Bobinger Geschichten: Das ehemalige Gwerlich-Schlösslein von Reinhartshausen

Der Platz, an dem einst das kleine Gwerlich-Schlösschen von Reinhartshausen stand. Foto: Gustav Guisez
 
Die Gwerlich trieben Handel mit Venedig. Repro: Gustav Guisez

Reinhartshausen, als Ausbau des verschwundenen Ortes Spöttingen hervorgegangen, hatte viele Herren. Von dem legendären Hermann dem Spät von Faimingen, dem Herrn von Laber, Gottfried von Wellenburg, Ulrich Ilsung und Heinrich von Bach und seine Gattin Katharina, eine geborene Langenmantel.

Von Gustav Guisez
Letztere veräußerte anno 1371 den Ort um 500 Gulden an Peter Egen und Konrad Gwerlich. Egen schien dann bald darauf seinen Besitzanteil an die Familie Gwerlich abgegeben zu haben. Anno 1455 ermöglichte eine Stiftung von den Gwerlich die Anstellung eines eigenen Pfarrers, nachdem der Pfarrsitz von Spöttingen in die Filiale Reinhartshausen verlegt wurde. Auch beim Bau des Gotteshauses, das dem Heiligen Laurentius geweiht, waren die Augsburger Patrizier Gwerlich maßgebend beteiligt. So zog dann am 30. Oktober 1466 Wilhelm Aichmüller als Pfarrherr in den Pfarrhof ein, wo er bis zu seinem Tode 1498 die kleine Gemeinde betreuen sollte. Zweifellos stellten diese Gwerlichs die interessantesten Gestalten unter den vielen Vorbesitzern der Ortschaft dar. Sie besaßen in Augsburg ein Geschäft, trieben Handel mit Venedig und müssen sehr wohlhabend gewesen sein, waren sie doch die ersten, die vor ihrem Haus, in der heutigen Philippine-Welser-Straße auf eigene Kosten ein Straßenpflaster aus Wertach- und Lechkieseln legen ließen. Aber die besondere Beziehung, die diese Familie zu Reinhartshausen haben sollte, begann an dem Sommertag des Jahres 1467, als Konrad Gwerlich wieder einmal nach dem abgelegenen stillen Walddörflein ritt, das in einer Landschaft voll Harmonie und Frieden lag. Seine Gattin Maria, klein von Gestalt und von allerlei Krankheiten heimgesucht, welche als „Beängstigungen des Gemüts“ vom Stadtmedicus identifiziert wurden, litt unter der Hitze, die in den Gassen der Freien Reichsstadt lag. Wie er nun von der wunderbaren Kühle des Waldes kommend zur Kirche ritt, fasste er den Entschluss, hier und an dieser erhöhten Stelle ein Schlösschen zu erbauen, einen Sommersitz, in dem seine gemütskranke Gattin an der guten Waldesluft an diesem Platz genesen sollte. Noch im Herbst desselben Jahres ließ er hart südlich an seiner Kirche das Renaissance-Sommerschloss in zweigädiger Ausführung mit Stallung, Stadel, Garten und Brunnen errichten. Der Bau mit den schlichten Linien, nach Art wie manche Augsburger Patrizier ihre Herrensitze erstellten, war weder groß noch prächtig. Das einzig auffallende war die Terrasse mit den vielen Blumen und Sträuchern und der Figurengruppe von Venus und Amor aus Stein gemeißelt, das Kunstwerk eines Steinmetzes. Und doch haftete dem Haus eine ganz eigene und starke Stimmung an, die niemand unberührt ließ. Vielleicht war es die Dorfeinsamkeit, die Abseitigkeit. Wenn Maria Gwerlich auf der Terrasse mit der efeuumwucherten Steinbrüstung stand, sah sie die ganze wunderschöne Landschaft vor sich liegen. Ihre Augen folgten den Linien, die sich deutlich gegen den Horizont abzeichneten.
Sie vernahm auch das Zirpen der Grillen, das mit seinem Getön wie ein musikalischer Schleier über den Wiesen lag und fühlte etwas von der elementaren Einfachheit, die in dem Leben der Menschen in den Söldnerhäusern herrschte. Oft trug sie einer armen Wöchnerin Milch und weißes Brot in die Hütte. So wurde die Augsburger Patriziergattin in Reinhartshausen wie eine Heilige verehrt. Als ihr Mann dann mehrere Weinstöcke, die ihm ein Geschäftsfreund aus Verona schenkte, von einer Reise mitbrachte und an einem Sonnenhang einen Weinberg anlegte – der 1588 erwähnt – spazierte sie oft dahin. Die erste Weinlese erlebte sie leider nicht mehr. Der Wein aber soll, wie böse Zungen behaupteten, so sauer gewesen sein, dass zwei Männer den dritten halten mussten, wenn er das Gesöff trank.
Conrad Gwerlich und sein Bruder Ulrich verkauften ihren Besitz 1479 an Leonhard Lauinger für 2400 Gulden. Von Christoph Rehlinger, dem nächsten Eigentümer ging das Dorf an Hans Pimmel, dann an Anton Manlich und über Julius Welser an die Fugger über. 1730 wurde das seit längerer Zeit leerstehende Schlösschen, das zeitweise von Vagabunden und landfahrendem Volk bewohnt wurde, abgebrochen und die Steine zum Bau der neuen Dorfkirche verwendet. So zeugt heute nur noch eine Wiese von der vergangenen Romantik dieses alten Herrensitzes.
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