Rettungsgasse richtig bilden: Zum Start der Pfingstferien haben wir bei der Polizei nachgefragt, worauf Autofahrer zu achten haben

Ein Notarzt-Wagen bahnt sich den Weg durch den Stau. Symbolfoto: ADAC
 
So funktioniert es mit der Rettungsgasse. Grafik: ADAC

Auf den Autobahnen ist zu Beginn der Pfingstferien an diesem Wochenende wieder viel los. Wenn sich dann ein Unfall ereignet, haben es Rettungskräfte oftmals schwer, zum Unfallort zu gelangen. Grund dafür sind die Autofahrer, die vergessen haben, eine Rettungsgasse zu bilden.

Völlig unterschiedlich ist es offenbar, ob die Fahrschulen den Fahranfängern die Grundlagen der Rettungsgasse beibringen. In unserer Redaktion berichten auch die jungen Kollegen über unterschiedliche Erfahrungen.

Bei einer Straßenumfrage in Augsburg gaben zwar alle Befragten an, eine Rettungsgasse zu bilden, allerdings herrscht Uneinigkeit darüber, wie diese genau auszusehen hat. Die 60-jährige Bernadet Novac aus Augsburg hält sich an den Seiten der Fahrstreifen, sobald sie Sirenen höre. Allerdings wisse sie nicht, ob bei einer dreispurigen Autobahn eine Gasse zwischen der linken und der mittleren oder der rechten und der mittleren Spur zu bilden sei. In der Fahrschule habe sie nichts darüber gelernt, sondern es im Fernsehen und in Zeitschriften erfahren, erzählt Novac.

Der 35-jährige Florian Fachler erinnere sich daran, es in der Fahrschule gelernt zu haben. Er bilde die Rettungsgasse, sobald er auf ein Stauende auffahre oder einen Rettungswagen höre. Überrascht reagierte er, als er erfuhr, dass die Gasse zwischen der linken und mittleren Spur zu bilden sei. Er war der Meinung, dass sie rechts gebildet wird.
Der 18-jährige FOS-Schüler Johannes Akcan aus Augsburg bilde eine Rettungsgasse zwischen dem linken und mittleren Fahrstreifen sobald er Sirenen höre. Wie das funktioniert, habe er zuerst im Internet erfahren und später in der Fahrschule. Marion Schlabitz-Olbricht aus Augsburg ist 48 Jahre alt und besitzt kein Auto. In der Theorie weiß sie trotzdem, was zu tun wäre: „Sobald man Sirenen hört, soll einer nach links und die anderen nach rechts fahren“, sagt sie.

Für Klarheit sorgt Pressesprecher Michael Jakob von der Polizeiinspektion Schwaben Nord. Im Interview erklärt er, was bei einer Rettungsgasse zu beachten ist.

Wann muss ich eine Rettungsgasse bilden?

Die Rettungsgasse ist grundsätzlich zu bilden, wenn auf Autobahnen sowie auf Außerortsstraßen mit mindestens zwei Fahrstreifen in jede Richtung der Fahrzeugverkehr erkennbar ins Stocken kommt beziehungsweise zum Stehen kommt.

Wie bilde ich die Rettungsgasse auf der Landstraße?

Die Verpflichtung zum Bilden einer Rettungsgasse greift nur auf mehrspurigen Straßen.

Wie bilde ich die Rettungsgasse auf der Autobahn und wo wird sie auf drei- oder mehrspurigen Autobahnen gebildet?

Gemäß dem Motto „Eins links, zwei rechts“ muss die Rettungsgasse zwischen dem äußersten linken Fahrstreifen und dem rechts daneben liegenden Fahrstreifen gebildet werden.

Darf ich den Standstreifen befahren?

Seitenstreifen sind keine Fahrbahn. Es darf dort weder gefahren noch gehalten werden, außer in Notfällen (Pannen, Unfall, Hilfeleistung oder ähnliches). Das Befahren des Seitenstreifens (Paragraf 2 Absatz 1 StVO) zum schnelleren Vorankommen ist mit einem Bußgeld von 75 Euro sowie einem Punkt sanktioniert. Bei Gefährdung anderer sowie bei einem dadurch bedingten Unfall erhöht sich das Bußgeld bis auf 110 Euro.

Darf ich in der Rettungsgasse fahren?

Durch die Bildung der Rettungsgasse entsteht kein neuer Fahrstreifen. Daher ist das „Vorbeifahren“ an anderen im Stau stehenden Fahrzeugen ein unzulässiges Rechtsüberholen (Paragraf 5 Absatz 1 StVO). Der Verstoß ist mit 100 Euro Bußgeld und einem Punkt sanktioniert; bei Gefährdung anderer beziehungsweise wenn sich dadurch ein Verkehrsunfall ereignet mit bis zu 145 Euro.
Das Verbot gilt im Übrigen für Motorradfahrer und Führer von mehrspurigen Kraftfahrzeugen.

Wie verhalte ich mich in einem Baustellenbereich mit verengter Fahrbahn oder in einem Tunnel?

Genauso, wie außerhalb dieser Engstellen. Es hängt natürlich von den tatsächlichen örtlichen Begebenheiten ab, wie man mit seinem Kfz in diesen Bereichen die Rettungsgasse bilden kann.

Wie verhalte ich mich, wenn ich auf der rechten Spur bin und ein Rettungsfahrzeug auf die Autobahn auffährt?

Platz machen und die Einfahrt ermöglichen! Bei vorausschauender Fahrweise sollte erkannt werden, dass der Verkehr stockt beziehungsweise bereits steht. Sollte man sich zu diesem Zeitpunkt auf Höhe einer Einfahrt befinden, gilt es ausreichen Abstand zum Vordermann zu lassen. Dadurch können Einsatzfahrzeuge auf die Autobahn auffahren.

Ist in Deutschland eine Rettungsgasse gesetzlich vorgeschrieben?

Die Vorschrift ist in Paragraf 11 StVO verankert. Beim Nichtbilden einer Rettungsgasse drohen seit Oktober 2017 zwei Punkte in Flensburg. Sollte jemand behindert, gefährdet oder beschädigt werden, wird ein Bußgeld in Höhe von bis zu 320 Euro und ein Monat Fahrverbot fällig.

Muss ich im Ausland eine Rettungsgasse bilden?

Die Bildung der Rettungsgasse ist in den europäischen Ländern nicht einheitlich geregelt. So sind die entsprechenden straßenverkehrsrechtlichen Bestimmungen im benachbarten Österreich, der Schweiz und Luxemburg mit der Regelung des Paragrafen 11 Absatz 2 StVO vergleichbar, in anderen Ländern ähnlich oder aber auch nicht geregelt.

Wie oft kommt es zu solchen Behinderungen? Ereignen sich während des Bildens der Rettungsgasse Unfälle?

Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Bildung von Rettungsgassen auf zweispurigen Autobahnen und richtungsgetrennten Landstraßen zwischenzeitlich eher erfolgt, als auf drei- beziehungsweise mehrspurigen Autobahnen.
Ursächlich hierfür kann sein, dass:
• zweispurige richtungsgetrennte Landstraßen insbesondere in Ballungsraumbereichen überwiegend von im Einzugsbereich lebenden Fahrzeugführern benutzt werden (Stichwort: Berufspendler) und gerade örtliche Präventionsmaßnahmen sowie eine entsprechende Presseberichterstattung zu einer gewissen Sensibilisierung zu dieser Thematik führen;
• die Bildung einer Rettungsgasse auf zweispurigen Schnellstraßen schlichtweg einfacher möglich ist, als auf drei- und mehrspurigen Autobahnen mit im Regelfall überregionalem Verkehr, einschließlich des Schwerlastverkehrs, zumal bei drei- und mehrspurigen Autobahnen auch die Anzahl der für die Bildung der Rettungsgasse mitwirkenden (und mitdenkenden) Akteure deutlich höher ist.
Natürlich ereignen sich bei der Bildung von Rettungsgassen und dem dadurch verdichteten Verkehrsraum immer wieder Verkehrsunfälle, wobei es sich dabei im Regelfall um Kleinunfälle mit Sachschäden (Blechschäden) handelt (keine gesonderte Erfassung).
Ein weitaus größeres Gefahrenpotenzial stellt das Stauende dar. Immer wieder ereignen sich Verkehrsunfälle, weil Fahrzeugführer durch unaufmerksames Verhalten ein Stauende nicht rechtzeitig wahrnehmen. Entsprechend schwere Verkehrsunfälle gerade mit Beteiligung von Lastwagen – wie sich diese auch zurückliegend auf bundesdeutschen Autobahnen ereigneten – stehen hierfür beispielhaft.


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