Was geschah vor dem Prostituiertenmord? Ehemalige Freier sagen aus

Auf der südlichen Auffahrt von der Hessenbachstraße auf die Bürgermeister-Ackermann-Straße warteten in den 90er Jahren Prostituierte in ihren Autos auf Freier. Auch Angelika Baron parkte dort ihren beigen Mitsubishi. Foto: Monika Grunert Glas

Augsburg - Es ist etwas viel verlangt von den Freiern, die vor 25 Jahren Kontakt zu Angelika Baron hatten, sich heute noch an Details zu erinnern. 31 Sitzungstage hat das Landgericht für die Verhandlung im Fall des sogenannten Prostituiertenmords vorgesehen, denn 124 Zeugen will die achte Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser vernehmen. Darunter befinden sich zahlreiche Kunden der Dirne. Ein Zeuge wurde jetzt sogar per Videokonferenz aus Berlin zugeschaltet.

Der 58-Jährige ist schwer krank und leidet nach eigenen Angaben seit einer Operation 1994 unter extremen Schmerzen. Auch schon 1993, als Angelika Baron getötet wurde, sei er sehr schlecht zu Fuß gewesen, erzählt der Kleinwüchsige. Die "Schaufensterkrankheit" habe ihn geplagt, ein Nervenleiden, das beim Gehen immer wieder Pausen erfordert. Der Zeugenstuhl in Saal 101 bleibt während seiner Aussage leer, denn Hubert W.* sitzt dabei in einem Raum im Berliner Landgericht Moabit und wird gefilmt - ebenso wie die Richterin in Augsburg. Man sieht sich gegenseitig auf einem Bildschirm.

Er könne sich nicht einmal mehr an den Namen Angelika Baron erinnern, meint der Zeuge, und auch das Datum des Tattags wisse er nicht mehr. Dabei war er vor 25 Jahren so gut mit ihr bekannt, dass er nicht nur ihr Freier war, sondern ihr sogar Geld lieh. Von 800 D-Mark ist die Rede. Das Geld habe er nie zurückbekommen, sagt der 58-Jährige, der auf Nachfrage der Richterin erklärt, er sei 1,29 Meter groß. Groß genug, um Angelika Baron mit einem rund 20 Zentimeter langen Möbelfuß zu schlagen und zu erwürgen? Diese Frage steht unausgesprochen im Raum.

Wie oft er die Prostituierte denn zu treffen pflegte, hakt die Richterin nach. Da streikt sein Gedächtnis. Er habe inzwischen Familie, das alles damals in Augsburg, das habe er längst hinter sich gelassen. Ohnehin, so der Mann, habe er nichts zu verbergen. Ist das so? Eine mittlerweile verstorbene Zeugin hatte bei der Polizei von einem heftigen Streit zwischen Hubert W. und der Prostituierten berichtet, etwa eine Woche vor der Tat. Es sei um das geliehene Geld gegangen. Angelika Baron habe zudem kurz vor ihrem Tod solche Angst gehabt, dass sie sich eine Waffe zulegte.

Münchner war am Tatabend in Augsburg

Am Tatabend war Hubert W., der eigentlich in München lebte, zumindest in Augsburg. Er habe Medikamente aus einer Apotheke geholt, in der seine Schwägerin arbeitete, sagt er nun. Diese habe ihm das Gewünschte auch dann ausgehändigt, wenn er noch kein Rezept dafür hatte, erklärt er die Extra-Tour in die Fuggerstadt: "Sie wusste, dass ich das schon nachreiche."

Teils raue Sitten herrschten in den 90er Jahren im Augsburger Rotlichtmilieu, speziell auf dem Straßenstrich. Ehemalige Kolleginnen von Angelika Baron, die nun berichten sollten, wie es im Allgemeinen und Besonderen so zuging, haben heute noch Angst vor möglichen Repressalien. Sind etwa Zuhälter von damals im Zuschauerraum? Bevor sie auf dem Zeugenstuhl Platz nahmen, sahen sich manche Frauen ängstlich um.

Bei der Polizei hatte ein anderer Zeuge, ebenfalls ein Freier, vor 25 Jahren von einem Streit berichtet, den Angelika Baron mit einer anderen Dirne gehabt habe. Es sei um den begehrten Standplatz auf der Auffahrt zur Ackermannstraße gegangen. Heute weiß der inzwischen 50-jährige Bauhofmitarbeiter davon nichts mehr. "Peinlich" sei es ihm, nun als Ex-Freier vor Gericht aussagen zu müssen, meint der stämmige Mann. "Da sind Sie nicht allein mit Ihrer Scham", bescheidet ihn Richterin Riedel-Mitterwieser, man müsse zahlreiche Kunden der Getöteten vernehmen.

Von einer Konkurrentin in den Bauch geschlagen?

Schließlich fallen dem Mann doch noch einige Details ein. 50 D-Mark habe er "Anschi" für Verkehr im Auto gezahlt. Er habe sie auch in ihrer Wohnung getroffen, dort habe es mehr gekostet. Auch er hatte offenbar eine tiefergehende Beziehung zu der Prostituierten, jedenfalls hatte er nach deren Tod berichtet, sie ins Krankenhaus gefahren zu haben, nach dem Streit um den Standplatz, weil eine Konkurrentin sie in den Bauch geschlagen hatte. Jetzt schüttelt der Zeuge nur den Kopf. Krankenhaus? Er kann sich nicht erinnern. Wie er von dem Verbrechen erfuhr? Aus der Zeitung, ist er sich sicher. Seine Mutter habe ihm einen Bericht darüber gezeigt. Vor 25 Jahren sagte er aus, eine andere Dirne habe ihm davon erzählt, Zeitung lese er nie.

Das genau ist die Krux an dem Verfahren. Das Tötungsdelikt ist ein "Cold Case", ein Fall, der eigentlich schon im Archiv schlummerte, bis der Angeklagte, Stefan E., in den Fokus der Polizei geriet. Wegen einer anderen Sache hatte man die DNA des 50-Jährigen untersucht und routinemäßig mit der Datenbank abgeglichen. Treffer, das Ergebnis stimmte mit Genmaterial überein, das man an der Leiche der Prostituierten gesichert hatte. Allerdings weiß man bislang nicht, ob Stefan E. wirklich der letzte Freier war - es ist auch ein Kondom gefunden worden mit Sperma eines bis heute Unbekannten.

Nächste Woche geht der Prozess weiter. Am Mittwoch soll der damalige Chefermittler der Polizei aussagen. Eine Frage der Richter an ihn könnte beispielsweise sein, wieso in den Akten nichts über eine "verdeckte" Ermittlung steht: Eine Nachbarin der Prostituierten war damals verkabelt worden, um einen der ersten Hauptverdächtigen, den Zuhälter der Getöteten, auszuhorchen. *Name geändert
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