Problem Generationenwechsel: Wer führt schwäbische Handwerksbetriebe weiter?

Haben die Betriebsübergabe bald hinter sich: Wolfgang Binder (Zweiter von links) ernennt seinen Sohn Lukas Binder (Mitte) zum Geschäftsführer. Ulrich Wagner, Hans-Peter Rauch und Markus Prophet (von links) stellten sie als erfolgreiches Beispiel vor. Foto: Laura Türk

Das Handwerk hat es in den vergangenen Jahren geschafft, einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung herbeizuführen - da ist Ulrich Wagner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) Schwaben sich sicher. "Die Ausbildung ist wieder auf Augenhöhe mit dem Studium unterwegs", sagt er während der Jahrespressekonferenz am Mittwoch. Auch in anderen Bereichen geht es dem Handwerk in Schwaben gut, die Konjunktur zeigt sich robust. Sorgen macht der Handwerkskammer vor allem der Arbeitsmarkt, noch immer fehlen Mitarbeiter und Azubis. Und ein weiteres Problem bahnt sich an: Denn in 4500 der 29 000 schwäbischen Handwerksbetriebe sind die Inhaber über 60 Jahre alt.

In den kommenden Jahren wird deshalb die Übergabe von Unternehmen eine wichtige Aufgabe sein. Das sei volkswirtschaftlich wichtig, denn jeder Handwerksbetrieb bedeutet nicht nur Arbeits- und Ausbildungsplätze. Auch die Investitionen, die jahrelang in den Betrieb gesteckt wurden, gehen verloren, wenn kein Nachfolger gefunden werden kann. "Es ist sinnvoller, Betriebe zu übergeben, anstatt neu zu gründen", erklärt Ulrich Wagner. Doch das ist nicht nur bürokratisch ein großer Aufwand, um die Übergabe rechtssicher zu gestalten. In vielen Betrieben fällt es immer schwerer, einen Nachfolger innerhalb der eigenen Familie zu finden, und auch fähige Mitarbeiter sind nicht immer bereit, einen Betrieb zu führen.

Um eine Übergabe vorzubereiten und durchzuführen, müssen laut HWK etwa vier bis sechs Jahre veranschlagt werden. Ausreichend Zeit sei der wichtigste Faktor. Um bei der Betriebsübernahme zu unterstützen bietet die Handwerkskammer inzwischen außerdem eine kostenlose Beratung und eine "Betriebsbörse" an, um Inhaber und mögliche Nachfolger zusammen zu bringen. Pro Jahr begleitet die HWK etwa 250 Betriebsübergaben. Geklappt hat das etwa bei der Gersthofer Schreinerei Binder. Zum 1. März wird Wolfgang Binder seinen Betrieb offiziell an seinen 26-jährigen Sohn Lukas Binder übergeben.

Studium garantiert kein höheres Einkommen mehr

Neben dem Fortbestand der Handwerksbetriebe sei es momentan auch wichtig, Mitarbeiter zu halten, erklärt Ulrich Wagner: "Der Arbeitsmarkt macht uns Sorgen, da wir die Mitarbeiter nicht finden." Umso wichtiger sei es, die Angestellten mit "geschickten Argumenten und entsprechenden Rahmenbedingungen" an den Betrieb zu binden. Die Ausbildungszahlen seien zwar stabil, aber dennoch würde der Markt eigentlich mehr hergeben. "Wir könnten wirtschaftlich viel mehr leisten, wenn wir das Personal dafür hätten", so Hans-Peter Rauch, Präsident der HWK Schwaben.

Immerhin werde inzwischen aber das Image der Handwerksberufe und der Ausbildung als Alternative zum Studium wieder attraktiver, es gebe auch einen deutlichen Zuwachs an Auszubildenden, die einen höheren Schulabschluss haben. "Und es ist auch wichtig, Leute nicht gesellschaftlich in etwas hinein zu drängen, wo sie nicht glücklich werden", betont Ulrich Wagner. Das Studium garantiere inzwischen auch kein höheres Einkommen mehr als eine Ausbildung.

Baubetriebe für durchschnittlich elf Wochen ausgelastet

Zumindest mit der Geschäftslage zeigten sich 91 Prozent der Betriebe im letzten Quartal 2018 zufrieden. "Das Handwerk bleibt die Stütze der Konjunktur", ist Ulrich Wagner sich sicher. "Wir arbeiten auf Hochtouren." Besonders im Bau sei die Nachfrage weiterhin groß. Im Durchschnitt sind die Betriebe in diesem Bereich für elf Wochen ausgelastet, was auch an fehlenden Mitarbeitern liege. Hier sei es momentan sehr schwierig, auf die Schnelle etwas auf die Beine zu stellen. Auch allgemein ist die Auftragslage gut: Im Durchschnitt liegt die Auftragsreichweite bei 9,5 Wochen.

Der einzige Wermutstropfen sei der Kfz-Bereich, allerdings sei auch hier noch keine Krise durchgeschlagen, die Werte seien weiterhin in Ordnung. Trotzdem macht das Thema Diesel Sorgen: Wie werden Betriebe mit einer großen Firmenflotte mit der großen "Enteignung" umgehen? "Nicht jeder Betrieb kann sich einfach mal eine ganze neue Flotte leisten", kritisiert Wagner.
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