Student zieht sich in seinem Auto auf Discounter-Parkplatz um - und steht nun wegen Exhibitionismus vor Gericht

Das Gericht kam schließlich zu dem Urteil, dass es keinerlei Grundlage gebe, das Verhalten des Studenten als Exhibitionismus zu werten. (Foto: skycinema,123rf.com)

Ist ein 19-Jähriger als Exhibitionist aufgetreten, oder war alles nur ein Missverständnis? Das hatte jetzt Jugendrichterin Ortrun Jelinek am Augsburger Amtsgericht zu klären.

Es geschah an einem heißen August-Nachmittag im vergangenen Sommer. Der Student absolvierte ein Praktikum bei einer Firma in Augsburg. Nach Feierabend - es war ein Freitag - setzte er sich gegen 15 Uhr in sein aufgeheiztes Auto, um nach Hause zu fahren. Er stoppte auf einem Discounter-Parkplatz, wollte in dem Supermarkt noch schnell etwas besorgen. Er berichtete, ihm sei furchtbar warm gewesen. Deshalb wollte er schnell seine lange Jeans ausziehen und in eine Badeshorts schlüpfen, die er noch vom Vortag im Auto liegen hatte.

Dass es "keine gute Idee" war, sich ausgerechnet auf einem öffentlichen Parkplatz umzuziehen, weiß er jetzt auch. Denn just als er mit heruntergelassener Hose da saß und gerade versuchte, sie im engen Fahrzeug ganz abzustreifen - zu allem Unglück waren auch noch die Fenster heruntergekurbelt - kam die Frau, der das Auto neben seinem gehörte, vom Einkaufen zurück zu ihrem Wagen. Die 50-Jährige setzte sich rein, griff nach links zum Gurt - da fiel ihr Blick auf den halbnackten Burschen, der hektisch seine Hände über seinen Schoß legte, sie erschreckt anstarrte und dann geschwind zur Shorts griff, um sie über seine Blöße zu legen. Die Frau jedoch wähnte sich einem Exhibitionisten gegenüber. "Ja, macht man so was? Ich war total perplex", gestand sie.

Auch ein Entschuldigungsbrief konnte die Frau nicht beruhigen

Zuhause angekommen, berichtete sie ihrem Mann und einer Freundin von dem Erlebnis. "Ich wurde belächelt", erinnerte sie sich empört. Am nächsten Tag fragte sie einen Bekannten, der Polizeibeamter ist, was sie nun tun solle. Er riet zur Anzeige. Da sie sich das Kennzeichen des Autos des Studenten gemerkt hatte, kam man ihm schnell auf die Spur. Bei der Polizei fiel es ihr schwer, ihre Zeugenaussage zu machen. "Die heutige Welt ist so verkehrt", habe sie gesagt, so der vernehmende Beamte, und dass sie "junge Mädchen" vor einer potenziellen Begegnung mit dem mutmaßlichen Sextäter schützen wolle.

Der 19-Jährige schrieb der Frau einen Entschuldigungsbrief und legte dar, er sei mitnichten ein Exhibitionist. Der Brief besänftigte die 50-Jährige nicht, er empörte sie zusätzlich. Sie fühlte sich belästigt und war verunsichert, weil der junge Mann nun ihre Adresse kannte. Seine Verteidigerin hatte sie aus den Akten erfahren: "Ich hatte Angst, er würde mir nun vielleicht auflauern." Sie zog ihren Strafantrag zurück.

Exhibitionismus ist jedoch ein Delikt, das die Staatsanwaltschaft nicht, wie beispielsweise Beleidigung, nur auf Antrag verfolgt. So kam es zur Verhandlung. Während Rechtsanwältin Judith Freund einen Freispruch forderte, sah Staatsanwältin Katharina Kling die exhibitionistischen Handlungen als erwiesen an. Sie forderte 40 Stunden soziale Hilfsdienste.

Exhibitionismus-Vorwurf: Keinerlei Grundlage

Eine Verurteilung hätte den mittlerweile 20-Jährigen sehr getroffen. Weder hätte er mit einem derartigen Eintrag in seinem erweiterten Führungszeugnis noch Nachhilfeunterricht geben können, noch Fußballtrainer für den Nachwuchs werden. Der Jugendgerichtshelfer beschrieb ihn als außerordentlich sozial kompetent, engagiert und verantwortungsbewusst.

Richterin Ortrun Jelinek meinte, es gebe keinerlei Grundlage, das Verhalten des Studenten als Exhibitionismus zu werten. Er habe es zu keiner Zeit darauf angelegt, gesehen zu werden. Er habe sich in einer abgelegenen Ecke des Parkplatzes umgezogen und nicht damit rechnen können, dass ausgerechnet da die Besitzerin des Wagens neben seinem zurückkehren könnte: "Ein Exhibitionist aber zieht Lustgewinn daraus, dass er beobachtet wird."
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