Spendenskandal Kinderkrebshilfe: Bewährungsstrafen für Vorstandsmitglieder

Nach zähen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, die in einen Deal mündeten, verurteilte Richter Thomas Müller-Froelich gestern die Verantwortlichen der Kinderkrebshilfe zu Bewährungsstrafen. Foto: Monika Grunert Glas

Im Prozess um zwei Vorstandsmitglieder des gemeinnützigen Vereins Kinderkrebshilfe Bayern hat ein Schöffengericht am Amtsgericht Augsburg gestern eine 50-Jährige und ihren 39 Jahre alten Noch-Ehemann wegen gewerbsmäßiger Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt. Zudem müssen sie jeweils 40 000 Euro an die Deutsche Leukämieforschungshilfe sowie den Bundesverband Bunter Kreis zahlen.

Die Frau mit dem dunkelbraunen Bob huscht durch die Gänge des Gerichtsgebäudes. Als sie Saal 141 betritt, verbirgt die Angeklagte ihr Gesicht so lange hinter einer Mappe, bis die Fotografen das Knipsen einstellen müssen, weil das Gericht einzieht. Ihr 39 Jahre alte Noch-Ehemann geht es lockerer an. Er nimmt leger auf der Anklagebank Platz. Er hat kein Problem mit den Fotografen, aber auch er dreht den Zuhörern während der gesamten Verhandlung den Rücken zu.

Im Zuschauerraum sitzen Menschen, die an die Kinderkrebshilfe Bayern gespendet haben. Sie hätten nun gern gewusst, was genau aus ihrem Geld wurde, was die Angeklagten zu ihrem Handeln bewogen hat. Doch das blieb im Dunklen.

"Kinderkrebshilfe Bayern": Das klang seriös. Jeder, der an diesen gemeinnützigen Verein, den die Angeklagte 2013 gegründet hatte, spendete, glaubte sein Geld gut verwendet. Plakativ wurde mit Leidensgeschichten krebskranker Kinder um Spenden geworben. Die Vorsitzende trat sogar im Fernsehen auf. Von Anfang an, so die Anklage, sei es jedoch nicht darum gegangen, Kranken zu helfen, sondern Geld für private Zwecke zu generieren. "Das Vertrauen Spendenwilliger wurde massiv geschädigt", sagt Staatsanwältin Andrea Hobert. Richter Thomas Müller-Froelich meint, nachdem die Sache öffentlich wurde, litt womöglich der Ruf von gemeinnützigen Vereinen allgemein und es hätten sich vielleicht viele Menschen überlegt, besser gar nicht zu spenden.

Das Gericht verurteilte den 39-jährigen Angeklagte zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung, seine Noch-Ehefrau zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung. Angesichts der Schadenssumme von rund 300 000 Euro aus Betrug und Veruntreuung wäre die Strafe wohl höher ausgefallen, wenn kein sogenannter "Deal" zustande gekommen wäre. Die Verständigung zwischen Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft hatte sich schon am ersten Prozesstag abgezeichnet. Voraussetzung dafür waren Geständnisse der beiden Angeklagten, um ein langwieriges Verfahren abkürzen zu können, in dessen Verlauf womöglich 152 Geschädigte hätten angehört werden müssen.

Die Angeklagten räumten schließlich jeweils einen Teil der 87 angeklagten Untreue-Fälle ein, sie 57, er 28, zwei fallen weg. Auch für die 152 Betrugsfälle wird das Paar nicht bestraft. Das Verfahren wird eingestellt. Die Sanktion würde angesichts der Strafe für die gewerbsmäßige Untreue nicht ins Gewicht fallen.

Das Haus der Angeklagten wurde zwangsversteigert. 81 700 Euro wurden dafür erzielt. Das Geld wird nun den beiden je zur Hälfte ausgezahlt. Der Frau hielt man zugute, dass sie schon im Vorfeld des Prozesses 55 000 Euro Wiedergutmachung leistete. Nun werden weitere 32 500 Euro als Wertersatz von ihr eingezogen, von ihm 36 500 Euro. Der 39-Jährige muss nun eine Mitgliederversammlung einberufen und den Verein auflösen, zudem einen Fachmann mit der Liquidation betrauen. Etwa 200 000 Euro liegen noch auf dem Vereinskonto. Die Staatsanwaltschaft, sagt Andrea Hobert, habe den Deal mitgemacht, weil besser Geld an krebskranke Kinder fließen solle, als dass die Angeklagten auf Steuerzahlerkosten hinter Gittern sitzen.
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