Melodien aus Holzkisten

Der Liedzettel in einer Walzenspieluhr. Foto: Jana Häring
 
Die Walze einer Spieluhr mit ihren Stiften und dem Stimmkamm. Foto: Jana Häring
 
Der Liedanzeiger einer Spieluhr. Foto: Jana Häring

Musik gibt es schon immer. Wie wurde sie jedoch festgehalten,
um sie wieder und wieder abspielen zu können? Wie waren die Anfänge der Tonaufnahmen? Wolfgang Hafner aus Bobingen sammelt seit fünfzehn Jahren mechanische Musikinstrumente und kann eine Menge dazu erzählen.

Von Jana Häring

Die ersten Spieluhren, sogenannte Serinetten, wurden schon im 16./17. Jahrhundert entwickelt. Damals waren es Geräte, die durch Vogelzwitschern den jungen Vögeln, beispielsweise Nachtigallen oder Kanarienvögeln das Singen beibringen sollten, da diese nicht von selbst das Pfeifen lernen, sondern es sich von anderen Vögeln abhören. Sie waren lange Zeit sehr teuer und wurden speziell für Königs- und Adelshäuser hergestellt. Erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts konnte sich die Allgemeinheit mechanische Musikinstrumente leisten.

Der Anfang der Sammlung

Wolfgang Hafner ist leidenschaftlicher Sammler und hat sich über die Jahre ein beachtliches Wissen über seine Schätze angeeignet. Angefangen hat er 1975 mit dem Sammeln von Uhren, doch schon damals faszinierten ihn auch Spieluhren. Vor fünfzehn Jahren kaufte er sich dann seine erste, wofür er ein Jahr nach einem Mechaniker gesucht hat, der sie ihm reparieren kann, denn Spezialisten in diesem Gebiet sind sehr selten. Man muss sich nicht nur in der Feinmechanik auskennen, ein ausgeprägtes Musikverständnis muss ebenfalls vorhanden sein. Eine Menge Geduld ist auch erforderlich, da eine Reparatur eine ganze Zeit lang dauert. Das Holz kann Wolfgang Hafner selbst restaurieren, für die Mechanik fährt er einmal im Jahr zu einem Experten nach Berlin. Jedes Jahr holt er ein Sammlerstück ab und lässt ein neues zum Restaurieren dort. Jedes seiner Schätze funktioniert, worauf er sehr stolz ist, denn viele sammeln mechanische Musikinstrumente, bringen sie aber nicht wieder zum Laufen, sodass sie nur in den Regalen stehen.
Im Oktober letzten Jahres hat er eine Ausstellung in Bobingen organisiert, um seine Instrumente der Öffentlichkeit zu zeigen und mit anderen Kennern sein Wissen auszutauschen. Auf die Frage, wie viele Spieluhren er denn besitzt, kann er keine Antwort geben. „Sehr viele. Bei Grammophonen habe ich allerdings aufgehört – irgendwo muss Schluss sein“, meint er lachend.
Hochwertige Instrumente zu finden ist gar nicht so einfach, denn vor allem im Internet wird viel Schund verkauft. In Rüdesheim gibt es jedoch zweimal im Jahr eine Börse, auf der Instrumente gekauft werden können und ein sehr interessantes Museum, in dem man sich informieren kann. Außerdem gibt es in der „Orgelstadt“ Waldkirch vier Drehorgelbauer, die alle etwas von ihrem Handwerk verstehen. Auch dort gibt es ein sehenswertes Museum.

Der Zauber der Musik

Als ich bei Familie Hafner zu Besuch war, durfte ich mich von der Musik verzaubern lassen. Das ganze Haus steht voller Spieluhren und eine ist schöner als die andere. Man muss sie alle mit äußerster Vorsicht behandeln, da jede auf ihre Art sehr alt und wertvoll ist.
Am liebsten hat Wolfgang Hafner Walzenspieluhren. Sein ältestes Stück ist eine kleine Walzenspieluhr von 1860. In jeder dieser Spieluhren findet man einen Liedzettel, auf dem die Stücke notiert sind, die sie spielen kann. Sie funktionieren durch einen Federaufzug, den man aufziehen muss. Auf einer Walze sind Stifte angebracht, welche die Melodie festhalten. Der daran liegende Stimmkamm mit Metallzungen erzeugt dann die Musik. Je mehr Stimmen so ein Kamm hat, desto wertvoller ist die Spieluhr. Je dichter die Zungen, desto älter das Instrument. Wenn ein Lied zu Ende ist, rückt die Walze kaum sichtbar nach links und das nächste Stück beginnt. Durch einen Hebel, der auf „Stopp“ oder „Play“ gestellt werden kann, zeigt man, ob man nur dieses eine Lied oder mehrere anhören möchte.
Aktuellere Spieluhren besitzen einen sogenannten Liedanzeiger, sodass der Benutzer weiß, welches Lied gerade gespielt wird. Später wurden sie dann auch mit Zusatzfunktionen, wie Glocken oder Trommeln, gebaut, um vielfältigere Musik zu produzieren. Auch gibt es teilweise zwei Stimmkämme. Somit klingt jede Walzenspieluhr anders. Besonders großartig findet Wolfgang Hafner die Tatsache, dass man anhand solcher Spieluhren den Musikgeschmack der damaligen Zeit hören konnte.

Kirchenmusik

Im 18. Jahrhundert wurden Tischdrehorgeln erfunden. Diese sind hauptsächlich in Kirchen eingesetzt worden, um dort für die Musik zu sorgen. Hier wurde eine Papierwalze mit Löchern eingespannt und dann an der Kurbel gedreht. Mithilfe eines Blasebalgs, der von unten durch die Löcher bläst, entstehen die Töne. Kein Loch – kein Ton. Auf der Papierrolle waren mehrere Lieder gelocht und nach dem Abspielen der Lieder musste die Rolle manuell zurückgedreht werden. Es gab für dieses Instrument hunderte verschiedene Titel, mit allen möglichen Musikrichtungen.
Das Papier ist heute allerdings nicht mehr original, da es sich nicht so lange hält.

Die Jahrhundertwende

Original sind allerdings die viereckigen Platten aus Pappe, die für das sogenannte Herophon verwendet werden, welche ein wenig an den Plattenspieler erinnern, wie wir ihn heute kennen.
Hier wurden ebenfalls Löcher in die Pappe gestanzt. Diese wird dann in das Herophon eingesetzt, welches es in groß oder klein gibt, und durch einen Blasebalg und den Abnehmer darunter, der sich dreht, entsteht die Musik. Auch hier wird an einer Kurbel gedreht.
Da Pappe günstig in der Herstellung ist, war dies das erste mechanische Musikinstrument, das sich auch das Volk leisten konnte. Da die Platten jedoch nicht sonderlich stabil waren, wurden sie später durch Metallplatten ersetzt, die nach demselben Prinzip funktionieren. Besonders 1914-1918 waren diese sehr beliebt, da sich die Invaliden des Krieges dadurch ihren Lebensunterhalt verdienten.

Die Drehorgel

Anschließend zeigt mir Herr Hafner seine Drehorgel. Hierfür hat er mehrere Lieder und als ich ihn nach seinem Lieblingsstück frage, spielt er „Veronika, der Lenz ist da“ für mich.
Dann darf auch ich mal an der Kurbel drehen, was schneller geschehen muss, als man denkt. Man braucht ein gutes musikalisches Gehör, um in der richtigen Geschwindigkeit zu drehen. Die Gleichmäßigkeit ist ebenfalls sehr wichtig – gar nicht so einfach, wie es aussieht!

Eine deutsche Erfindung

Die bisher genannten Instrumente fanden alle ihren Ursprung in der Schweiz. 1900 kam erstmals ein Gerät aus deutscher Herstellung auf den Markt. In Leipzig wurden Blechplattenspieluhren angefertigt, welche es in allen Größen gab, für das Bürgertum erschwinglich waren und weltweit vertrieben wurden.
Die Besonderheit hierbei war, dass die Blechplatten mit ihren Stiften an der Rückseite leicht zu vervielfältigen waren, sodass ein Lied, wenn es fertig war, nicht nur einmal verkauft werden konnte.
Die größten Blechplattenspieler waren die Vorläufer der heutigen Musikboxen und wurden „Kneipengerät“ genannt, da sie in Kneipen und Cafés standen oder an der Wand hingen. Sie funktionieren, indem man sie erst aufzieht, dann Geld einwirft und schon kommt die Musik.

Nicht nur Melodie – auch Gesang

Das zeitlich aktuellste Gerät in der Sammlung ist ein Edison Standard Phonograph von 1920, welcher der Vorläufer der Schallplatten ist.
Zu seiner Zeit war er eine Sensation, da erstmals Gesang aufgenommen und abgespielt werden konnte. Die ersten Geräte waren in der Lage, zwei Minuten abzuspielen, die neueren dann schon acht Minuten.
Hier wird eine Walze, die mit Schellack überzogen ist und worauf die Musik gespeichert ist, in den Phonographen eingelegt, um die Lieder abzuspielen.

Sein ganzer Stolz

Zuletzt gehen wir noch in das Wohnzimmer der Familie Hafner. Auch hier stehen eine Menge Spieluhren und Uhren, eine schöner als die andere. Hauptsächlich sind hier kleine Geräte, zum Beispiel mechanische Vogelspieluhren mit Vogelgezwitscher, aber auch einige Geräte, die Herr Hafner selbst restauriert und hergerichtet hat und bald verkaufen will. Es ist aber gar nicht so einfach, einen passenden Käufer zu finden, denn die Jugend interessiert sich zu wenig für dieses Gebiet oder kann es sich nicht leisten und die Älteren fangen alle selbst an, zu verkaufen. Außerdem wollen die meisten keinen angemessenen Preis zahlen. Doch Wolfgang Hafner sieht das ganz einfach: „Wenn ich keinen Käufer finde, behalte ich sie eben.“
Hier im Wohnzimmer steht auch sein ganzer Stolz, welches ich vor dem Verabschieden noch bestaunen darf: Eine Walzenspieluhr mit der Zusatzfunktion Harmonium, die einen wirklich wunderbaren Klang hat.
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