Hilfe für das arme Augsburg: 55 Sozialpaten sind im ehrenamtlichen Einsatz

Zeigen Türen auf, die man selbst nicht sieht und reichen jedem Bedürftigen die Hand: Sabine Waibl (Armutsprävention), Sozialpate Gerhard Falb, Wolfgang Krell (Freiwilligenzentrum), Sozialpate Edmund Huber und Sozialreferent Stefan Kiefer. Foto: Christine Hornischer

 Luise S. (Name geändert) kommt mit einem Schreiben eines Inkassobüros ins Gemeindehaus St. Andreas im Herrenbach. Dort befindet sich eine der zehn Beratungsstellen der Sozialpaten in Augsburg. Ein Kardiologe, den die bedürftige Rentnerin aufgesucht hatte, hat ihr einen Stent gesetzt und stellt ihr diesen nun in Rechnung. Die ältere Frau ist überfordert. Warum greift hier die Krankenkasse nicht? Warum stellt ein Arzt ihr privat eine Rechnung? Was soll sie, die so schnell keine 3000 Euro aufbringen kann, tun? Um diese verwickelte Sachlage zu entwirren und die persönliche Lage der Frau zu verbessern, ist Sozialpate Gerhard Falb vor Ort. Seit neun Jahren ist der ehemalige IG Metall-Betriebsrat nun bei den Sozialpaten und ist sehr froh, "dass ich das machen darf."

"Wer sich engagiert hat mehr vom Leben", unterstützt Wolfgang Krell, der Leiter des Freiwilligenzentrums, diese Einstellung. 2005 hat er gemeinsam mit dem damaligen Sozialreferenten Konrad Hummel das Sozialpatenprojekt ins Leben gerufen. Hier zitiert er Herbert Roßnagel, einen Sozialpaten der ersten Stunde, der trotz seines relativ hohen Alters noch möglichst lange Menschen in Not helfen will: "Ich habe hier mehr vom Leben mitbekommen, als die ganzen Jahrzehnte zuvor in meinem Berufsleben."

Rund 2500 Anfragen bearbeiten die Sozialpaten jährlich. "Wir haben es auch schon zu Stammkunden gebracht", sagt Falb und lacht. Mit einfachen Lösungen ist es selten getan: Viele Klienten brächten "ein Wollknäuel voller Probleme" mit, weiß Edmund Huber, der seit fünf Jahren als Sozialpate fungiert. Als sehr wichtig schätzt er den Moment ein, in dem Hilfesuchende zu ihm kommen. "Wenn die Stadtwerke kurz davor sind, den Strom abzudrehen, ist es fast zu spät", sagt Huber. Und sein Kollege Falb unterstützt ihn: "Wenn Menschen in Not rechtzeitig kommen, finden wir immer eine Lösung."

Krell weiß aber, dass "der Leidensdruck sehr hoch sein muss, damit die Leute kommen". Die Nähe zum Wohnort aber baue Hemmschwellen ab: "Für viele der Klienten ist die Sprechstunde gleich ums Eck und sie können ohne Anmeldung kommen." Im Fachdeutsch nennen sich diese Hilfeleistungen niederschwellige Existenzberatung im Rahmen der Armutsprävention. Was 2005 von Konrad Hummel ins Leben gerufen wurde, ist für den jetzigen Sozialreferenten Stefan Kiefer aktueller denn je. Laut Armutsdefinition befanden sich in Augsburg im vergangenen Jahr 15,6 Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze. In der Gesamt-BRD sind es 15,7 Prozent.

Die Sozialpaten betreuen die Klienten aber nicht alleine. Jedem Ehrenamtlichen-Team stehen bei den Sprechstunden Mitarbeiter der städtischen Armutsprävention zur Seite, die sogenannten Fallmanager. Für Fallmanagerin Sabine Waibl ist dieses Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen ein Glücksfall. "Die Sozialpaten haben Zeit und Ruhe, sich die Probleme anzuhören. Die haben wir nicht." Auffallend sei, so Falb, dass sich Mietschulden-Fälle "verzigfacht" haben, wohingegen laufende Handyverträge von Jugendlichen, die zum unbezahlbaren Problem werden, fast verschwunden seien. Er macht Amazon als Arbeitgeber dafür verantwortlich.

Auch Kiefer kennt natürlich das Wohnungsproblem in der Fuggerstadt. "Heute haben wir 30.000 Einwohner mehr als im Jahre 2005 zu Beginn der Sozialpaten", sagt er. Damals hätte es noch Anrufe von Wohnungsbaugesellschaften gegeben, die Leerstände zu vergeben gehabt hätten. Heute könne man sich so etwas kaum noch vorstellen. Die Antwort der Stadt Augsburg: Die "Offensive Wohnraum". Dieser "Blumenstrauß an Instrumentarien" (Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl) basiere auf fünf Säulen: der Aktivierung von neuen Wohnpotenzialen, dem städtischen Wohnungsbau, der Aktivierung von vorhandenen Wohnpotenzialen, der Schaffung von Wohneigentum und dem Wohnen in besonderen Lebenslagen. Ziel sei besseres Wohnen für alle Bevölkerungsschichten. Außerdem werde in der Fuggerstadt das Jakobs-Stift hergerichtet, um auf Hilfe angewiesene Menschen in punkto Wohnbau zu fördern, so Kiefer. Auch hier wollen die Sozialpaten unter der Regie der beim Sozialamt angegliederten städtischen Armutsprävention helfen, Türen zeigen, die man selbst nicht sieht.

Wer Sozialpate werden will, sollte laut Krell vom Freiwilligenzentrum, das die Paten schult, Erfahrung im Bereich Geld und Haushalt mitbringen und vor allem "Interesse an anderen Menschen, auch mit anderen Lebensauffassungen" mitbringen. "Man muss die Menschen mögen", sagt er. Denn Armut heiße nicht nur, wenig Geld zu haben. "Es heißt auch, dass niemand da ist, der einen in Not auffängt, beispielsweise wenn es darum geht, günstig einzukaufen, das Haushaltsgeld einzuteilen, Anträge bei Ämtern zu stellen, einen Mahnbescheid zu verstehen oder mit Gläubigern zu verhandeln." Mit der "Glitzerwelt" käme Krell nicht mehr so ganz zurecht. "Wenn ich mit meiner Frau ins Kino gehe und 25 Euro ausgebe, komme ich ins Grübeln", sagt er. Sabine Waibl vergleicht: "Einem Bedürftigen bleiben 416 Euro im Monat für Essen und Trinken." Kulturelle Freizeitaktivitäten bleiben da außen vor. Umso wichtiger ist es für Kiefer, das Sozialticket ins Leben gerufen zu haben. Somit wollte er einer etwaigen Vereinsamung Einhalt gebieten.

Weiter zu bedenken sei auch die drohende Altersarmut. Immer mehr Rentner stehen bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel an. Gerade alte Menschen hätten aber eine große Scheu, um Hilfe zu bitten. Wolfgang Krell: "Ich verstehe das gut. Diese Menschen haben jahrzehntelang gearbeitet und dann reicht das Geld plötzlich nicht mehr und sie sind auf andere angewiesen. Viele kommen erst, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist und sie nichts mehr zu essen im Haus haben, so sehr schämen sie sich." Um dies und Ähnliches zu verhindern, braucht es natürlich so viele Sozialpaten wie nur irgend möglich. "Auch Hospitanzen sind möglich", erklärt Krell. Aktuell läuft im Freiwilligenzentrum wieder ein Kurs mit fünf potenziellen Paten. Wer darüber hinaus in die Aufgabe hineinschnuppern will: Die Armutsprävention bietet Hospitanzen bei den Sprechstunden an. Anmeldungen sind möglich unter Telefon 0821/324-96 10 oder per E-Mail an sabine.waibl@augsburg.de.
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