„Insektensterben: Wir brauchen die Trendumkehr jetzt! Und jeder kann dafür etwas tun!“

    Bericht von Christine Kamm, Vorsitzende der Ortsgruppe Augsburg des BUND Naturschutz in Bayern e.V.
Fotos von Christine Kamm und Dr. Andreas Fleischmann

„Insektensterben: Wir brauchen die Trendumkehr jetzt! Und jeder kann dafür etwas tun!“ so die Vorsitzende der Ortsgruppe Augsburg des BUND Naturschutz in Bayer e.V.

Die Situation der Insekten ist dramatisch! 515 Bienenarten sind in Bayern bekannt, davon aber einige bereits ausgestorben. Von den verbliebenen 466 Arten sind mind. 1/3 auf der Roten Liste, berichtete Dr. Andreas Fleischmann, promovierter Biologe und Botaniker und ausgewiesener Wildbienenspezialist der Staatssammlung in München. Wildbienen dagegen nimmt kaum jemand wahr. Dabei ist die Honigbiene eigentlich eine große Ausnahme unter den Bienen. Sie ist bei uns die einzige, die in Staaten lebt, die einzige, bei der der ganze Staat überwintert. Sie ist die einzige, die Honig macht. Das machen die Wildbienen nicht. Wildbienen leben in der Regel solitär, da ist jedes Weibchen oft gleichzeitig die einzige Arbeiterin und die einzige Königin. Die Wildbienen sind extrem wichtig als Bestäuber, mehr sogar noch als die Honigbiene.
Nicht besser steht es um die Schmetterlinge: Von den 3250 Schmetterlings-Arten in Bayern wurden ca. 400 Arten (= 13%) seit 2000 nicht wieder aufgefunden!
„Mit den Arten verschwinden auch diejenigen Menschen, die sie noch kennen“, stellt Fleischmann fest. „Die Arten, die meine Großeltern noch kannten, können viele junge Menschen heute nicht mehr erleben. Jede neue Generation erlebt eine noch weiter verarmte Umwelt/Landschaft als Normalzustand. Die Löwenzahnwiese wird mit der Blumenwiese verwechselt.“
Vieles über das Artensterben ist noch gar nicht bekannt. Bei Schmetterlingen und Bienen wissen wir, dass große Verluste stattfinden. Aber der Großteil der Insekten sind kleine unscheinbare Tierchen, da ist gar nicht klar, was ausstirbt. Wir wissen nur: Es fehlt massiv etwas. Und wir wissen, dass dieses Massenaussterben nicht durch äußere Umwelteinflüsse geschieht, sondern nachweislich menschengemacht ist. Es ist auch nicht durch den Klimawandel erklärbar, es begann mit der Industrialisierung und ist seit etwa 30 Jahren wesentlich massiver geworden.
Das Massensterben beschleunigte sich mit der Industrialisierung der Landwirtschaft. Die industrialisierte Landwirtschaft und der verringerte Lebensraum sowie die Zerschneidung der Lebensräume sind die Hauptfaktoren des Artenschwunds.
Von Jahr zu Jahr verschwinden weitere Arten. „Vor 30 Jahren, in meiner Jugend“, berichtete Fleischmann, „musste ich auf den Feldern aufpassen, dass ich nicht auf Kiebitzeier trat.“ Heute steht der Kiebitz auf der Roten Liste, wir kämpfen nun um die letzten Populationen dieses Vogels, weil der nur auf landwirtschaftlichen Flächen nisten kann. Die Roten Listen werden immer länger und sogar Allerweltsarten, wie etwa der Haussperling, über die sich früher keiner Sorgen gemacht hatte, werden immer seltener. Es verschwinden nicht nur Arten, es verschwindet Biomasse. 75 Prozent der Insektenbiomasse sind in den vergangenen 30 Jahren verschwunden. Damit fällt dann zugleich auch Futter für Vögel und andere Tiere weg. Daneben heißt das auch: 75 Prozent weniger Bestäubungsleistung.
Wir können daher diesen Artenschwund nur mit der Landwirtschaft aufhalten. 60 Prozent der bayerischen Fläche sind in landwirtschaftlicher Nutzung. Dort sind die Lebensräume dieser Tiere, gerade der Insekten, vor allem im Offenland. Ein Wandel geht nur zusammen mit den Landwirten.
Pestizide, z.B. Neonicotinoide, haben einen direkten negativen Einfluss auf Insekten. Nur 2 bis 20 % der Neonicotinoide wird mit den Pflanzen aufgenommen, der Rest bleibt in der Erde, wird dort ausgewaschen und konzentriert sich in den Kleingewässern, und bedroht dort Insektenlarven und andere Lebewesen. Oder sie werden mit den Nutzpflanzen aufgenommen, und konzentrieren sich gerade in dem Nektar und Pollen der Blüten. „Blühstreifen neben Intensivflächen, die mit Insektiziden gespritzt werden sind kontraproduktiv“, so Fleischmann. „Sie schaden Blütenbesuchern mehr, als sie nutzen! 80 % aller Greening-Maßnahmen sind leider wirkungslos für Biodiversität! Blühstreifen sind kein Ersatz für natürlich gewachsene etablierte Blumenwiesen, Hecken und Ackerrandstreifen! Sie gilt es zu erhalten und zu pflegen.“
Die industrialisierte, intensivierte Landwirtschaft mit ihren Monokulturen, hohen Herbizideinsatz, der Überdüngung, dem Rückgang an pflanzlicher Biodiversität führt zum Rückgang der Zahl an Insekten.
Im Gegensatz dazu sind magere Blumenwiesen, die nur ein oder zwei Mal pro Jahr gemäht werden, die artenreichsten Lebensräume in Mitteleuropa. Hier finden sich 60 Pflanzenarten pro Quadratmeter, dazu bis 1000 Insekten und Spinnentiere. Die artenreiche Blumenwiese ist leider oftmals monotonen Einheitsgrün gewichen. Wiesenblumen verschwinden und mit ihnen die meisten Schmetterlinge und Insekten. Blumenwiesen dagegen sind lange gewachsene, stabile Ökosysteme, oft 50 Jahre alt oder ältere. Eine Neuanlage ist daher schwierig, aber nicht unmöglich. Vorhandene Wiesen sollten als solche erhalten werden, nicht gemulcht werden, das Mähgut entfernt werden, zum richtigen Zeitpunkt und es sollte nur 1-2 Mal/Jahr gemäht werden.
Bei der Neuanlage von Blühwiesen ist zu beachten:
REGIONALITÄT! („local is best“), d.h. Saatgut/Heudrusch/Mähgutübertragung von hier vorhandenen „Spenderflächen“ sollte immer Vorrang vor gekauftem Saatgut haben. Es soll keine Florenverfälschung geben, vorhandene Bodenverhältnisse sollten beachtet werden, und Vernetzungsstrukturen gebildet werden.
Was kann man tun? Ein bisschen mehr extensivieren, den Rasen nicht alle zwei Wochen kahlscheren, den Mähroboter verbannen, weniger Aktionismus! Nicht standorttreue Blühpflanzen nutzen weniger als Ödland, das ein wichtiger Nistplatz für Wildbienen und seltene Pflanzen ist.
Und ja, viele Gartencenterblumen und -sträucher sind für die Insekten wertlos. Statt Geranien sollten lieber heimische Arten unsere Balkonkästen zieren, statt gefüllter Dahlien, Rosen und anderer Blumen, die von unseren Insekten nicht angeflogen werden können, sollten vor allem Wildrosen und Pflanzen mit Blüten, die angeflogen werden können, zum Zuge kommen. Gespannt lauschten die Zuhörerinnen und Zuhörer dann den Ausführungen des Referenten, wie er durch vielfältige Strukturen in seinem eigenen Garten für Artenvielfalt sorgt. An die 60 verschiedene Wildbienenarten kann er in seinem Garten beobachten. Wichtig zu wissen dabei ist, dass zwei Drittel der Wildbienenarten im sandigen oder kiesigem Grund ihre Nester bauen. Die Wildbienenhotels dienen etwa einem Drittel der heimischen Insektenarten.
je mehr verschiedene Lebensräume auf kleinem Raum sind, desto höhere Artenvielfalt bei Pflanzen und Insekten.
Ein großes Potential haben magere steinige Böden, sie ermöglichen hohe Artenvielfalt. Eine Begrünung meist gar nicht nötig.
Kleine, kostengünstige Maßnahmen, die VIEL erreichen, sind
• auf die Blütezeitpunkte abgestimmtes Mähmanagement
• beim Mähen von Straßenrändern „Blühinseln“ aussparen
• Straßenrandstreifen versetzt mähen (ca. 2-3 Wochen)
• öffentliche Grünflächen (Parks) extensiver mähen, dort wo keine Freizeitnutzung
• Baumscheiben nicht mit Folie oder Kies abdecken
• Parkplätze mit Lochsteinen und Baumbestand
• Kieswege, Pflasterfugen etc. erhalten
• Unkrautbeseitigung: keine Herbizide, Abflammen möglichst im Herbst
• Kiesgruben nicht verfüllen, Brachflächen erhalten und bitte nicht begrünen!

Dr. Andreas Fleischmann sowie die BN-Ortsgruppe Augsburg unterstützen das Volksbegehren.

Die Ortgruppenvorsitzende Christine Kamm betonte darüber hinaus: „Über die Unterschrift beim Volksbegehren kann jeder etwas tun, um möglichst viele Insektenarten zu erhalten.“

Deswegen plant die Ortsgruppe für den 27. März eine Veranstaltung über die Möglichkeiten der Aufwertung städtischer Gärten. Ort und Näheres dazu finden Sie auf der Homepage: https://augsburg.bund-naturschutz.de/veranstaltung...
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