Plädoyers im Prostituiertenmord: Staatsanwältin fordert lebenslang für Stefan E. - Verteidiger Freispruch

Möglich, aber nicht wahrscheinlich: Die Rechtsanwälte Klaus Rödl und Michael Zapf (rechts) möchten, dass Stefan E. freigesprochen wird. Fotos: Monika Grunert Glas
 
Staatsanwältin Martina Neuhierl ist von der Täterschaft des Angeklagten überzeugt.

Als Staatsanwältin Martina Neuhierl am Montagvormittag ihr gut einstündiges Plädoyer beendet, fordert sie eine lebenslange Freiheitsstrafe für Stefan E. Sie ist überzeugt, dass der 50-jährige Angeklagte vor 25 Jahren die Prostituierte Angelika Baron getötet hat. Und nicht nur das. Nach ihrer Auffassung war es heimtückischer Mord aus Habgier. Außerdem vertritt sie die Auffassung, dass Stefan E. 2017 eine Bekannte vergewaltigt hat. Das sei mit vier Jahren Haft zu ahnden. Die Verteidigung aber fordert Freispruch hinsichtlich beider Tatvorwürfe.

"Mord verjährt nicht", beginnt Staatsanwältin Martina Neuhierl ihre Ausführungen. Wer ein derart schweres Verbrechen begangene habe, solle sich, auch wenn er jahrelang unauffällig lebe, nie sicher sein, dass man ihn nicht doch noch eines Tages überführen werde. Das sei im Fall von Stefan E. "ohne jeden Zweifel gelungen".

Im Frühjahr 2017 habe er seine Bekannte Sabine K. vergewaltigt. Nach zunächst einvernehmlich beendetem Geschlechtsverkehr habe er die Frau gegen deren Willen zurück aufs Bett geworfen. Man habe deutlich gemerkt, wie belastend das Erlebnis für sie gewesen sei: "Sie schämte sich, hier davon berichten zu müssen." Die Verteidigung hält die Frau "aus dem Junkie-Milieu am Oberhauser Bahnhof" jedoch für unglaubwürdig.

Staatsanwaltschaft hält den einzigen Zeugen für glaubwürdig

In den frühen Morgenstunden des 25. September 1993, zwischen 1.45 und 2.15 Uhr, so die Anklägerin weiter, habe Stefan E. die Prostituierte Angelika Baron an deren Standplatz an der Hessenbachstraße aufgesucht. Die 36-Jährige habe in seinem Auto Platz genommen. Auf der Zufahrt zum Gelände eines Sportvereins habe Stefan E. zu ihr auf die Beifahrerseite gewechselt und sich dann entschieden, die Frau zu töten: "Er wusste, dass sie keinesfalls mit einem Angriff rechnete. Er nützte ihre Hilflosigkeit aus und packte sie mit einem schnellen Griff am Hals." Stefan E. habe die Dirne so massiv gewürgt, dass sie zu keiner Abwehr mehr fähig gewesen sei, und dann zu dem 134 Gramm schweren Möbelfuß gegriffen, um der Bewusstlosen eine blutende Wunde an der Schläfe zuzufügen.

Dieser 20 Zentimeter lange Möbelfuß mit drei Zapfen, der neben der am folgenden Tag an einem Bahndamm bei Gessertshausen gefundenen Leiche lag, gehörte, wie sich jetzt ein Bekannter des Angeklagten zu erinnern glaubt, damals Stefan E. Staatsanwältin Neuhierl erklärt, die Aussage dieses Zeugen, den andere als Schwätzer bezeichneten, sei glaubwürdig. Ein Wichtigtuer sei dieser nur, wenn es um den Beruf oder Frauen gehe. Der Mann hatte allerdings, wie später Verteidiger Klaus Rödl ausführt, vor Gericht den Möbelfuß weniger genau gezeichnet als bei der Polizei. Darauf angesprochen, erklärte er, bei der Polizei habe man ihm ja auch ein Bild davon hingelegt.

"Der letzte Freier ist ihr Mörder"

Die DNA-Spuren an der Leiche sind für Staatsanwältin Martina Neuhierl weitere Indizien, die für die Täterschaft des Angeklagten sprechen: "Der letzte Freier ist ihr Mörder." Und dieser letzte Kunde sei eindeutig Stefan E. gewesen, denn dessen Genmaterial fand man unter anderem unten am linken Strumpf am Fuß der Getöteten, der in einem Sneaker steckte. Der Angeklagte habe aus Habgier gemordet, er habe den Dirnenlohn, 100 D-Mark, wiederhaben wollen und danach im Schuh gesucht. Das Geld steckte zwischen zwei Socken, die Angelika Baron übereinander trug. Dort fand es erst die Polizei. Wurde Stefan E. aus Geldgier zum Mörder? Hatte er das nötig? Immerhin verdiente er zu dieser Zeit 1993 monatlich 1600 D-Mark netto und lebte mietfrei im Elternhaus.

"Unwahrscheinlich", so argumentiert der zweite Verteidiger Michael Zapf, dass der, der diese Spuren am Socken hinterließ, danach der Toten wieder ihren Schuh anzog und diesen auch noch säuberlich verschnürte. Viel eher sei anzunehmen, dass Angelika Baron in Sperma trat und sich nach dem Akt den Sneaker selbst wieder anzog.

Verteidiger: "Möglicherweise ist mein Mandant der Täter. Wahrscheinlich ist es nicht."

Für die Verteidiger liegt nahe, dass derjenige der Täter ist, dessen Sperma sich in der Scheide der Prostituierten sowie in einem Kondom neben der Leiche fand. Angelika Baron arbeitete freiwillig bekanntermaßen nur mit Kondom. Allerdings fand man die Spuren dieses Mannes auch an einem Tempo im Müllbeutel im Auto der Dirne, und somit geht die Staatsanwältin davon aus, dass sie nach diesem Kunden noch lebte.

Und was ist mit dem Zeugen, der in der Tatnacht zwei Männer beobachtete, die am nachweislich begehrten Standplatz der Prostituierten bedrohlich auf diese einwirkten? Wer waren sie?

Wie auch immer, es ist ein reiner Indizienprozess. Der Angeklagte schweigt vor Gericht, der Polizei sagte er, er habe Angelika Baron nicht getötet. Rechtsanwalt Klaus Rödl zitierte Friedrich Dürrenmatt: "Das Mögliche und das Wahrscheinliche sind nicht dasselbe; das Mögliche braucht noch lange nicht das Wahrscheinliche zu sein." Die Spuren könnten so gedeutet werden: "Möglicherweise ist mein Mandant der Täter. Wahrscheinlich ist es nicht."

Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser wird das Urteil am Freitag, 12. April, verkünden.
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