Bedeutende Sammlung des nie verwirklichten Deutschen Strumpfmuseums findet Heimat in Augsburg

Die Staatssekretäre Bernd Sibler und Johannes Hintersberger mit Strümpfen aus dem Jahre 1915. Die kleinkarierte Fußbekleidung in den Händen der Politiker ist Teil der bislang umfangreichste Neuerwerbung des Augsburger Textilmuseums. Foto: Jürgen Branz
 
Urkunde zur Weltausstellung 1937 in Paris für die Strümpfe der Augsburger Firma Elbeo. © tim-Sammlung Schödel (Foto: Jürgen Branz)

Bayerns Kunststaatssekretär Bernd Sibler und Sozialstaatssekretär Johannes Hintersberger stecken die Köpfe zusammen. Der Inhalt dieser fast schon intensiven Begegnung ist aber keine neue Wahlkampfstrategie. An diesem Tag geht es um nicht weniger als um Socken. Die modische Fußbekleidung in den Händen der beiden Politiker ist Teil einer bedeutenden Strumpf-Sammlung, die nun im Staatlichen Textil- und Industriemuseum in Augsburg eine neue Heimat gefunden hat.

Zwei Jahrzehnte lang suchte ein Textilexperte einen Standort für seine riesige Strumpf-Sammlung. Nach dessen Tod sind die Erben nun in Augsburg fündig geworden.
Die Sammlung trug der Reutlinger Ethnologe und Kurator Michael Schödel zu Lebzeiten mit viel Leidenschaft zusammen. Im Jahr 2015 starb der Mann, dessen Nachlass nun im Textilmuseum zu sehen sein wird. Der Augsburger Museumsdirektor Karl Borromäus Murr zeigte sich begeistert von der neuen Sammlung: "Wir haben einen wahren Schatz für unser Museum erhalten." Bei den Objekten handele es sich um "wichtige textil-, industrie-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Zeugnisse, die einen einzigartigen Blick auf die für Bayern einst so bedeutende Textilindustrie ermöglichen".

"Sammlung Schödel": Bislang umfangreichste Neuerwerbung

Für Kunststaatssekretär Sibler, der das Museum für die Übergabe besuchte, zeichnen die hinzugewonnenen Stücke "ein beeindruckendes Bild von den Erzeugnissen und der Arbeit der Textilindustrie".

Ein Großteil der "Sammlung Schödel" besteht aus der Teilsammlung des Projekts "Deutsches Strumpfmuseum". Diese beinhaltet unter anderem das komplette noch erhaltene Musterarchiv der Firma Elbeo von 1890 bis 1989 mit Strümpfen und Musterbüchern. Darin enthalten: die naturseidenen Strümpfe der Weltausstellung 1937 in Paris, mit denen Elbeo damals den Grand Prix gewann.

Ebenso sind die ersten Produktionsversuche von Strümpfen aus Perlon enthalten, die die Firma in den Jahren 1938 bis 1940 durchführte. Firmenunterlagen, Statistiken und Fotos zeigen zudem die Geschichte des Unternehmens, nicht zuletzt aus dem Blickwinkel von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Textilfirma, ursprünglich im sächsischen Oberlungwitz beheimatet, wagte samt einer großen Anzahl ehemals dort beschäftigter Mitarbeiter den wirtschaftlichen Neustart in Augsburg. Die dazugehörigen Archivalien dokumentieren eindrucksvoll Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, aber auch die gelungene Integration von Vertriebenen in den bayerischen Arbeitsmarkt.

Unterwäsche aus vergangenen Zeiten

Der Neuzugang im Museum beinhaltet zudem eine textile Sammlung zur europäischen Strumpfgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Objekte gestatten tiefe Einblicke auch in weitere Unternehmen, wie etwa Kunert, Hudson, Ergee, Bellinda, ARWA, Bi oder Silkona. Sie erzählen aber auch einen wichtigen Teil Konsum- und Reklamegeschichte. So zeugen die original Modegrafiken und Entwürfe des international stilbildenden US-Werbegrafikers Antonio Lopez für Strumpfverpackungen der Firma Hudson aus dem Jahr 1968 von einer künstlerischen Ästhetik. Zeitzeugen sind auch die durchgängigen Katalogsammlungen bedeutender Versandhäuser wie Otto, Neckermann, Baur, Witt Weiden, Schöpflin, Wenz oder Quelle.

Hinzu kommt eine Fülle von Kinderkleidern aus dem 18. Jahrhundert bis ins Jahr 2010 - inklusive Accessoires wie Schuhe, Strümpfe und Kopfbedeckungen. Ein weiterer Schwerpunkt der Sammlung: das, was Mann und Frau im 20. Jahrhundert "drunter" trugen. Rund 1500 Objekte erzählen die Unterwäsche-Vorlieben und Modeideale von Damen, Herren und Kindern. Außerdem beinhaltet das Konvolut die Unterwäsche der verschiedenen Armeen aus den beiden Weltkriegen. (jaf/pm)
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