Aufrecht gehen – vorwärts sehen: Leben nach einer Amputation

Wie man trotz Amputation seine Lebensfreude bewahrt, erarbeiten sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe für Bein- und Armamputierte durch gegenseitige Unterstützung. Obwohl alle ihre individuelle Geschichte haben, gibt es viele Parallelen.

Brigitte Härtinger-Müller weiß ganz genau, wie es sich anfühlt, einen Fuß zu verlieren – körperlich und seelisch. Nach einer Infektion musste eines ihrer Beine unterhalb des Knies amputiert werden. Ihr ganzes Leben hat sich daraufhin verändert. Ihren Beruf im Verkauf konnte sie nicht mehr ausüben. Sie musste neu lernen, sich zu bewegen, mit einer Prothese zu gehen, eine Treppe hinauf- und hinunterzusteigen, sich zu setzen und wieder aufzustehen. Eine Zeit lang war sie auf einen Rollstuhl angewiesen, für den ihre Wohnung gar nicht geeignet ist. Auch für die Menschen in ihrer Umgebung war das ein Schock. Doch nach vier Jahren haben sie und ihr Umfeld sich mit den neuen Lebensumständen arrangiert.

Neue Ziele

Brigitte Härtinger-Müller engagiert sich ehrenamtlich und folgt auch sonst ihrer Überzeugung, dass nur Herumsitzen nichts für sie ist. Weil sie zur Aufarbeitung ihres Schicksalsschlages den Austausch mit anderen Betroffenen suchte, gründete sie schon bald nach ihrer Operation eine Selbsthilfegruppe für Bein- und Armamputierte. Sie spricht behutsam Betroffene an, die ihr begegnen, um sie für die monatlichen Treffen zu begeistern, die unter dem Motto „Aufrecht gehen – vorwärts sehen“ Anderen Hoffnung machen. Erfahrungen werden ausgetauscht und die Gruppe unterstützt sich gegenseitig. Es werden Ausflüge und gemeinsame Feiern organisiert. Brigitte Härtinger wird mittlerweile sogar ins Klinikum Augsburg gerufen, wenn die Ärzte Hilfe bei der Überzeugungsarbeit brauchen, wenn es um Amputation geht.

Jeder ist anders

Jedes der Gruppenmitglieder bringt eine andere Geschichte mit. Schon der Grund für eine Amputation kreiert für die Betroffenen sehr unterschiedliche Probleme. Während der Verlust von Gliedmaßen durch Krankheit oder als Folge einer Infektion eine schmerzhafte Vorgeschichte und ein langsames Verabschieden von einem Körperteil darstellt und den Patienten Entscheidungen abverlangt, haben Unfallopfer unter einer sehr plötzlichen Veränderung ihrer Lebensumstände und einer damit einhergehenden Hilflosigkeit zu leiden.
So vielfältig wie die Leute, ist auch ihr Umgang mit ihrem Schicksal.
Da sind die Einen, die sich mit ihrer Situation arrangiert haben, die einen neuen Lebensweg gefunden haben und nicht nur das Beste daraus machen, sondern manchmal sogar an ihrer Aufgabe gewachsen sind. Und es gibt die Anderen, die noch feststecken in Trauerarbeit, in Verbitterung und Hilflosigkeit. Natürlich spielt es eine Rolle, wie lange man schon in seinem neuen Leben unterwegs ist, aber auch charakterliche und mentale Eigenarten und nicht zuletzt die Unterstützung von Angehörigen spiegeln sich im Umgang mit einer Amputation wider.

High-Tech im Alltag

Während in der öffentlichen Wahrnehmung Spitzensportler, wie sie beispielsweise bei paralympischen Spielen im Rampenlicht erscheinen, mit ihren High-Tech-Prothesen für Staunen sorgen und oft sogar gesteigerte Fähigkeiten eines menschlichen Körpers präsentieren, haben die „normalen Leute“ ganz andere Sorgen. Die unglaubliche Zahl von geschätzten 40.000 bis 60.000 Beinamputationen und etwa 10.000 Armamputationen in jedem Jahr alleine in Deutschland*, macht deutlich, wie viele Menschen sich einer solchen Aufgabe stellen müssen. In der Gruppe gibt es Zuhörer, die wissen, wovon die Rede ist, wenn der Liner nicht richtig passt oder die Kniekappe drückt. Die Wahrnehmung von Phantomgliedern ist für manche ein Thema, für andere nicht. Hier gibt es Leute, die schon erlebt haben, welchen Schwierigkeiten mit Kostenübernahme oder Bestimmung von Pflegegraden durch Krankenkassen und Berufsgenossenschaften man gegenüberstehen kann.
Die Gruppe tauscht sich aus über die Wahl von Prothesenherstellern und hat zu allen Lebensbereichen praktische Erfahrungen. Einige Teilnehmer haben eine neue Form des Reisens für sich entdeckt und geben damit den anderen neuen Lebensmut.
Nicht zuletzt ist eine Prothese – wenn sie passt und funktioniert und wenn der Betroffene den Umgang damit in einem oft langen und schweißtreibenden Prozess erlernt hat – ein Rückgewinn von Eigenständigkeit und (Bewegungs-)Freiheit.

Mit den Gedanken steuern

Dass die Patienten sich in ihrem neuen Leben einrichten, sieht man auch an den Aussagen der einzigen Armamputierten der Gruppe, die sich nicht vorstellen kann, ohne Bein zu leben. Die Gruppenmitglieder, die einen Fuß oder ein Bein verloren haben, erklären überzeugt, dass das viel einfacher wäre, als der Verlust einer Hand.
Eva, die eine Armprothese trägt und zusätzlich ein Leben lang mit der Krankheit zu tun haben wird, die ihr die Amputation eingebracht hat, demonstriert die Funktionsweise ihrer künstlichen Hand. Nebenbei erwähnt sie die Sorgen, mit denen sie sich im Alltag beschäftigen muss. Der Silikonhandschuh über der Prothese, der der Hand nicht nur ein natürlicheres Aussehen verleiht, sondern auch die Mechanik schützt, ist sehr teuer und wird nur in gewissen Abständen von der Krankenkasse bezahlt. Wer „sich“ aber bei der Hausarbeit schneidet, was sehr schnell passiert, muss für die Kosten eventuell selbst aufkommen. So vermeidet Eva solche Tätigkeiten. Wie sie das macht, mit der Hand und dem Greifen, frage ich. „Mit meinen Gedanken – ich steuere die Prothese mit meinen Gedanken“, antwortet sie, meint damit die Kooperation von Gehirn und Nerven mit der Technik, und in ihren Augen leuchtet Stolz.

*) Informationen zu dieser Geschichte stammen zum Teil aus der Doktorarbeit von Carolin Ruther mit dem Titel „Alltag mit Prothese“. Die Selbsthilfegruppe hatte sich dafür als Forschungsprojekt zur Verfügung gestellt.

Die zehn Aktiven der Gruppe treffen sich an jedem zweiten Dienstag im Monat um 17 Uhr im Haus Tobias in der Stenglinstraße 7 in 86156 Augsburg. Telefon Frau Härtinger-Müller 0821 4865066
Sie würden gerne neue Gesichter in ihren Reihen begrüßen.
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