Kriegshaber Geschichten: „Seltsame, skurrile und schräge Vögel“ im Zollhaus

Alle 32 Schachfiguren! Sie wurden von Armin Bartel aufeinandergestellt – garantiert ohne Leim und Nägel. Ein neuer Rekord! (Foto: Schachklub Kriegshaber)
 
1976: H. Benesch mit H. Merkt beim „geheimen Trainingslager auf einer idyllischen Lechinsel, weit ab von jeglicher Zivilisation“. (Foto: Schachklub Kriegshaber)
 
Ein Bild aus längst vergangenen Zeiten: Riedelmeier, Scherer und Buchhart ganz vertieft ins Spiel (1974). Riedelmeier war eines der Gründungsmitglieder und sogar nach 50 Jahren, also 1974, noch aktiv dabei. (Foto: Schachklub Kriegshaber)
 
Vorstand Frank Eckhardt ist stolz auf seinen familiären Schachklub.

Dass Schachspieler so oder auch als „Nerds“ gesehen werden, weiß Eckhardt Frank, Erster Vorstand des Schachklubs Kriegshaber, ganz genau. Aber darüber schmunzelt er nur, weil er weiß, ein bisschen Wahrheit ist ja dran. „Damit können wir leben, wir haben viel Freude am ’königlichen Spiel’“ und das sieht man auch an den Mitgliederzahlen des Schachklubs, zu denen zahlreiche Kinder und Jugendliche zählen, die leidenschaftlich gerne nach Kriegshaber kommen, um Schach zu lernen und zu spielen.

Von Sonja Schönthier
Die Geschichte des Schachklubs Kriegshaber beginnt am 4. Juli 1924 – an diesem Tag wurde der Klub laut Protokoll im Biergarten des Gerstmayer’schen Gasthauses (Il Quadri Foglio) in Kriegshaber gegründet. Es waren 16 Herren erschienen – zwei von ihnen waren sogar noch bis 1972 Vereins-mitglieder – und als erster Vorstand wurde Georg Schilling gewählt. Als Domizil diente das Kaffee-Haus (Unterbaarer Bierstuben). In den Sommermonaten traf sich ein kleines Häuflein Aktiver auch in einer Gartenlaube des damaligen Vorstandes, um ihrer Schachleidenschaft zu frönen.

Der Mitgliedsbeitrag im Jahr 1924 betrug übrigens stolze 30 Pfennig.

In den ersten Jahren wurden meist Freundschaftskämpfe gegen andere Vereine ausgetragen, es gab aber von Anfang an ein lebhaftes Vereinsleben. Ab 1928 nahm der Schachklub dann am Ligabetrieb des Schachverbands teil.

In der Chronik findet sich von 1933 bis 1945 überhaupt nichts über den Schachklub. Die Seiten aus dem Protokoll: herausgerissen! Warum, weiß man heute nicht mehr.

Ab 1946 wurde der Schachklub wiederbelebt und erlebte in den kommenden zehn Jahren eine erste Blütezeit. Jahrelang war Kriegshaber in der höchsten Spielklasse in Augsburg vertreten. Es folgte eine Phase des Niedergangs, mit immer weniger aktiven Mitgliedern. 1969 wurde in der Mitgliederversammlung diskutiert, ob man den Klub auflösen und sich dem Nachbarverein Steppach anschließen sollte. Die wenigen Klubmitglieder waren meist im Pensionsalter.

So einfach aufgeben wollten Erich Bartl, Herrmann Lucht und Kurt Weiß dann aber doch nicht; sie übernahmen als Erster Vorsitzender, Kassier und Zweiter Vorsitzender die Verantwortung für den Schachklub, starteten Werbeaktionen mit selbstgestalteten Flyern und konnten so auch wieder jüngere Freunde des königlichen Spiels gewinnen. 1972 traten – erstmals seit vielen Jahren – wieder drei Jugendliche in den Schachklub ein, unter ihnen auch Eckhard Frank, der bis heute engagiertes und leidenschaftliches Mitglied ist. Seit 37 Jahren hat er die Aufgabe des Ersten Vorsitzenden übernommen. Er gibt zu, kein moderner Schachspieler, sondern eher der Kaffeehausspieler mit einer unkonventionellen Grundroutine zu sein, aber er braucht es für Kopf und Körper. Squash, Fahrradfahren und Wandern reichen ihm da nicht. Und auch sein Sohn ist im Alter von fünf Jahren mit dem Papa mitgegangen, jetzt mit 18 ist er noch immer Klubmitglied.

Fünfjähriger besiegt 96-Jährigen

Durch den Wechsel des Spiellokals von Gaststätten in das katholische Pfarrheim Hlst. Dreifaltigkeit wurde es auch möglich, Jugendarbeit konsequent zu betreiben und erstmals in der Vereinsgeschichte gab es 1973 mit Herbert Benesch einen Jugendleiter.
Ab 1983 bekam der Schachklub die Möglichkeit, im „Alten Zollhaus“ eigene Räume als Vereinsräume und Spiellokal zu beziehen und das eröffnete in der Jugendarbeit völlig neue Möglichkeiten. Anfangs ging es bei den Jugendlichen im Verein mit 14 oder 16 Jahren los, heute treffen sich sogar schon Achtjährige sowie Kindergartenkids zum Lernen und Schach spieln im Vereinshaus. „Unser Felix war damals erst fünf Jahre alt und hat schon seine Erzieherinnen beim Schach regelmäßig besiegt. Weil er weder lesen noch schreiben konnte, man bei Turnierpartien seine Züge aber mitschreiben muss, haben wir für ihn eine Sondergenehmigung beantragt. Bei einem Mannschaftskampf spielte der Fünfjährige gegen einen 96-Jährigen, bis sich der Kleine irgendwann auf den Stuhl kniete, um das komplette Schachbrett zu sehen, sich seine Figur schnappte und seinen Gegner schachmatt setzte. Das war ein herrliches Bild!“, erzählt Frank schmunzelnd. Ein paar Jahre später wechselte Felix nach Sachsen, wo er unter Betreuung des Bundestrainers mit 13 Jahren Deutscher Meister seiner Altersgruppe wurde.

Heute sind über die Hälfte der SKK-Mitglieder Kinder. Darauf ist man sehr stolz. Sie haben wöchentlich Training im alten Zollhaus. Dabei wird das Training abgestuft auf den individuellen Fortschritt jedes einzelnen Kindes. So gibt es für die Anfänger, die erst einmal Regeln, die Figuren und die ersten Züge lernen, ab 17 Uhr die sogenannte „Bauerngruppe“. Etwas Fortgeschrittene werden dann parallel in der „Springergruppe“ weiterentwickelt. Hier machen sie auch erste Gehversuche mit Turnierschach. Danach erfolgt gezieltes Training in der „Turmgruppe“. Aus dieser Gruppe rekrutieren sich die Spieler, die in den Jugend-Schwabenligen mitspielen, während die besten Jugendlichen sich bereits auf Bayerischer Ebene messen. Wichtig ist zudem, nicht nur am Training teilzunehmen, sondern das Erlernte auch praktisch anzuwenden. Neben der vereinsinternen Jugendmeisterschaft werden möglichst bald die schwäbischen RAPID-Turniere mitgespielt. Auch Mannschaften für die schwäbische U12, U14 und U20 sowie die Bayerische U12 und U20 sind gemeldet, die in den jeweiligen Ligen am Spielbetrieb teilnehmen.

Natürlich gibt es auch Training für Erwachsene: Jeden Mittwochabend treffen sich etliche motivierte Schachspieler aller Spielstärken beim Schachklub Kriegshaber, wo gemeinsam Partien analysiert oder Eröffnungen untersucht und trainiert werden. Jeder Mittwoch hat ein Thema, das man einige Tage vorher der Homepage des Schachklubs www.skk.de entnehmen kann. Jeden Freitag ab 20 Uhr ist Vereinsabend, an dem jedermann teilnehmen kann, für ein paar Schachpartien, einfach so. Natürlich sind auch Nichtmitglieder gerne gesehen.

Verein: nie ganz normal

„Tja, ein normaler Schachklub waren wir wohl nie“, weiß Frank Eckhardt. „Bei uns war und ist es immer ungezwungener und familiärer“. Viele haben bei einem Schachklub das Bild von Vereinsmeiern im Sinn oder „Verkopften“, die nichts um das Brett mit den 64 Feldern herum wahrnehmen. Beim Schachklub Kriegshaber ist das ganz anders, viel lockerer, mit Spaß. Und das ist auch gut so, denn – um wieder auf das Thema Jugend zurückzukommen – sonst würden vielleicht nicht so viele Junge Gefallen am Schach finden. Wöchentlich stürmen sie voller Freude schon Minuten vor den eigentlichen Analyse- und Trainingsabenden die Stufen zum Vereinshaus hinauf. Ganz modern werden verschiedene Anspiel- und Angriffsmöglichkeiten, Partien oder Züge auf Beamern an die Wand projiziert und analysiert, danach wird selbst gespielt. Die Kinder sind mit Feuereifer dabei. Vereinsmitglieder wie Josef, Peter, Wolfgang und Max „unterrichten“ die Kleinen. „Wir sind hier eben eine Gemeinschaft“, sagt der Vorstand.

Unter anderem diese Gemeinschaft macht den Schachklub aus. Darum kommen noch heute Mitglieder, die nicht mehr in Augsburg wohnen, sondern in Karlsruhe oder Düsseldorf, nach Kriegshaber, um die eine oder andere Partie oder ein Turnier zu spielen. „Bei uns geht es nicht zwingend um’s Gewinnen. Es geht um’s Schach spielen. Man freut sich, wenn man was gewinnt, aber Ziel des Vereins ist ein Angebot für jeden.“ Hier sitzen sich der 80-Jährige und der Achtjährige gegenüber, der Arzt, Arbeitslose, Unternehmer oder Pensionär, die Mitglieder sind sehr engagiert und das Vereinshaus ist eine „kleine Heimat“ für Jedermann und -frau.

Und sie alle machen zusammen Sport! Ja, das königliche Spiel gilt als Sportart, welche in Europa und vielen anderen Teilen der Welt allgemein bekannt ist. In den Anfangsjahren hatte der Schachklub seine Vereinsräume ausschließlich in Gaststätten und passend dazu pflegte man eher „Kaffeehausschach“. Damals durfte bei Schachspielen noch geraucht werden (seit 1978 ist Rauchen beim Schach weltweit verboten). Weil Eckhardt Frank nach einem Schachabend stets völlig verraucht nach Hause kam, stiftete sein Vater einen „Nichtraucher-Pokal“. Nach Einführung des Rauchverbots beim Schach ist dieses Turnier aber sanft eingeschlafen.

Der Umstieg zum Sport erfolgte wohl 1968/69 als Bartel, Weiß, Lucht und Dr. Arno von Wilbert anfingen, sich durchaus „moderne“ Gedanken zu machen. Dazu gehörten der regelmäßige Spielbetrieb, die Werbung sowie die Selbstdarstellung mit ersten Vereinszeitschriften. Seit 1973 wird außerdem das Klubturnier modernisiert und auch 1974 wurden Neuerungen eingeführt wie die Begründung des „Sommerblitzturniers“, die erstmalige Austragung des Jugendpokals und ein Ferienschachturnier.

Größtes Schachturnier Bayerns

Zum 70-jährigen Vereinsjubiläum veranstaltete der Verein ein offenes Schachturnier, das sogenannten „Augsburger Friedensfest-Open“. Geplant war eine einmalige Austragung, dann wurde sie im Folgejahr nochmals wiederholt, inzwischen fand 2017 schon das 24. Open mit 211 Schachspielern in zwei Gruppen statt. Damit gehört es zu den größten Schachturnieren in Bayern.

Generell trägt der Schachklub Kriegshaber viele Verbandsturniere aus. Seit fünf Jahren organisiert Eckhardt Frank zwischen Weihnachten und Neujahr im Abraxas die offene Augsburger Stadtmeisterschaft. Die schwäbische Blitz-Einzelmeisterschaft, die Bayerische Mannschafts-Schnellschachmeisterschaft sowie die schwäbische Mannschaftsblitzmeisterschaft wurden in Kriegshaber ausgetragen. Etliche Spieler sind als Schachturnierleiter ausgebildet, dazu hat der Verein zwei regionale FIDE-Schiedsrichter in seinen Reihen.

Problemschach kennt man aus der Schachecke diverser Zeitungen. Dabei werden dem Leser Stellungen angeboten, die „komponiert“ sind und nicht aus einer Schachpartie stammen. Eine Steigerung des Problemschachs stellt „Märchenschach“ dar, in der weit über die Grenzen des klassischen Schachs hinausgedacht wird. Auch hier hat der Schachklub mit Erich und Elmar Bartel zwei Anhänger in seinen Reihen, die sogar eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „Problemkiste“ verlegen und weltweit an einen kleinen Interessentenkreis versenden.

Schach ist seit fast 5000 Jahren eines der komplexesten Brettspiele, das die Gehirnzellen besonders herausfordert und eine hohe Kreativität erfordert. Schach fördert die Feinmotorik und verbessert die verbalen Fähigkeiten. Außerdem ist es mit Sicherheit kein Sport nur für ältere Leute – wie man am Beispiel des Schachklubs Kriegshaber sieht. Daran sieht man, wie attraktiv und nach wie vor jung dieses jahrtausendalte Brettspiel ist.
Und wie schon gesagt, die Türen zum Schachklub Kriegshaber stehen für jeden offen und es gäbe noch so viel mehr über ihn zu berichten. Vielleicht will sich der eine oder andere jetzt selbst davon überzeugen, dass Schach in Kriegshaber richtig Spaß macht, spannend ist und hier eine ganz besondere familiäre Atmosphäre herrscht. Hier fühlt man sich einfach wohl und fördert dabei sogar noch die Gehirnzellen.

Lust bekommen?

Wenn Sie mehr wissen wollen über den Schachklub Kriegshaber, dann können Sie im Internet unter www.skk.de viel Wissenswertes finden, von Berichten, Terminen, Turnierausschreibungen bis zu Schachaufgaben. Oder Sie schauen einfach mal vorbei, im Alten Zollhaus Kriegshaber, im zweiten Obergeschoss: Kinder und Jugendliche jeden Freitag in der Schulzeit ab 17 Uhr, alle Schach-Interessierten ab 20 Uhr sowie am Mittwoch ab 19.30 Uhr.
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