Pferseer Geschichten: Clemens Högg - Ein Pferseer Widerstandskämpfer

Vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten war Clemens Högg stellvertretender Vorsitzender der Augsburger SPD und Abgeordneter des Landtags. Foto: Archiv AWO Schwaben
 
Seit 2017 erinnert ein Stolperstein an den Augsburger Wiederstandskämpfer Clemens Högg. Foto: Monika Saller
 
Gegen das Vergessen: Die am Haus angebrachte Gedenktafel wird auch zukünftig dafür sorgen, dass Clemens Högg den Pferseern in Erinnerung bleibt. Foto: Monika Saller
 
In der Metzstraße 37 lebte Clemens Högg mit seiner Frau und seinen vier Kindern. 1933 entkam er hier einem Attentat leicht verletzt. Foto: Monika Saller

An der Hauswand der Metzstraße 37 erinnert eine Gedenktafel an Clemens Högg. Der SPD-Politiker lebte dort vor und nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Die sahen in ihm eine Bedrohung, sperrten ihn in drei verschiedenen Konzentrationslagern ein.

Eine Gedenktafel, ein Stolperstein, ein Straßenname: Das ist es, was heute in Augsburg bleibt vom Leben Clemens Höggs. Das und die Erinnerung an eines von vielen Opfern des Nationalsozialismus, das dennoch für viele Augsburger noch immer besonderen Vorbildcharakter hat. Für die Augsburger SPD etwa, die Partei, der Högg zum Zeitpunkt seiner Verfolgung und lange zuvor angehörte. Ebenfalls für die Augsburger Arbeiterwohlfahrt, die Clemens Högg vor der NS-Zeit mitgegründet hatte. Und vielleicht auch für die Bewohner Pfersees, die öfter am ehemaligen Haus des Widerstandskämpfers in ihrem Stadtteil vorübergehen.

In drei verschiedenen Konzentrationslagern war Clemens Högg während der NS-Zeit untergebracht, in Dachau, Sachsenhausen und Bergen-Belsen. Dort starb er kurz vor Ende des Krieges. Wann und wie es zu seinem Tod gekommen war, konnte nicht mehr festgestellt werden. Das Amtsgericht Augsburg erklärte seinen Tod auf Antrag seiner Ehefrau Rosa Högg im Januar 1947. „Es ist bekannt, dass noch in den letzten Wochen zahlreiche Insassen des Lagers durch Seuchen umkamen“, schrieb damals das Gericht. „Die Überlebenden wurden nach Übergabe des Lagers an die Amerikaner in ihre Heimat entlassen. Clemens Högg kam bisher nicht nach Augsburg. Auch hat er kein sonstiges Lebenszeichen seiner Frau zukommen lassen.“ Er galt damit als verschollen, sein Tod wurde für den 11. März 1945 festgestellt.

Ein Leben in der Politik

Wer auf das Leben Clemens Höggs zurückblickt, entdeckt einen Menschen, der politischer kaum hätte sein können in einer Zeit, in der er gleich mehrere politische Umbrüche miterlebte. Geboren war er als Sohn einer Dienstmagd am 20. November 1880 im heutigen Bad Wurzach. Er machte eine Lehre zum Schmied, zog nach der Wanderschaft nach Neu-Ulm und arbeitete bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs in seinem gelernten Beruf für die Ulmer Pflugfabrik Eberhardt. Schon sehr früh trat er der SPD und der Metallarbeitergewerkschaft bei.

In Neu-Ulm gründete Clemens Högg im Auftrag der Ulmer Sozialdemokraten den SPD-Ortsverband. 1914 wurde der dann 34-Jährige zur Artillerie einberufen, ab 1916 war er zum Arbeitsdienst bei der MAN in Augsburg dienstverpflichtet. Nach Kriegsende und mit Ausbruch der Novemberrevolution stellte Clemens Högg sich zunächst in Neu-Ulm gegen die Räterepublik und appellierte in mehreren Reden für eine demokratisch gewählte Regierung. Auch in Augsburg sprach er damals bereits bei Kundgebungen. Im Juni 1919 wurde Clemens Högg in Neu-Ulm vom Stadtrat zum zweiten Bürgermeister gewählt.

Novemberrevolution und Machtübernahme

Bereits 1920 gab er diesen Posten allerdings auf, zog nach Augsburg und war dort bis 1933 stellvertretender Vorsitzender und Bezirkssekretär der SPD. Außerdem saß er bis 1933 im Landtag. Clemens Högg war einer der vier Gründer und später Vorsitzender der Augsburger Arbeiterwohlfahrt, die unter anderem Kindererholungsheime für Arbeiterkinder betrieb. Er zahlte selbst einen Zuschuss von 5000 Reichsmark für den Kauf eines Anwesens in Mickhausen – einem ehemaligen Bauernhof mit Wiese, den die Arbeiterwohlfahrt in ein Ferienheim mit 34 Betten ausbaute. Dort sollten Kinder für einige Wochen dem Elend entfliehen können. Bedürftige Kinder gab es zur Zeit der Weltwirtschaftskrise viele, in der Bevölkerung herrschte Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Die Arbeiterwohlfahrt verteilte Nahrungsmittel, Kleider und Geld. Schon vor der Machtergreifung versuchte Clemens Högg mit seiner Partei, den Erfolg der NSDAP einzudämmen. Unter anderem war er Kampfleitung der „Eisernen Front“, die als Gegenbewegung zu rechten Zusammenschlüssen gegründet worden war.

Clemens Högg selbst hatte vier Kinder. In Augsburg mietete er mit seiner Frau zunächst eine Wohnung in der Spicherstraße 10 in Pfersee. Dort lebte die Familie Högg bis 1927, bevor sie in die Metzstraße 37, ebenfalls in Pfersee, umzog – das Haus, in dem Clemens Högg bis zu seiner letzten Verhaftung lebte, und an dem heute eine Gedenktafel und ein Stolperstein an ihn erinnern.

„Weihnachten ist der Spuk vorbei.“

Denn nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde der überzeugte Sozialdemokrat bald als Bedrohung angesehen. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Neuwahlen standen an, und auch in Augsburg begann der Wahlkampf. Die NSDAP erreichte in der Fuggerstadt schließlich ein unterdurchschnittliches Ergebnis: Nur 32,2 Prozent der Wähler stimmten für die Nationalsozialisten – im gesamten Reich hatte die Partei 43,9 Prozent erzielt. Alle Mandate der KPD, die 12,3 Prozent der Bevölkerung gewählt hatten, wurden annulliert, wodurch die NSDAP die absolute Mehrheit erhielt.

Rund zwei Wochen nach der Wahl verhaftete die Gestapo Högg zum ersten Mal und sperrte ihn im Gefängnis Katzenstadel ein. Im April wurde er jedoch noch ein letztes Mal in den Augsburger Stadtrat gewählt. Wie Höggs Parteigenosse Eugen Nerdinger später in seinem Buch „Brüder, zum Licht empor“ beschreibt, schätzte Högg zu diesem Zeitpunkt wie viele Augsburger Funktionäre die Lage noch nicht richtig ein. Gerade aus der Haft entlassen habe er zu ihm gesagt: „Bua, Weihnachten ist der ganze Spuk vorbei.“

Attentat an der Wohnungstür

Bereits im Mai wurde aber die gesamte SPD-Fraktion aus dem Augsburger Stadtrat ausgeschlossen. Im Juni schossen dann wohl zwei uniformierte Männer an seiner Wohnungstür auf Clemens Högg. Sein Sohn Rudolf erzählte später in einem Interview mit Stadträtin Anna Rasehorn, damals Schülerin des Maria-Theresia-Gymnasiums, die beiden Männer hätten sich als Polizisten ausgegeben.

Als Clemens Högg ihnen nicht glaubte und die Tür verriegelte, hätten sie dann auf die Tür geschossen und eine seiner Hände getroffen. Am 10. August 1933 wurde Clemens Högg schließlich, gemeinsam mit anderen SPD-Politikern, ins Konzentrationslager Dachau überstellt.

Dort war er rund ein Jahr lang, bis zum Oktober 1934, eingesperrt. Nach seiner Freilassung fiel es dem Ex-Häftling schwer, wieder Arbeit zu finden. Schließlich fand er eine Position als Seifenvertreter, für die er viel im Land herumreisen und dabei Kontakt mit der illegalen Widerstandsgruppe „Revolutionäre Sozialisten“ halten konnte. Die Augsburger Gruppe arbeitete eng mit München zusammen, und schmiedete unter anderem Pläne für eine Zeit nach Hitler. Einige wichtige Mitglieder der Augsburger und Münchner Gruppen wurden 1943 zum Tode verurteilt.

Sachsenhausen und Bergen-Belsen

Clemens Högg wurde 1939 aber noch einmal verhaftet und in das KZ Oranienburg-Sachsenhausen gebracht. Aus diesem erzählte sein Freund Erich Roßmann, der ebenfalls in Sachsenhausen untergebracht war, später im Buch „Ein Leben für Sozialismus und Demokratie“, Högg sei dort eineinhalb Jahre lang in einem kellerartigen Zementgewölbe eingesperrt gewesen, in dem er weder aufrecht gehen noch stehen konnte. Erst, als die Nachricht eintraf, dass sein ältester Sohn Clemens im Feld gefallen war, sei er aus dieser Isolation entlassen worden, durfte ab nun im Block wohnen und wurde einem Arbeitskommando zugeteilt.

Das KZ leitete zu dieser Zeit Lagerkommandant Hans Loritz, der laut mancher Quellen nicht nur allgemein gefürchtet war, sondern es auf Clemens Högg besonders abgesehen hatte. Högg erzählte Roßmann, dass die Parteidruckerei der SPD einige Jahre zuvor den jungen SS-Mann eingestellt hatte, um die Volkszeitung auszufahren. Högg sorgte dafür, dass ihm gekündigt wurde. „Draußen prügeln wir uns mit der Gesellschaft herum, und hier setzen sie sich an das Steuer unserer Wagen“, habe Högg gesagt.
„Der Mann muss sofort weg.“ Aus Rache hätte Loritz seinen ehemaligen Gegenspieler im KZ besonders gequält.

Högg kam erneut in Isolationshaft. Nachdem er dort fast erblindet war und nach einem Oberschenkelbruch ein Bein verloren hatte, wurde er am 10. Februar 1944 wohl mit weiteren kranken Häftlingen nach Bergen-Belsen gebracht. Viele arbeitsunfähige Häftlinge wurden zu dieser Zeit dort untergebracht. Wann Clemens Högg in Bergen-Belsen starb, konnte nach Kriegsende nicht mehr festgestellt werden. Er gehörte auf jeden Fall nicht zu den Menschen, die die Alliierten aus dem Lager befreien konnten.

Pferseer Spuren

In seiner letzten Heimat Pfersee, sind heute noch Erinnerungen an den SPD-Politiker zu finden. So ist die Höggstraße nach ihm benannt. An dem ehemaligen Wohnhaus der Höggs in der Metzstraße erinnert die Stadt mit einer Gedenktafel und seit Oktober 2017 mit einem Stolperstein an Clemens Högg. Auch für Rosa Högg war ein Stolperstein hergestellt worden, verlegt werden durfte er nicht. Die Stadt Augsburg beschloss, dass nur an Todesopfer des Nationalsozialismus mit Stolpersteinen erinnert werden soll, Rosa Högg hatte überlebt. Weitere Steine konnten nicht verlegt werden, etwa für Josef Pröll, der acht Jahre lang im KZ inhaftiert war. Josef Lehmann von der Initiative „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ zeigte sich damals enttäuscht. Die Stadt habe Angst, dass die Gedenkzeichen inflationär verlegt würden, doch die Nationalsozialisten hätten eben inflationär Menschen inhaftiert, schikaniert, und Familien zerstört.

Vergangenes Jahr erhielt Clemens Högg auch einen Gedenkstein auf dem anonymen Gräberfeld des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Eine Erinnerung an ein einzelnes Schicksal also an einem Ort, an dem vor der Befreiung durch die Alliierten über 52.000 Menschen starben.
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