"Froh, dass wieder alle Türen offen sind": Journalistin Mesale Tolu über die Haft in der Türkei und das Leben danach

Seit Anfang Juni ist ihre Familie wieder in Deutschland vereint: Mesale Tolu (rechts) im Gespräch mit Barbara Staudinger. Foto: Laura Türk

Es wird sofort still im Jazzclub Augsburg, als Mesale Tolu anfängt, aus ihrem Buch "Mein Sohn bleibt bei mir!" zu lesen. Eine Stille, die bis zum Ende der Lesung - sie liest Ausschnitte im Wechsel mit persönlichen Erzählungen - kaum mehr gebrochen wird. Dem, was die Journalistin aus Ulm am vergangenen Dienstag in der familiären Atmosphäre des kleinen Lokals erzählt, ist auch kaum etwas hinzuzufügen.

Sie beginnt mit der Nacht, in der vermummte Männer mit Maschinengewehren in ihre Wohnung in der Türkei einbrachen, sie und ihren zweijährigen Sohn Serkan aus dem Schlaf rissen. Offiziell war es eine Razzia, Mesale Tolu wurde beschuldigt, Mitglied einer Terror-Organisation zu sein. "Für mich war das aber ein Überfall, keine Razzia", sagt Tolu.

"Schließlich wurde mir nur gesagt, dass ich mitgenommen werde"

Sie habe nie einen Durchsuchungsbefehl gesehen, durfte ihre Anwältin nicht kontaktieren. Über drei Stunden lang saß sie mit ihrem weinenden Sohn auf dem Sofa, während die Männer ihre Wohnung durchsuchten. "Schließlich wurde mir nur gesagt, dass ich mitgenommen werde."

Die größten Sorgen habe sie sich um ihren Sohn gemacht. Was würde passieren, wenn er sie nicht gehen lassen würde? Würden die Männer ihn gewaltsam von ihr reißen? Ihr Mann Suat Corlu war zu diesem Zeitpunkt bereits festgenommen worden. Serkan musste bei einem Nachbarn bleiben, bis die Großeltern ihn abholten. "Zum Glück hat er mich gehen lassen", sagt Tolu. "Mein Sohn hat in dieser Nacht eine Größe gezeigt, die man von einem Zweijährigen eigentlich nicht erwarten kann."

Mesale Tolu verbrachte sieben Tage in Polizeihaft. Eindrücklich schildert sie ein illegales Verhör. Illegal deshalb, weil sie auch diesmal nicht ihre Anwältin kontaktieren durfte. Man wolle sich nur unterhalten, sie etwas kennenlernen, habe man ihr gesagt. Was darauf folgte, beschreibt Tolu als "psychologische Folter". Die beiden Verhörer konzentrierten sich auf ihre Schwachstellen: Ihren Sohn und ihren inhaftierten Mann.

Mesale Tolu kam in einem Frauengefängnis in Untersuchungshaft. Acht Monate verbrachte sie dort, bis sie im Dezember 2017 entlassen wurde. "Warum ich freigelassen wurde, weiß ich nicht", erzählt sie. Trotz der Freilassung konnte sie die Türkei für weitere acht Monate nicht verlassen. Erst im August 2018 wurde das Ausreiseverbot gegen sie aufgehoben.

Sohn für fünfeinhalb Monate mit im Gefängnis

Im Gefängnis habe sie große Solidarität erfahren, erzählt Tolu. Sie habe viele Briefe von deutschen Frauen erhalten, teilweise kamen Postkarten bis aus Japan und Korea. Im Gefängnis sei es unglaublich wichtig zu wissen, dass man nicht vergessen wurde, sagt sie. "So oft wird mir gesagt: Sie sind so eine starke Frau. Sie sind so mutig. Und ich dachte mir: Das stimmt doch gar nicht. Ich bin so verletzlich, ich war teilweise so emotional."

Deshalb habe sie sich entschieden, alles aufzuschreiben, auch die Angst, die sie während dieser Zeit fühlte. "Sie müssen mich sehen als eine junge Frau, in Deutschland sozialisiert, die zuvor in ihrem Leben nichts Schlimmes erlebt hat." Die Frauen in ihrer Gemeinschaftszelle hätten sie aufgefangen. Sie erfuhr von ihrer Anwältin, dass es Serkan schlecht ging. Er rede kaum, sei oft wütend, würde wenig schlafen und essen. Mesale Tolu entschied sich, ihren Sohn zu sich ins Gefängnis zu holen. Dort sei er zum Kind aller geworden. Ab und zu konnte Serkan seinen Vater in einem anderen Gefängnis besuchen. Nach fünfeinhalb Monaten habe ihr Sohn selbst gesagt, dass er wieder raus will. "Das war der Moment, als er das Gefängnissystem verstanden hat." Er habe sie gefragt, wer die Türen abschließt.

Wer helfen möchte, kann Briefe schreiben

Die anderen Frauen würden wegen ihrer Meinung und publizistischen Tätigkeit teilweise lebenslange Haftstrafen absitzen. "Das hat mir gezeigt, dass ich mich schämen sollte, die paar Monate in Haft so darzustellen", sagt Tolu. Noch immer habe sie Kontakt zu inhaftierten und auch freien Journalisten. Nur wenige von ihnen könnten in der Türkei noch frei arbeiten. "Deshalb ist es wichtig, dass die Journalisten, die hier im Exil leben, für diese Journalisten das Sprachrohr werden." Und wer helfen wolle, könne Briefe schreiben, oder auch nur Postkarten. Eine Liste aller inhaftierten Journalisten lasse sich einfach im Internet finden.

Die Veranstaltung in der Reihe "Denkraum", eine Kooperation vom Friedensbüro, der Volkshochschule Augsburg, dem Evangelischen Forum Annahof und dem Jüdischen Museum Augsburg, bildete den Auftakt des Augsburger Friedensfestes, das heuer unter dem Motto "Freiheit" steht. Es ging um Pressefreiheit, aber auch die Freiheit an sich. Der "Denkraum" soll einen Ort erschaffen, der die Besucher zum Denken und Diskutieren anregt. "Das ist ein Raum, der in totalitären Staaten nicht selbstverständlich ist", betont Tolu. Das Grundprinzip des "Denk-raums" ist es, dass die Besucher über das Gehörte diskutieren und ihre Fragen schriftlich an den Referenten weitergeben.

"Schön, wieder als Familie zusammen sein zu können"

Moderatorin Barbara Staudinger, Leiterin des jüdischen Museums, sammelt die Fragen. Nach 15 Minuten hat sich ein großer Stapel an Zetteln angesammelt. "Wie geht es Serkan?", ist eine der Fragen. "Serkan geht es sehr gut, ein sehr lebensfrohes Kind", antwortet Tolu, und wirkt in diesem Moment vor allem erleichtert. Er habe Sachen erlebt, die selbst ein Erwachsener nicht erleben sollte. Doch: "Seit wir in Deutschland sind, hat sich mein Sohn sehr geöffnet." Er habe wieder Vertrauen gefasst, dass seine Eltern immer wieder zurück kommen und es in Deutschland sicher ist. Es sei schön, nun wieder als Familie zusammen sein zu können.

Ob sie überhaupt noch in die Türkei fahre, fragt ein anderer Besucher. "Es gibt kein Verbot, aber es gibt ein Risiko, das ich als Mutter nicht mehr auf mich nehmen werde", erklärt Tolu. Sowohl sie und ihr Mann waren für den ersten Prozesstag zurück in die Türkei gereist. Daraufhin wurde ihr Mann erneut bis Anfang Juni am Ausreisen gehindert.

Nach der Veröffentlichung des Buches hätten die Risiken wohl noch zugenommen. Ihr Vater und ihre Großeltern würden aber weiterhin in die Türkei reisen, "weil das ihre Heimat ist. Auch wenn ich Angst habe, dass etwas passieren könnte, kann ich sie nicht daran hindern."

"Sind bei Ihnen Zuhause jetzt alle Türen offen?", lautet eine weitere Frage. Mesale Tolu lacht. "Ja. Ich kann gar nicht mit geschlossenen Türen leben - konnte ich auch früher nicht. Deshalb bin ich froh, dass wieder alle Türen offen sind."
2
Diesen Autoren gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.