Prostituiertenmord: Kripobeamter belastet Angeklagten schwer - "Keine Anhaltspunkte für alternativen Täter"

Wer hat Angelika Baron auf dem Gewissen? Die Prostituierte wurde 1993 getötet. Seit Anfang Dezember muss sich Stefan E. wegen Mordes verantworten. Er hat bei der Polizei die Vorwürfe bestritten, vor Gericht schweigt er. Foto: Archivfoto: Polizei/AichacherZeitung

Heute der psychiatrische Gutachter, am nächsten Montag werden Staatsanwältin und Verteidiger plädieren: Der Prozess um den Prostituiertenmord von 1993 ist auf die Zielgerade eingebogen. Die Beweisaufnahme vor der Schwurgerichtskammer ist geschlossen. Anträge auf weiterführende Ermittlungen und Expertisen, die die Verteidiger gestellt hatten, etwa die, woher der Möbelfuß, die mutmaßliche Tatwaffe, stammt, wurden abgelehnt.

Zunächst wurde am Montag der Kripobeamte vernommen, dem die Sachbearbeitung des Cold Case oblag. Er sollte, so forderte ihn die Vorsitzende Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser auf, einen "Überblick über seine Recherchen" geben.

Vor allem ein Zeuge ist es, dessen Aussage den angeklagten Stefan E. sehr belastet. Der Mann, einst selbst kriminell, behauptet, Stefan E. habe genau so einen Möbelfuß in seinem BMW mitgeführt, wie er neben der Leiche der getöteten Prostituierten an einem Bahndamm bei Gessertshausen gelegen hatte. Andere Zeugen bezeichnen den Mann als Wichtigtuer, doch nach Ansicht des 55-jährigen Kriminalbeamten ist er "sehr glaubwürdig".

Er habe sich 2017 von sich aus bei der Polizei gemeldet und seine "Hilfe angeboten". Er habe "überhaupt keinen Belastungseifer gezeigt" sondern im Gegenteil dem Angeklagten beistehen wollen. Bei dem Gespräch mit dem Kripobeamten dann sei jedoch der Blick des Zeugen zufällig auf einen Zeitungsartikel gefallen, der hinter dessen Schreibtisch an der Wand hing. Er zeigte ein Foto des Möbelfußes, der mutmaßlichen Tatwaffe. Da habe der Zeuge spontan geäußert: "Das wollte ich ja auch noch sagen, den habe ich schon gesehen." Er habe Stefan E. einmal beim Entrümpeln geholfen. Dabei sei ein Beistelltisch mit Glasplatte zerkleinert worden. Stefan E. habe ein Bein aufgehoben. Zudem behauptete der Zeuge, er sei eines Tages mit Stefan E. zum Bahndamm bei Gessertshausen zum Drogenkonsum mittels Erdlochrauchen gefahren. In der Gegend hatte ein Spaziergänger am 25. September 1993 die Leiche der Liebesdienerin gefunden.

Der Kripobeamte erklärte auch noch einmal genau die DNA-Spuren, die man an der Leiche gefunden hatte. Die Polizei ordnete diese nach Farben. Die braune, grüne und blaue DNA seien demnach als Täter-DNA auszuschließen, anders als zunächst die "schwarze DNA". Schließlich aber sei man zu dem Schluss gekommen, auch diese beschreibe "normales Freierverhalten". Man fand die Spur in einem Scheidenabstrich, in einem Kondom und auf diversen Taschentüchern. Fazit der Polizei: Angelika Baron habe sich gesäubert und die Tempos danach in den Müllsack gesteckt: "Sie kehrte nach dem Kunden zu ihrem Auto zurück, sie hat also noch gelebt."

Bleibt die "gelbe DNA", die dem Angeklagten zuzurechnen ist. Man fand sie an der Weste, dem Slip, den Leggings und den Socken der Prostituierten: "Da hat kein Freier was verloren", sagte der Beamte.

Angelika Baron habe den Hundertmarkschein, den sie von Stefan E. erhalten habe, in ein "schlaues Versteck, einen nicht erkannten, kleinen Tresor" gesteckt, nämlich zwischen zwei Paar Socken, die sie übereinander trug. Dort habe ihn Stefan E. nicht gefunden. Im dunklen Auto habe er nicht genau gesehen, wohin die Prostituierte ihren Lohn gesteckt habe, und vergeblich danach gesucht.

Die DNA-Spuren beweisen laut Kommissar: "Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für einen alternativen Täter." Verteidiger Klaus Rödl hielt ihm vor, ein Zeuge habe in der Tatnacht zwischen ein und zwei Uhr zwei Männer beobachtet, die einen weißen Golf fuhren und sich am Standplatz der Prostituierten an der Hessenbachstraße aufhielten. Sie hatten offenbar mit Angelika Baron Streit; einer schlug mit der Hand auf ihr Autodach. Diese Männer seien als Täter auszuschließen, erklärte der Sachbearbeiter kategorisch.

Richard Gruber, Neurologe und Psychiater, attestiert dem Angeklagten eine durchschnittliche Intelligenz. Auch wenn Stefan E. 1993 Drogen genommen habe - er räumte den Konsum von Marihuana ein, Heroin habe er erst ab etwa 1996 genommen - gebe es keine Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit. Gruber bezeichnete den 50-Jährigen als wenig zielstrebig, konfliktscheu, anspruchslos, empathisch und weich. Seine Leistungsbereitschaft sei nicht ausreichend für einen Weg aus der Sucht und ein autonomes Leben. Als man ihn 2017 verhaftete, sei er ebenso "verwahrlost und abgebaut" gewesen wie seine Wohnung. Stefan E. erlaube eine "Langzeitstudie eines jungen Menschen aus dem Vorstadtbiotop mit sich manifestierendem Abwärtstrend". Richard Gruber: "Er lebte ohne familiäre Bindungen bei erstaunlich geringem Problembewusstsein im Kreis ähnlich Belasteter im Milieu in den Tag hinein."
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