Die tapferen Schneiderlein: Theaterfundus zieht um

In der Lehrwerkstatt werden oft diffizile Dinge wie etwa die "Leckereien" aus der Nussknacker-Inszenierung angefertigt. Fotos: Monika Grunert Glas
 
1300 Meter Garderobenstangen benötigt der Fundus.

Augsburg - Es gibt dieses Märchen vom tapferen Schneiderlein, das sich rühmt "Sieben auf einen Streich" erledigt zu haben. Vielleicht fühlte sich Katharina Diebel daran erinnert. Die Kostümdirektorin managte den Umzug der Schneiderei und des Fundus des Augsburger Staatstheaters - und zwar in Rekordzeit. Außerdem war es schon der zweite binnen der acht Spielzeiten, die sie dort arbeitet.

Erst im Sommer 2016 mussten Katharina Diebel und rund 40 Mitarbeiter der Abteilung den Umzug vom Großen Haus ins ehemalige Stadtarchiv stemmen. Und nun galt es schon wieder, alles durchzunummerieren, zu beschriften, zu verpacken und abzutransportieren. Denn die Stadt Augsburg hat das alte Stadtarchiv an der Fuggerstraße für 2,7 Millionen Euro Ende 2017 an Medienunternehmer Ulrich Kubak verkauft. Klassik Radio soll dort einziehen.

Wohin also mit der Kostümabteilung des Theaters? Nachdem zahlreiche brachliegende Industriehallen besichtigt worden waren, wurde die Stadt auf dem Gelände der Deuter Invest GmbH an der Feldstraße fündig. Freilich musste dort erst renoviert und umgebaut werden, um den Bedürfnissen der Theaterleute gerecht zu werden. Aus anfänglich geplanten 850 000 Euro Umzugskosten wurden 1,2 Millionen Euro, berichtete Kulturreferent Thomas Weitzel gestern bei einer Führung durch die neuen Werkstätten. Geschuldet ist der Mehraufwand vor allem den Brandschutzbestimmungen. Die dafür notwendige Begehung mit der Feuerwehr dauerte acht Stunden. Schließlich gilt Kleidung als besonders feuergefährdet.

Auf 1,3 Kilometern Länge hängt der Fundus nun im Keller der Deuter-Halle, unter der Sprinkleranlage fein säuberlich sortiert nach Damen und Herren, Größen und Kategorien, vom Anzug bis zur Zipfelmütze. Allein für eine Aufführung auf der Freilichtbühne benötigt man vier bis fünf Lkw, gefüllt mit Stangen, auf denen 400 bis 500 Kostüme hängen. Das über viele Jahre, gar Jahrzehnte gewachsene Team findet sich ohne Digitalisierung zurecht. "Ich wünsche mir auch keine Datenbank. So ist es viel schöner", sagt die Direktorin.

Viele Tausend Kleidungsstücke und Accessoires lagern im Fundus. Überdies sind die verschiedenen Theater bestens vernetzt. "Wir haben zum Beispiel einen schönen Braunbären. Den leihen wir her, wenn ihn ein anderes Theater braucht. Andererseits hatten wir bestimmt schon vier mal den Astronauten aus Leipzig hier." Die Theater helfen einander grundsätzlich kostenlos aus.

Ein Vorteil dieses Standorts im Deuter-Park ist die Lage gegenüber der Interimsspielstätte am Gaswerk. Außerdem bot die Halle genug Platz für eine Probebühne. Dank dieser sei man den Schauspielern nun wieder nah, freut sich Diebel.

Lediglich neun Monate dauerte es vom Stadtratsbeschluss bis zum Einzug. Diplomingenieur Sevket Dalyanoglu vom Projektbüro 678 kümmerte sich um zahlreiche Wünsche der Kostümabteilung. Wände wurden eingesetzt, Böden verlegt.

Endlich könne man nun beispielsweise gut in der Färberei arbeiten, da moderne Standards umgesetzt wurden. "Jetzt haben wir Königsklasse, davor hatten wir nix", fasst Katharina Diebel zusammen.

Die Werkstätten liegen an den Außenwänden und haben Tageslicht, die Flure werden für kurze Wege als Verfügungsräume genutzt, und überdies ist alles barrierefrei: Praktisch, wenn man schwere Garderobenständer zwischen den Räumen herumschieben muss. Bis 2025 sollen die Werkstätten nun in der Deuter-Halle bleiben. Immerhin sechs Jahre, in denen Katharina Diebel nun das tun kann, was eigentlich ihre Aufgabe als Kostümdirektorin ist. Bevor wieder ein Umzug ansteht. Dann zurück an den Kennedy-Platz. (
Von Monika Grunert Glas)
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