann. Das Verfahren wird heute fortgesetzt.
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