Die NSU-Monologe: "Aufklärung wird einem nicht gegeben, die muss man sich erkämpfen"

Schauspieler*innen und Cellistin
 
Schauspieler*innen und Cellistin
Augsburg: Mephisto |

Augsburg, 20.04.2018. Die NSU-Monologe der Bühne für Menschenrechte stellt dokumentarisch die Geschichten von drei Familien auf die Bühne. Es handelt sich dabei um Angehörige der Opfer, die vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund zwischen 2000-2007 ermordet wurden. Sie erzählen von ihrem Kampf um die Aufklärung der Mordserie.

Das Theater verwendet verdichtete, wortgetreue Interviews, die mit den Angehörigen geführt wurden. Es sind die Interviews mit Adile Simsek, Frau des ermordeten Enver Simsek aus Schlüchtern bei Nürnberg, mit Elif Kubasik, Frau des erschossenen Mehmet Kubasik aus Dortmund und mit Ismail Yozgat, Vater von Halit, der als neunte Opfer 2006 in Kassel erschossen wurde. Eingeladen zu diesem Abend hatte das Freiraumreferat der Studierendenvertretung der Universität Augsburg und das Kinodreieck.

Die Bühne für Menschenrechte ist ein Netzwerk aus zweihundert Schauspieler*innen und Musiker*innen, die das Stück unkompliziert und flexibel allerorts aufführen. Es geht ihnen nicht nur um die Schaffung von Öffentlichkeit, sondern auch um die individuelle, regionale Auseinandersetzung mit der Frage nach Rassismus und dem erstarkenden Rechtsextremismus. Die Austauschbarkeit der Schauspieler*innen hat darüber hinaus einen ästhetischen Wert. Die Rollen werden nicht verkörpert, durch die epische Brechung wird hingegen klar: Es betrifft uns alle.
Gleichzeitig werden hier intime Einblicke in das Familienleben gegeben. Es werden Alltagsgeschichten erzählt wie über die hoffnungsvollen Ausbrüche aus der türkischen Provinz und die Kunst des Blumenhandels. Es werden Geschichten erzählt, die von dem Kampf sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen zeugen.

"Der Kampf geht weiter"

Bis 2011 die Zwickauer Zelle aufflog, wurden 9 Opfer mit derselben Waffe ermordet. Die Hinterbliebenen berichten von der Kriminalisierung und Verfolgung durch deutsche Behörden. Sie berichten von den Diffamierungen der Presse und Medien, die von "Mafia-" und "Dönermorden" sprachen. Sie erzählen, wie sie als Täter behandelt wurden und an Depressionen erkrankten, von Verleumdungen der Polizei gegenüber Nachbar*innen, Hausdurchsuchungen mit Hunden, Telefonabhörungen, täglichen Verhöre, von sozialer Isolation. Sie erzählen von ihrem Beharren nach Gerechtigkeit, der Teilnahme eines Trauermarsches und der Umbenennung einer Straße.
Während sich zwei Täter der Aufklärung durch Selbstmord entzogen, kämpften die Familien unaufhörlich um die Wahrheit.

Institutioneller Rassismus

Die Podiumsdiskussion widmete sich der Frage nach institutionellem Rassismus in Deutschland. Dazu waren Tahir Della aus Berlin, Nadine Saeed ebenfalls aus Berlin und Daniel Schmidt aus Nürnberg eingeladen.
Daniel Schmidt ist in der Bundesweiten Initiative „NSU-Komplex auflösen“, in der Nürnberger Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ sowie bei dem Aktionsbündnis „Kein Schlussstrich“ aktiv und war als Experte für den „NSU“ eingeladen. Er betonte, dass die Anklageschrift erarbeitet durch das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ deshalb wichtig sei, da das Staatsversagen sich nicht nur während den rassistischen Ermittlungen zeigen würde, sondern auch von dem „NSU“-Prozess an sich keine ausreichende Aufklärung zu erwarten sei. Gerade deswegen muss die Aufklärungsarbeit auch über das baldige Prozessende hinaus weiter gefordert und selbst geleistet werden. „Aufklärung wird einem nicht gegeben, die muss man sich erkämpfen,“ so Daniel Schmidt.
Nadine Saeed, Aktivistin der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“, arbeitete in der Diskussion etliche Parallelen zwischen dem „NSU“ und dem vor 13 Jahren in Dessau in einer Polizeizelle verbrannten Oury Jalloh heraus. Von der diskriminierenden Darstellung in den Medien über Repressionen von Seiten des Staates gegenüber der Initiative, der Umkehr von Opfer und Täter, der behördlichen Verhinderung vollständiger Aufklärung bis hin zu historischer rassistischer Kontinuität. Da der Staat nicht ermittele, so Frau Saeed, habe die Initiative eine unabhängige Kommission aufgestellt um im Fall Jalloh, der bei weitem kein Einzelfall ist, rassistische Strukturen aufzudecken.
Tahir Della, Teil des Vorstandes und Pressesprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland machte den Punkt stark, dass der Staatsapparat und staatliche Institutionen an sich genauso wie der Arbeits- und Wohnungsmarkt von rassistischen Strukturen durchzogen seien. Gerade diese Strukturen, so der Experte für institutionellen Rassismus, sind so wirkmächig und eine Debatte um institutionellen Rassismus wird bisher gar nicht oder unzureichend geführt. Hinsichtlich dieser Probleme mache die Politik nur Lippenbekenntnisse, jedoch würden dem keine wirklichen Taten hin zu einer Diskriminierungsfreien Gesellschaft folgen.

Der Abend endete mit dem Appell an die Zivilgesellschaft, dass jeder Mensch selbst tätig werden müsse, um sich für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft einzusetzen.
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