Gersthofer Geschichten: Adalbert-Stifter-Siedlung - eine gewachsene Gemeinschaft

Zum Feiern ist Groß und Klein auf den Beinen. Foto: Archiv Adalbert-Stifter-Siedlung e.V.
 
Hier hatte die Stifter-Siedlung schon 50 Jahre lang ihre Bewohner und die Stadt Gersthofen stolz gemacht. Foto: Archiv Adalbert-Stifter-Siedlung e.V.
 
Zur Einweihung ging der Pfarrer 1955 in der Adalbert-Stifter-Siedlung von Haus zu Haus. Foto: Archiv Adalbert-Stifter-Siedlung e.V.
 
Harte Arbeit und Gemeinschaftssinn machten von Anfang an die Siedler aus. Foto: Archiv Adalbert-Stifter-Siedlung e.V.

„Jeder muss sich das Wunder seines Lebens stets aufs neue erwirken.“ Besser als Adalbert Stifter selbst, kann man die Entstehungsgeschichte und das Selbstverständnis des Ortsteiles im Gersthofer Norden nicht beschreiben.

Deutschland lag in Trümmern und nur langsam kehrte die Bevölkerung ab 1945 zur Normalität zurück. Wohnraum war ein äußerst rares Gut und genau jetzt kamen aus dem Sudetenland, aus Ostpreußen, Ungarn und Schlesien eine große Menge Heimatvertriebener und brauchten neben einem Auskommen ein Dach über dem Kopf.
Um 78 Prozent stieg die Einwohnerzahl in Gersthofen bis in die 50er Jahre und ein Viertel davon bildeten die Vertriebenen.

Verloster Wohnraum

Nach einigem Hin und Her fand man nördlich von Gersthofen – damals weit weg von der Gemeinde – einen passenden Ort für eine neue Siedlung. Die künftigen Bewohner, bestehend aus Neubürgern aus dem Osten, hatten Auflagen zu erfüllen: Die heimatvertriebenen Landwirte mussten einen Arbeitsplatz in Augsburg haben und dafür einen Weg von mehr als 30 Kilometern Anreise. Eine Geldeinlage von 2300 Mark war fällig und man verpflichtete sich zu 2000 Stunden Mitarbeit beim Bau, der im September 1951 begann. Noch wussten diese „Pioniere“ nicht, welches der 35 ersten Häuser ihre neue Heimat werden würde. Erst nach Fertigstellung wurden sie an die Beteiligten verlost. Ein wenig getauscht wurde dann noch, grundsätzlich begann nun eine friedliche Zeit für die Siedler – jedoch mit einigen Hürden, die die Gemeinschaft der Siedler, die sich bald in einem Verein organisierte, bis heute prägen. Die geleistete Arbeit blieb nicht unbemerkt. Bei einem Bundeswettbewerb „Die beste Kleinsiedlung“ erhielt die Adalbert-Stifter-Siedlung 1956 zum ersten aber nicht letzten Mal in der Gruppe der Neusiedelungen im Regierungsbezirk Schwaben und in Gesamt-Bayern den ersten Preis sowie einen Sonderpreis auf Bundesebene.

Die Glocke ruft zur Arbeit

Aufgrund der Versorgungslage Ende der Vierziger/Anfang der 50er Jahre waren die Grundstücke von vorne herein darauf ausgelegt, dass die Bewohner sich zu einem guten Teil selbst mit Lebensnotwendigem versorgten. Neben Obst und Gemüseanbau gab es in den Gärten auch eine Menge Tiere – Hühner, Ziegen, Schafe und sogar Schweine lebten in den „Gartenhäusern“. Angora-Kaninchen sorgten für Wolle. So waren Kurse vor Ort, beispielsweise für den Schnitt von Obstbäumen, eine der gemeinsamen Aktivitäten der Siedler.
Bis in die späten 1980er Jahre kümmerten sich die Stifter-Siedler selbst um die Straßen, die erst 1965 „staubfrei“, das heißt, asphaltiert wurden und immer wieder ausgebessert werden mussten. Dazu wurde mit einer Glocke zum „Straßenrichten“ gerufen und die Siedlerschaft rückte mit Schaufeln aus. Unter dem Motto „vereinte Kraft Großes schafft“ ging man ans Werk und zog die schwere Straßenwalze als 16-köpfiges menschliches Gespann über den Kies, der einmal ein Spielplatz werden sollte. Eine weitere Schwierigkeit hatten die neuen Bewohner so weit vor dem eigentlichen Ort zu meistern: Es gab keine Wasserleitungen von Gersthofen aus und die Gemeinde sah sich auch nicht imstande, da Abhilfe zu schaffen. So bohrten die Siedler kurzerhand selbst 45 Meter in die Tiefe und errichteten ihren eigenen Brunnen. Bis etwa 1983 betrieb man eigenständig als Verein ein Wasserwerk. Auch die Entsorgung verlief in Eigenregie mit Gruben, die von Zeit zu Zeit entleert werden mussten. Ehrenvorstand Josef Ottopal und Herbert Müller, der als Obmann der Sudeten-Landsmannschaft angehört, erinnern sich an zahlreiche Wasserrohrbrüche, die vor allem im Winter den Bewohnern zu schaffen machten.
Das Gelände der neuen Siedlung war durchzogen von Bunkern und Gängen aus Kriegszeiten. Das war zunächst den Bewohnern nicht bekannt. Erst als die unterirdischen Bauwerke zu verrotten begannen, wurde das an der Oberfläche wahrgenommen. Mehr oder weniger große Löcher und Gräben entstanden in den Gärten und mussten – meist mit Muskelkraft – gesichert und verfüllt werden. Dabei gab es kuriose Geschichten, die man sich heute noch gerne erzählt. Beispielsweise überlebte ein Birnbaum jahrelang seinen Sturz in die Tiefe und trug noch Früchte, die bequem ohne Leiter geerntet werden konnten. Einen Kanal, Telefon, Gasanschluss und wie erwähnt, feste Straßen, all das konnten die Bewohner des Gersthofer Nordens zum Einzug in ihre Häuser noch nicht nutzen. Viel Arbeit gab es also immer und damit nicht jeder jedes dafür benötigte Werkzeug selbst besitzen musste, schaffte sich der Siedler-Verein einen gemeinsamen Bestand an Leitern, Gartengeräten, Schubkarren und einigem mehr an und verlieh diesen Fundus an seine Mitglieder.
Bis heute ist das so geblieben: Im ehemaligen Wasserwerk hat man ein Vereinsheim eingerichtet, der anschließende Garten ist ein Kinderspielplatz. Die öffentlichen Grünflächen, Blumenschmuck etc., werden gemeinschaftlich gepflegt. Im Vereinsheim lagern die Leihgeräte, die nicht mehr so häufig genutzt werden wie früher. Dafür finden inzwischen Biertischgarnituren regen Einsatz, schon weil der Gruppenraum und der Garten auch für private Feste genutzt werden können. Bis heute hat es für die Bewohner der Stifter-Siedlung viele Vorteile, dem Verein anzugehören, beispielsweise andere Konditionen bei Hausversicherern oder Strom- und Gastarifen. Obwohl längst nicht mehr alle einen Hintergrund als Heimatvertriebene haben – die Anwohner kommen aus aller Herren Länder oder haben ihre Heimat schon immer in der Region – hat der Verein der Siedler, der auch im „Verband Wohneigentum“ (früher Bayerischer Siedlerbund) organisiert ist, keine Nachwuchsprobleme.

Feiern gehört dazu

Die Siedler treffen sich zum Aufstellen ihres außergewöhnlichen Maibaumes auf dem Stifterplatz. Zum ersten Mal stemmten die Helfer den Baum 1957 in den Boden. Inzwischen geht es mit den festen U-Eisen einfacher, doch noch immer ist der Maibaumtag – wie in anderen bayerischen Gemeinden auch – ein großes Fest. Während andernorts der Schmuck des Baumes aus Handwerkersymbolen und Vereinswappen besteht, haben die Vertriebenen hier ihre Herkunftsorte zusammengefasst. Der Baum steht übrigens tatsächlich nur im Mai. Zum Siedlerfest, das jedes Jahr am zweiten Wochenende im Juli mit Bierzelt und Musik gefeiert wird, sind alle Nachbarn auf den Beinen und treffen sich auf der Festwiese an der Böhmerwaldstraße. Tradition hat auch das gemeinsame Weihnachtssingen rund um den großen Christbaum, wo eine Bläsergruppe spielt und Glühwein für einen guten Zweck ausgeschenkt wird. Eine ganz spontan entstandene und inzwischen lieb gewordene Gewohnheit, ist der Faschingsumzug durch die Straßen der Siedlung. An der einen oder anderen Gartentüre warten Leckereien auf die Teilnehmer. Die „Altmitglieder“, also ehemalige Hauseigentümer, die inzwischen beispielsweise ihre „Siedlerstelle“ an die nachfolgende Generation übergeben haben, genießen einen besonderen Ehrenstatus und treffen sich einmal jährlich zum Austausch. In diesem Jahr kommt ein Termin zu den Feierlichkeiten dazu: Gersthofen feiert seine Stadterhebung, die 50 Jahre zurückliegt und natürlich werden die Siedler mit ihrer Fahne, die eigens für solche Tage zum 30. Geburtstag des Vereines gestaltet wurde, am Festzug am 9. Juni teilnehmen.

Passende Namen

Wegen seiner böhmischen Herkunft passt Adalbert Stifter (1805 – 1868) als Namensgeber für das Siedlungs-Gelände. Doch auch in den Werken des Erzählers, Romanschriftstellers, Novellisten und Malers findet man viel Zitierenswertes, das die Geschichte und Lebensgemeinschaft der Siedler charakterisiert. “… denn darin besteht das Leben der Welt, das ein Streben und Erringen und darum ein Wandel ist …“. Ein Gedenkstein, der zur Stadterhebung 1969 an zentraler Stelle eingeweiht wurde, erinnert an den Dichter. Er wurde aus dem Bayerischen Wald geholt, um die Nähe zur Heimat zu unterstreichen.
Weil die Siedler der ersten Stunde und auch die der benachbarten Lech-Chemie-Kolonie zu einem großen Teil aus jungen Familien bestanden, wurde schon 1958 der Bau eines Kindergartens beschlossen, der ein gutes Jahr später von etwa 55 Kindern erobert wurde. Einige Jahre nutzten die Vereinsmitglieder die Räume auch als Versammlungsort. Die heilige Hedwig als Namenspatronin wurde wegen ihrer Verbindung als einheimische Grafentochter mit einem polnischen Prinzen gewählt. Der Kindergarten ist ein fester Bestandteil der Siedlung und heute eines der modernsten Gebäude.
Die Straßen der Adalbert-Stifter-Siedlung sind nach den Heimat-Orten der Vertriebenen benannt. So gibt es eine Schlesierstraße, eine Egerländerstraße, eine Franzensbader Straße …

Im Wandel

Die Nahversorgung mit allem, was man zum Leben braucht, war früher gewährleistet. Die ehemalige Gaststätte wird heute als Wohnraum genutzt, Metzger und andere verschwanden mit den Jahren.
Inzwischen ist in der Siedlung nur noch ein Bäcker – mit erweitertem Sortiment – geblieben und ein Pizza-Service. Dafür rückt Gersthofen durch die Erweiterung von Gewerbeflächen näher an die Siedlung heran. Die Häuser aus den 50er Jahren wurden isoliert, erweitert, umgestaltet – und doch hat die Siedlung ihren Charakter bewahrt, nicht zuletzt wegen der gewachsenen Gemeinschaft, die sich bereits in den Anfangsjahren gebildet hat und die vom Siedlerverein, zur Zeit geführt von Vorstand Andreas Gebauer und dem zweiten Vorstand Helmut Knotter, zusammengehalten wird.
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