Ein sicherer, wenn auch noch kleiner Hafen für Menschen mit Autismus

Besucher schauen sich einzelne Bildwerke der Ausstellung in der Augsburger Stadtbibliothek an.
 
Sie boten einen vielfältigen und lehrreichen Einblick in die Arbeit des Kompetenzzentrums Autismus Schwaben-Nord am Freitagabend in der Augsburger Stadtbibliothek: (v.li.n.re.) Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular Dr. Andreas Magg, Peter Hell als Geschäftsführer des Kompetenzzentrums, Dr. Peter Schmidt, Irene Schick, Enrice Klotzsch, Sonja Jacobs (alle drei gehören dem Kompetenzzentrum an) sowie Holger Apfel.
 
Dr. Peter Schmidt erzählte als Betroffener, wie er seinen Autismus erlebte.
 
Holger Apfel, Fachberater Autismus aus der Einrichtung Regens-Wagner Holzhausen, zeigte in seinem Vortrag Lebenslinien von Menschen mit Autismus auf.

10 Jahre Kompetenzzentrum: Jubiläumsfeier unterstreicht Buntheit dieser Störung – Ausstellung in der Augsburger Stadtbibliothek will Öffentlichkeit informieren


Augsburg, 18.10.2019 (pca). Der Hollywood-Film Rain Man mit Dustin Hoffmann und Tom Cruise hatte 1988 das Thema Autismus erstmals auf die Leinwand gebracht. Schlagartig war Autismus in aller Munde. Doch kaum jemand wusste wirklich, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Das Hilfesystem war entsprechend. Erst vor zehn Jahren wurde dann das Kompetenzzentrum Autismus Schwaben-Nord beim Caritasverband für die Diözese Augsburg e. V. ins Leben gerufen. Am Freitag feierte nun das Team des Kompetenzzentrum Autismus Schwaben-Nord sein zehnjähriges Jubiläum und hatte dafür zahlreiche Gäste in den Vortragssaal der Augsburger Stadtbibliothek eingeladen.

Der Caritasverband und die Förderer des Kompetenzzentrums, der Bezirk Schwaben, die Regens-Wagner-Stiftungen, das Dominikus-Ringeisen-Werk, die Stiftung St. Johannes Schweinspoint, die Katholische Jugendfürsorge sowie das Bayerische Sozialministerium hatten 2009 mit der Gründung des Kompetenzzentrums „absolutes Neuland“ betreten, wie es Irene Schick bei der Jubiläumsfeier sagte. Ziel des neuen Dienstes sei es gewesen, überregional Betroffene zu informieren, aufzuklären und individuell zu beraten und Angebote, sofern vorhanden, für den Klienten zu vernetzen, erläuterte die Beraterin des Kompetenzzentrums.

Schon im ersten Halbjahr zählte das Kompetenzzentrum 57 Klientinnen und Klienten. 2010 waren es bereits 386 Beratungen und in 2018 war die Zahl bereits auf 729 gestiegen. 2009 ging man noch von 11.000 Menschen im Bezirk Schwaben aus, die eine Autismus-Spektrumsstörung haben. 1,25 Beraterstellen wurden damals finanziert. Heute weiß man, dass es etwa 19.000 Menschen sind. Die Finanzierung der Beratungsstellen ist aber dennoch bis heute nicht aufgestockt werden. Dennoch bilde das Team des Kompetenzzentrums „einen sicheren, wenn auch kleinen Hafen für Betroffene“, betonte der Geschäftsführer des Zentrums Peter Hell.

Viel wurde unternommen und geleistet, um Betroffenen zur Seite zu stehen. Zusätzlich zu den Beratungen und Begleitungen wurden Gruppen- und Info-Abende, Gespräche für Angehörige, Ausflüge und Sommerfeste angeboten. Zudem lud das Kompetenzzentrum zu Fachtagen ein, um Fachpersonal, Angehörige und auch die Öffentlichkeit über Autismus und dessen vielfältige Erscheinungsformen bzw. die damit verbundenen Eigenheiten zu informieren.

Zu informieren, das ist nach wie vor eine zentrale Aufgabe des Zentrums. Die Jubiläumsfeier aus Anlass des zehnjährigen Bestehens am Freitag in der Augsburger Stadtbibliothek war deshalb der Buntheit des Lebens mit Autismus gewidmet. Eingeladen waren Fachleute, Vertreter von Diensten und Einrichtungen für Menschen mit Autismus wie auch nicht wenige Menschen mit einer Autismus-Spektrumsstörung.

„Ja, man weiß heute mehr über Autismus, auch dass Autismus auftreten kann, ohne dass ein Mensch geistig behindert ist“, so Sonja Jacobs, ebenfalls Beraterin des Kompetenzzentrums. „Und dennoch müssen wir noch viel mehr darüber reden“, ergänzt ihre Kollegin Schick. Beide verweisen darauf, dass es inzwischen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie fester Bestandteil sei, das Verhalten im sozialen Umfeld mit zu untersuchen, doch „bei Erwachsenen ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen“. Auch gebe es immer noch keine Angebote für erwachsene Menschen mit Autismus-Spektrumsstörung, merkte Jacobs im Gespräch kritisch an.

Viel hat sich dennoch seit 20099 getan, seitdem das Kompetenzzentrum Autismus Schwaben-Nord beim Caritasverband seinen Dienst aufgenommen hatte. Damals ging man von 0,6 Prozent von 10.000 Menschen aus, die Autismus hätten. Heute wisse man, so Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular Dr. Andreas Magg in seiner Begrüßungsansprache, dass ein Prozent davon betroffen ist. Auch wenn das Wissen über Autismus auch dank der Arbeit des Kompetenzzentrums zugenommen habe, so der Diözesan-Caritasdirektor, würde die Gesellschaft Menschen mit einer Autismus-Spektrumsstörung immer noch zu wenig in den Blick nehmen. Er nahm in seinen Worten auch die Medien in die Pflicht. Sie würden immer noch nur ein kleines Spektrum der Autismus-Spektrumsstörung darstellen. Menschen mit einer Autismus-Spektrumsstörung seien aber viel unterschiedlicher und hätten ihre je eigene und vielfältige Individualität, die auch eine individuelle Beratung und Begleitung benötigten. „Wir haben noch nicht alles erreicht. Wir müssen stärker auf ihre Bedürfnisse eingehen“, forderte er.

Dass sich die Bedürfnisse von Menschen mit einer Autismus-Spektrumsstörung von jenen ohne diese Störung unterscheiden, darauf verwies auch Holger Apfel, Fachberater Autismus aus der Einrichtung Regens-Wagner Holzhausen. „Dazu gehöre es z.B. dass sie gerne immer wieder das Gleiche tun, weil dies für sie Sicherheit und Schutz bedeutet.“ Anhand von Bildern und verschriftlichten Eindrücken von Menschen mit Autismus zeigte er deren Lebenslinien auf, die für ihre Umwelt mitunter herausfordernd seien. Apfel lag es am Herzen für die Betroffenen um Verständnis zu werben. „Auch wenn sie von außen auffällig wirken, so solle man sich nicht davon täuschen lassen. Es steckt sehr viel in ihnen.“ Vor diesem Hintergrund gratulierte er dem Kompetenzzentrum zum Jubiläum. „Es ist gut, dass Sie da sind. Sie leisten eine wertvolle Arbeit für Menschen, die Sie brauchen“, sagte Apfel.

Was Autismus für einen Betroffenen bedeuten könne, das erzählte Dr. Peter Schmidt bei der Jubiläumsfeier auf lebendige und mitunter lustige Art und Weise. Dr. Peter Schmidt, 1966 geboren, heute 53 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern sowie Autor mehrerer Bücher, merkte schon früh in seiner Kindheit, dass er anders als die anderen sei und eine andere Wahrnehmung hatte als die anderen. „Aber ich wusste lange nicht warum“, sagte er bei der Jubiläumsfeier. So mancher lachte über seine Anekdoten, doch letztlich zeigten seine Erzählungen z.B. aus seiner Schulzeit, dass niemand – weder die Lehrer noch die Mitschüler – sich ihm gegenüber richtig verhielten, auch weil sie nicht wussten, warum er so war wie er war. Jahre später hatte er den Doktortitel in Geophyhsik erworben und war drei Jahre lang an der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt, „bevor er aus hauspolitischen Gründen entlassen wurde“. Erst 2007 wurde bei ihm das Asperger-Autismus-Syndrom diagnostiziert. „Ein Schock für mich.“ Erst nach vielen Tränen und vielen Tagen habe er sich Freunden geöffnet. „Nein, Autist, bist Du nicht. Du gehörst doch nicht in eine Behinderteneinrichtung. Aber als ich den Film Rain Man sah, dachte ich schon an Dich“, habe ein Freund zu ihm gesagt. Als er sich dann selbst den Film anschaute, habe er so manche Eigenheiten bei sich wieder erkannt. Dann erst sei er zum Arzt gegangen. „Wie sicher ist denn die Diagnose?“, fragte er. „Ihr Asperger-Autismus ist klassisch wie aus dem Lehrplan“, lautete die Antwort. Und dennoch hätte sich mancher verwundert darüber gezeigt, was er alles inzwischen geschafft habe – den Doktortitel, die Familiengründung und so manche Weltreise.

Vor diesem Hintergrund warb er dafür, dass Menschen mit Autismus selbstbewusst gegenüber Menschen ohne Autismus auftreten dürften. Wenn man ihm vorwerfe, er hätte als Autist keine Empathie, so könne man doch den anderen vorwerfen, sie hätten keine Empathie für ihn als Autisten. Er könne ja nichts dafür, dass er Gefühle anderer nicht erkenne, wenn er als Autist Gesichter anderer Personen nicht deuten könne. Er könne eben nicht auf der Beziehungsebene kommunizieren, weil er Gefühle in der Sprachtonalität als nahezu unterschiedsloses „Grau“ wahrnehme. „Ich verstehe nun mal Ironie nicht. Ich kriege sehr viel nicht mit.“

Dr. Schmidt lud dazu ein umzudenken, um Autisten besser verstehen zu können. „Was als einfach gilt, kann kompliziert sein. Was als kompliziert gilt, kann einfach sein“, sagte er. Seine Erfahrung lehre ihn, wenn man an die richtige Stelle gestellt wird, könne man sehr viel Vorteilhaftes für andere leisten und erreichen. Er bedauerte deshalb, dass die Stellenanzeigen oft ein Anforderungsbild zeichnen würden, so dass Autisten „geburtsmäßig als berufsunfähig“ erscheinen. Vor dem Hintergrund seiner auch beruflichen Erfahrungen – er arbeitet schon seit einigen Jahren als IT-Spezialist – wünscht er sich für Menschen mit Autismus, sie anzunehmen wie sie sind. „Man muss nur die Rahmenbedingungen ändern.“ Zugang zu autistischen Menschen erhalte man nun mal nur dann, wenn man ihn dort abholt, wo er steht, und unvoreingenommen in seine Weltsicht eintaucht. Man muss auf die Stärken schauen und diese stärken, man darf nicht auf den Schwächen herumpochen.“

Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums luden Jacobs und Schick nicht nur zu einer Jubiläumsfeier ein. Sie laden auch die Öffentlichkeit bis Ende Oktober in die Augsburger Stadtbibliothek ein, die kleine, aber dennoch abwechslungsreiche Ausstellung anzuschauen. Ein „Info-Würfel“ bietet multimedial mit Filmausschnitten und Hörbeispielen sowie Info-Tafeln die Möglichkeit, sich über Autismus zu informieren. Zeichnungen, kleine Gemälde und fotografische Arbeiten zeigen das künstlerische Können von Autisten. Die Ausstellung will, so Jacobs und Schick, wolle deutlich machen, dass Autismus keineswegs nur eine Einschränkung ist, sondern dass Menschen mit einer Autismus-Spektrumsstörung „sehr viel können“. „Wir müssen aufhören, nur die negative Seite zu sehen. Wir erleben immer wieder so viel Kreativität und Können in unserer Beratung und Begleitung“, so Jacobs.
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