Der Traum vom Fliegen: Ein Tag am Flughafen Augsburg

Viele Flugsportler versammelten sich an dem warmen Wochenende auf dem Flugplatz.
 
Florian Aurich führte mich über den Flughafen - und nahm mich schließlich auch auf einen Segelflug mit.
 
Und Start: Mit diesem Seil werden die Segelflieger in die Höhe gezogen.
 
Aus 1500 Metern Höhe sieht Augsburg deutlich kleiner aus.

Viel los ist an diesem heißen Samstag im Juni am Flughafen Augsburg. Allerdings nicht, weil gestresste Urlauber mit ihren etwas zu voll gepackten Koffern durch ein Labyrinth von Sicherheitskontrollen und Duty-Free-Shops eilen und verzweifelt das richtige Gate für den Abflug suchen - denn der Flughafen Augsburg ist kein Verkehrsflughafen. Nein, am Segelflugzentrum des Augsburger Flughafens geht es sehr viel ruhiger zu. Vier Vereine treffen sich hier an den Wochenenden und kreisen zusammen, wenn es die Thermik zulässt, hunderte oder auch mal tausende Meter über Friedberg und Augsburg. Auch ich werde bald auf einen solchen Flug mitgenommen.

Circa 200 Luftsportler sind im ganzen Zentrum aktiv, um die 60 von ihnen im Augsburger Verein für Segelflug. Die restlichen Flieger gehören entweder der Flugsportgruppe der MBB Sportgemeinschaft Augsburg, der Segelfluggruppe Haunstetten oder dem Luftsportverein Gersthofen an. Der Vorsitzende des Augsburger Vereins für Segelflug, Florian Aurich, führt mich über die Start- und Landebahn, eine große, mit Gras bewachsene Fläche, umgeben von Feldern, Wäldern und, der Idylle zum trotz, einigen grauen Gebäuden des Augsburger Flughafens. "Der Segelflug ist ein Teamsport", erklärt er, "ohne eine Mannschaft geht es einfach nicht". Deshalb versammeln sich die Mitglieder der Segelflugvereine hier häufig am Wochenende. Denn von selbst starten können die Segelflugzeuge nicht. Sie müssen entweder von einer Seilwinde oder einem Motorflugzeug in die Luft gezogen werden. 

Und auch die Winde muss von jemandem gesteuert werden. In einem alten Auto machen wir uns auf den Weg ans andere Ende der Startbahn, wo das gelbe Windenfahrzeug steht. Der heutige Betreiber der Winde steigt zu uns ins Auto und fährt erst einmal für eine kurze Mittagspause zurück. Währenddessen sammeln sich die Segelflieger auf der Startbahn - vorerst können sie nicht mehr starten. Bei einem Windenstart wird der Segelflieger für gewöhnlich bis zu 400 Meter in die Luft gehoben - das reicht für circa acht Flugminuten um den Platz. Wenn allerdings die Thermik, also der Aufwind, der durch die starke Erwärmung des Bodens und der darüber liegenden Luftschichten entsteht, gut ist, dann kann der Flieger diese Höhe noch deutlich steigern. "Das Maximum sind so circa 3000 Meter", rechnet Aurich nach, "Wir müssen per Gesetz immer einen gewissen Abstand zu den Wolken einhalten".

Den Segelflugschein kann man mit 16 Jahren machen

Daran, wie er selbst zum Segelfliegen gekommen ist, kann sich der 24-Jährige, der inzwischen Luftfahrttechnik studiert,  auch heute noch gut erinnern. "Die meisten Leute fangen den Sport mit 14 Jahren an", erklärt er. "Das war bei mir auch so." Jeden Sommer findet im Rahmen des Ferienprogramms ein Tag am Flughafen statt, mit einem Flug als besonderes Highlight. An einem solchen Tag hat auch Florian Aurich zum ersten Mal das Segelfliegen kennengelernt. "Als ich aus dem Flugzeug gestiegen bin war mir einfach nur schlecht, und ich habe mir gesagt: Ich mach das nie wieder", erinnert er sich und lacht. "Wenig später stand ich dann doch wieder auf dem Flughafen, um selbst Flugstunden zu nehmen". Den Segelflug-Schein kann man bereits mit 16 Jahren ablegen, und darf dann alleine ein Flugzeug steuern. Auch später könnte man es aber noch problemlos lernen. "Unserer ältester Flugschüler hat mit 60 Jahren angefangen, doch es fangen auch immer wieder Leute mit 30, 40 oder 50 Jahren an", erzählt Aurich.

Schulungen von angehenden Segelfliegern sind eines der Hauptbetätigungsfelder der Vereine am Segelflugzentrum. Den Unterricht geben die Fluglehrer ehrenamtlich. "Der Segelsport ist also im Grunde nicht teurer als die Mitgliedschaft in einem anderen Sportverein", erklärt Florian Aurich. Ein eigenes Flugzeug muss sich niemand kaufen: "Das wäre auch wirtschaftlicher Blödsinn", meint der 24-Jährige - und zeigt später im Vorbeigehen doch auf einen abgestellten Anhänger, der einen Segelflieger enthält, den er sich vor einigen Jahren "in jugendlichem Leichtsinn" gekauft hat.

Wer das Segelfliegen lernen will, der fliegt erst einmal rund ein Jahr lang in einem Doppelsitzer gemeinsam mit dem Lehrer. Wenn die Flugschüler gelernt haben, Kurven und geradeaus zu fliegen und Schieflagen zu vermeiden, müssen sie schließlich auch lernen, den Flieger wieder zu landen, sollte bei einem Start das Windenseil reisen. Denn das kommt recht häufig vor. Nach circa 50 bis 80 Starts darf der Schüler dann den ersten Alleinstart wagen. An den kann auch Florian Aurich sich noch gut erinnern. "An diesem Tag saß der Lehrer eigentlich schon hinter mir, und ist dann plötzlich wieder ausgestiegen, meinte: 'Ja, und jetzt machst du das mal alleine.'" Da sei man am Anfang natürlich sehr nervös. "Aber wenn man dann in der Luft ist und merkt, dass man immer noch lebt, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl", sagt Aurich.

Eine Außenlandung ist keine Notlandung

Gefährlich sei das Segelfliegen aber eigentlich nicht, versichert er. Jeder Segelflieger trägt einen Fallschirm. In seinen zehn Jahren am Flugplatz habe Florian Aurich aber noch keinen Fallschirmausstieg gesehen. "Das passiert deutschlandweit vielleicht ein bis zwei Mal im Jahr", erklärt er. Am Abend könnte es durchaus einmal vorkommen, dass die Thermik früher als gedacht nachlässt. Dann müsste man eben auch einmal außenlanden, zum Beispiel auf einem Feld. Das sei von der Haftpflichtversicherung abgedeckt, und grundsätzlich hat ein Segelflieger auch immer Außenlandeerlaubnis. "Das ist also keine Notlandung", stellt Aurich fest. "Bei einer Notlandung ist das Flugzeug in der Regel defekt. Eine Außenlandung ist eine normale Landung, nur eben nicht auf dem Flughafen."

Nach diesem Gespräch stieg ich doch recht beruhigt in das Segelflugzeug ein, in dem Florian Aurich mich mitnehmen würde. Zuerst durfte ich mir den Fallschirm auf den Rücken schnallen. "Falls nötig musst du dich dann irgendwie über die Flugzeugwand rollen, und erst dann den Fallschirm öffnen", erklärt mir ein weiterer Flieger, während er die Gurte festzurrt. Das ist nun doch nicht ganz so beruhigend, aber das passiert ja nur zwei Mal im Jahr, erzähle ich mir selbst. Fürs Fallschirmspringen hätte ich mich nämlich nicht freiwillig gemeldet. Nachdem ich mich also samt Fallschirm auf dem Rücken auf dem hinteren Sitz angeschnallt habe, wird das Glasdach des Fliegers geschlossen und wir werden an die Winde angehängt. Und dann geht es los. Das Seil spannt sich, zwei weitere Vereinsmitglieder schieben den Flieger noch an den Flügeln an, und schon werden wir über die Startbahn gezogen und heben uns in die Luft.

400 Meter in der Höhe sind wir, als das Seil sich löst, erklärt Florian Aurich, und macht sich auf die Suche nach der Thermik. Als die Geräte im Flugzeug begeistert anfangen zu piepsen, beginnen wir zu kreisen - und heben uns langsam aber sicher immer weiter in die Höhe. Währenddessen beobachte ich aus dem Fenster, wie die Autos, die auf der Straße vorbei fahren, immer kleiner werden. Als wir die Thermik wieder verlassen befinden wir uns in circa 1500 Meter Höhe und beginnen endlich den Rundflug über Friedberg und Augsburg. Von so weit oben ist es gar nicht einfach, noch die Orte zu erkennen, an denen man tagtäglich seine Zeit verbringt.

Der Traum vom Fliegen

Ich verliere schnell die Orientierung - Florian Aurich kennt sich da besser aus, und überfliegt verschiedene Augsburger Stadtteile. Mein eigenes Haus kann ich nicht finden - die Hausdächer sind inzwischen auch einfach viel zu winzig - zumindest das richtige Viertel kann ich aber aus der Luft beobachten. Ich kann hier oben auf jeden Fall nachvollziehen, warum es Leute gibt, die ihre Wochenenden auf dem Flughafen verbringen. Denn es ist schon unglaublich, dass wir uns wirklich in der Luft befinden - und nicht nur auf einer festgelegten Flugroute, die ein Pilot vorne im Cockpit für ins festlegt. Hier kann man sich bewegen, wohin auch immer man will. Und welcher Mensch träumt nicht manchmal vom Fliegen? Vielleicht wäre es ein bisschen so, wie in solch einem Traum, denke ich mir, wenn ich dieses Flugzeug wirklich selbst steuern könnte.

Florian Aurich ist offensichtlich begeistert von der Thermik an diesem Tag. Schon lange sei sie nicht mehr so gut gewesen, meint er. Immer wieder fragt er, ob bei mir noch alles in Ordnung ist, und ich versichere ihm, dass es mir im Rücksitz immer noch gut geht. Nach einer Weile scheint er mir zu glauben, dass ich keine Flugangst habe - und wird wohl etwas übermütig, wie er es nach der Landung ausdrückt. Als wir erneut auf eine Thermik stoßen, beginnen wir wieder zu kreisen, der Teil des Fliegens, bei dem den meisten Leuten schlecht wird, wie er mir zu Beginn der Fluges erklärt hat. Den Anweisungen zufolge schaue ich möglichst nach Vorne in die Ferne.

Eigentlich wollte ich hier oben viele Fotos machen, doch ich traue mich nicht so recht. Denn langsam glaube ich zu verstehen, warum den Leuten bei dem Gekreise schlecht wird, und konzentriere mich lieber brav weiter auf den Boden in der Ferne. Doch wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich langsam nicht mehr so gut. Mit einem etwas schlechten Gewissen, weil ich meinem Gastgeber damit den Flug an diesem wohl perfekten Flugtag verkürze, gebe ich nach Vorne durch, dass es mir doch nicht mehr so gut geht - und wir setzen sofort zum (nun quälend langsam erscheinenden) Landeanflug an.

Als wir wieder auf dem Boden aufsetzen bin ich dann doch erleichtert, werde erst einmal zu einer Bank im Schatten gebracht und bekomme eine Flasche kaltes Wasser. Nach zehn Minuten geht es mir dann wieder besser, und ich darf auch noch einmal in einem Motorflugzeug mitfliegen. Das ist wesentlich ruhiger als der Segelflug - zumindest was die Flugbahn angeht. Leise ist die Maschine nicht, um sich zu unterhalten, braucht man ein Headset. So kann ich Augsburg noch einmal in Ruhe aus der Luft betrachten, bevor ich mich dann nach knapp vier Stunden auf dem Flugplatz wieder auf den Weg nach Hause mache. Es ist faszinierend, denke ich mir auf der Heimfahrt, dass es Leute gibt, die einfach in eine dieser Maschinen steigen und fliegen können. Der Traum vom Fliegen ist, zumindest für sie, bereits Realität.
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