Augsburger Synagoge feiert 100. Geburtstag: Gegen alle Widerstände

Augsburg - Die Augsburger Synagoge ist 100 Jahre alt. Gestern Abend feierte die israelitische Gemeinde ihr Gotteshaus mit einem Festakt. Frank-Walter Steinmeier war da und auch Horst Seehofer. Die Show stahl ihnen aber das Gebäude. Dass es die NS-Zeit überstanden hat, grenzt an ein Wunder. Ebenso, dass es überhaupt gebaut wurde. Ein Blick in die Festschrift - von 1917.

Die Öffentlichkeit der Straße liegt hinter uns, wenn die schwere Gittertüre ins Schloss fällt. Zwar eilt der Blick voraus in den mit Sonnenlicht erfüllten Brunnenhof. Doch noch zögert der Fuß, denn das Auge findet noch mancherlei an den beschatteten Wänden. Schreiten wir schließlich durch den Innenhof und durch die Vorhalle, umfängt uns drinnen gedämpftes Licht. Wir sind gebannt von der ernstfeierlichen Stimmung. Über uns wölben sich in tiefem Grün, durchzogen vom feinen Netzwerk des Goldmosaiks, die vier Tonnenbogen. Darüber die dämmerigen Höhen der Kuppel.

So schildert Richard Grünfeld seinen Weg in die Augsburger Synagoge. Zumindest ist es ein Auszug aus seinen mehrseitigen Ausführungen, in denen er sprachkünstlerisch seinen Eindrücken vom jüdischen Gebetshaus gerecht zu werden versucht.

Grünfeld war der Augsburger Rabbiner, als die Synagoge am 4. April 1917 eingeweiht wurde. Seine Schilderung hat er damals für seine Festschrift angefertigt. Sie ließe sich problemlos auf heute übertragen. Denn die anmutende wie atemberaubende Architektur hat die Zeit überdauert und versetzt Besucher noch heute in Staunen.

Dass die Synagoge überhaupt gebaut wurde, ist aufgrund der jüdischen Geschichte in Augsburg erstaunlich. Auch die hat Grünfeld in seiner Festschrift festgehalten. "Die Anfänge der jüdischen Gemeinde Augsburgs sind in tiefes Dunkel gehüllt", schreibt er. Nur die Sage wisse zu berichten, so der Rabbiner, dass Juden bereits vor der Geburt Christi in Augsburg gewohnt haben. Das erste amtliche Zeugnis datiert auf das Jahr 1212 und erwähnt einen Joseph von Augsburg.

Rund um die heutige Karlsstraße, damals Judengasse, entstand im 13. Jahrhundert ein jüdisches Viertel. Eine wechselhafte Geschichte. Die Juden entrichteten eine Schutzsteuer an die Stadt, die sie 1298 vor den blutigen Judenverfolgungen durch Edelmann Rindfleisch schützte. Die jüdische Gemeinde revanchierte sich und errichtete einen Teil der Stadtmauer. Ihr Ansehen stieg, liehen die Juden der Stadt - das belegen Steuerbücher von damals - bereits ab dem 14. Jahrhundert Geld für Bauprojekte.

Von Gleichberechtigung konnte jedoch keine Rede sein. Und als die Pest in Europa wütete und sich das Gerücht verbreitete, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, wurden am 22. November 1348 rund 200 Juden erschlagen und verbrannt. Doch wieder entstand eine jüdische Gemeinde in der Stadt - und im 15. Jahrhundert geriet sie erneut ins Fadenkreuz: "Für die sozialen Probleme suchte die Masse des Volkes einen Sündenbock", wie Grünfeld es ausdrückt. Repressionen wurden ausgesprochen, Juden enteignet.

Schließlich mussten sie sich auf ihrer Kleidung als Jude kennzeichnen, bald darauf wurden sie aus Augsburg vertrieben. Beides hatte der Rat der Stadt beschlossen.

Daraufhin siedelten sich die Juden im Umland an, in Steppach etwa oder im damals noch eigenständigen Kriegshaber. In Augsburg dauerte es bis Anfang des 19. Jahrhunderts - gegen den Widerstand einflussreicher Kaufleute - wieder Juden in der Stadt leben durften. 1858 eröffneten sie an der Wintergasse in der Altstadt den Vorgänger der heutigen Synagoge - der schon Jahre später zu klein war und Anfang des 20. Jahrhunderts nur mehr drei Fünfteln der Gemeinde Platz bot. Weil das Gotteshaus derart überfüllt war, dass die Gemeinde die polizeiliche Genehmigung gefährdet sah, wurde ein jahrzehntelang diskutiertes Vorhaben schließlich umgesetzt.

1903 hatte die Gemeinde einen Baugrund aus dem Degmaier'schen Gartengute an der Halderstraße erworben. Erst am 11. Oktober beschloss sie, "mit den erforderlichen Arbeiten sofort zu beginnen". Die Architekten Landauer und Lämpel gewannen den Wettbewerb, am 30. April 1914 wurde der Grundstein gelegt. Dann aber brach der Krieg aus. Die Gemeinde ließ sich jedoch nicht aufhalten und stellte den Bau fertig.

Der sollte gar die NS-Zeit überleben. Und auch das grenzt an ein Wunder. In der Reichsprogromnacht brannte die Synagoge: Die Nazis hatten sie entweiht, geschändet und in Brand gesteckt. Das Feuer wurde aber gelöscht, wohl aus Furcht, die ganze Häuserzeile könnte Schaden nehmen, sollte die gegenüberliegende Tankstelle explodieren. Später überstand die Synagoge das NS-Regime wohl nur deshalb heil, weil den Nazis in dem Prachtbau ein Museum für "entartete Kunst" vorschwebte.

Seit ihrer Wiedereinweihung 1985 ist der Bau mit seiner 29 Meter hohen Kuppel nicht nur Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde, sondern schafft es auch, selbst noch so illustre Gäste in den Schatten zu stellen. Richard Grünwald würde das nicht wundern, aber gewiss freuen. (Von David Libossek)
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