Partynacht mit fatalem Ende: Augapfel nach Schlägerei geplatzt

Anders als erwartet endete für einen 39-jährigen Mann ein Clubbesuch. Er geriet in Augsburg mit einem 33-Jährigen aneinander. Dieser verpasste ihm einen so kräftigen Faustschlag, dass der Augapfel platzte. Ein Augsburger Schöffengericht hatte zu klären, ob es sich um eine schwere Körperverletzung handelte oder der Angeklagte aus Notwehr heraus zuschlug. (Foto: skycinema-123rf.com)

Eine ausgelassene Partynacht in der Augsburger Clubszene hatte für einen 39-Jährigen fatale Folgen. Ende Januar geriet er in einen Konflikt mit einem 33-jährigen Mann. Dieser verpasste ihm einen so kräftigen Faustschlag, dass er das Augenlicht verlor. Dafür musste sich der mutmaßliche Täter am Mittwoch vor einem Augsburger Schöffengericht verantworten.Staatsanwalt Andreas Kraus warf ihm schwere Körperverletzung vor. Nach einem stundenlangen Prozess wurde der Angeklagte freigesprochen.

Gemeinsam mit seiner Freundin habe er sich auf den Weg in eine Disco in der Ludwigstraße gemacht. Dort traf das Paar auf flüchtige Bekannte. Es wurde ausgelassen getanzt und getrunken. Nachdem seine Freundin bereits nach Hause gegangen war, entschloss sich der Angeklagte etwa eine Stunde später, ebenfalls den Heimweg anzutreten.

Er wollte den Club verlassen, ihm sei jedoch der Ausgang versperrt worden. Weiter berichtet er, dass der groß gewachsene Mann, der ihn nicht vorbei lassen wollte, ihn aufgrund seines Erscheinungsbildes ausländerfeindlich beschimpft habe. Der in Deutschland geborene 33-Jährige ließ sich das nicht gefallen und erwiderte, dass er sein Maul halten solle. Daraufhin habe der 39-jährige Geschädigte zum Schlag ausgeholt, den 20 Zentimeter kleineren Angeklagten aber nur gestreift. Dieser sah nach eigener Aussage seine einzige Chance, aus dieser Situation zu entkommen, in einem kräftigen Schlag ins Gesicht und sofortiger Flucht. Er schlug so fest er konnte zurück, der Angreifer ging zu Boden und der 33-Jährige sei direkt abgehauen. Damit sei für ihn der Vorfall abgeschlossen gewesen.

Unterschiedliche Versionen des Vorfalls

Im März bekam er dann einen Anruf von einem Geschwisterpaar, das an jenem Abend dabei gewesen war und die Situation am Rande mitbekommen hatte. Die Geschwister hätten erfahren, dass das Opfer eine schwere Augenverletzung davongetragen habe und auf einem Auge erblindet sei. Sie rieten ihm, sich zu stellen. Der selbstständige Maler und Lackierer suchte Anwalt Werner Ruisinger auf und gab sich bei der Polizei zu erkennen.
Vor Gericht beschreiben sowohl der Geschädigte als auch sein bester Freund den Tathergang anders. Sie seien im Eingangsbereich des Clubs beim Rauchen gestanden und urplötzlich, „wie bei einem Football-Angriff kam jemand angeflogen“ und habe den 39-Jährigen niedergeschlagen.

„Ich bin in allen Lebenslagen eingeschränkt. Sehe nur noch zwei- statt dreidimensional und kann Entfernungen nicht mehr einschätzen. Meinen Beruf kann ich nicht mehr so ausüben wie zuvor. Ich muss alles neu lernen“, berichtet der Geschädigte dem Gericht. Er sei ohnehin nie viel unterwegs gewesen, aber seit diesem Vorfall gehe er gar nicht mehr fort und meide Menschenansammlungen, schildert der auf einem Auge erblindete Fluggerätemechaniker.

Die Darstellungen decken sich allerdings nicht mit der Aussage des 33-jährigen Malers und Lackierers. Er und ein Geschwisterpaar sagen aus, dass dem verheerenden Schlag eine Auseinandersetzung vorausgegangen sei. „Irgendetwas Ausländerfeindliches“, sagt eine Zeugin, solle der Geschädigte gegenüber dem mutmaßlichen Täter geäußert haben. Außerdem soll der 39-Jährige, der mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße deutlich überlegen ist, zuerst zugeschlagen haben.

Behandelnder Arzt gibt Aufschluss über Schwere und mögliche Entstehung der Verletzung 

Die Schöffen um den Vorsitzenden Richter Dominik Wagner haben somit allerhand mit der Wahrheitsfindung zu tun. Insgesamt zwölf Zeugen machen ihre Aussagen.
Unter anderem trittder behandelnde Arzt, der durch den Geschädigten von seiner ärztlichen Schweigepflicht entbunden wurde, in den Zeugenstand. Dieser erklärt, dass der 39-Jährige nur noch fünf bis zehn Prozent Sehkraft auf dem linken Auge besitze. Lediglich hell und dunkel könne er unterscheiden. Von einem sehenden Auge würde man erst ab 30 Prozent Sehleistung sprechen. Außerdem sei es seiner Erfahrung nach unwahrscheinlich, dass mit nur einem Faustschlag solch eine Augenverletzung sowie ein gebrochenes Nasen- und Jochbein zustande kommen kann. Das wirft die Frage auf, ob ein Glas oder eine Flasche mit im Spiel war.

Der Türsteher war als einziger Beteiligter des Vorfalls nicht betrunken. Er erklärt, dass er einige Meter vom Eingang entfernt gestanden sei und gerade einen anderen Gast zurecht gewiesen habe, als sich die Auseinandersetzung ereignete. Direkt vor dem Club könne es sich allerdings nicht ereignet haben, das hätte er mitbekommen. Jedoch könne er sich an blutige Glasscherben auf dem Boden erinnern. Ruisinger betont, dass keiner der Zeugen einen Gegenstand wahrgenommen habe und diese Vermutung nur auf die Aussage des Arztes zurückzuführen sei. Glasscherben vor einem Nachtclub seien zudem nichts Ungewöhnliches.

Staatsanwaltschaft fordert dreieinhalb Jahre Haft

Staatsanwalt Kraus erklärt, dass der einzige glaubwürdige und neutrale Zeuge der Türsteher sei, da dieser zur Tat nüchtern war. Die anderen Beteiligten seien alle angetrunken gewesen und würden nur jemanden in besseres Licht rücken wollen. In Bezug auf die Aussagen des Arztes und des Türstehers plädierte Kraus auf eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten. Verteidiger Ruisinger hingegen fordert, seinen Mandanten freizusprechen. Es gebe keinen Grund, dass ein 1,70 Meter großer Mann ohne vorhergehende Anzeichen einen körperlich deutlich überlegenen Mann angreife. Der Verteidiger spricht von einer Notwehrhandlung.

Nach der mit Unterbrechungen rund acht Stunden andauernden Verhandlung ziehen sich Richter Wagner und die zwei Schöffen zur Urteilsfindung zurück. Knapp zehn Minuten beraten sie sich und kommen zu dem Entschluss, dass aus den Zeugenaussagen nicht sicher hervorgeht, was in dieser Nacht wirklich passiert ist. Den 33-jährigen Angeklagten spricht das Gericht frei.
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