REISEN MIT DORIS WIEDEMANN: Unterwegs mit Lady Sunshine, Rotbäckchen und der Kleinen

Südkorea Foto: Doris Wiedemann
 
USA Foto: Doris Wiedemann
 
Afrika Foto: Doris Wiedemann
 
Afrika Foto: Doris Wiedemann

Warum ein Motorrad manchmal als motorbetriebenes Gepäcktragesystem deklariert werden muss und wie man auf zwei Rädern auf einem tief verschneiten Highway in Alaska zurechtkommt.

Die Kleine steht vor der Tür und wartet. Ein wenig staubig und ausgerüstet mit zwei Koffern sieht sie fast aus, als wäre sie wie so oft auf großer Reise. Dabei hat Doris Wiedemann, die Fahrerin der BMW R 100 GS Paris Dakar, heute nur eine kurze Café-Fahrt unternommen und zurzeit gar nicht vor, zu einer ihrer monatelangen Motorradreisen rund um die Erde aufzubrechen. „Ich bin gerade ein bisschen am Nest-Bauen“, sagt sie und meint damit die Renovierung ihres Hauses in der Nähe von Schwabmünchen. Trotzdem behält sie ihr treues Motorrad gerne im Blick, während sie für die Schwabmünchner Geschichten ihre Abenteuer mit viel Vergnügen noch einmal erlebt.

Die alte Enduro war 2015 schon museumsreif – nach 25 Jahren und 200 000 Kilometern. Sie durfte über ein Jahr lang in der Ausstellung „Reisehelden“ im Zweirad- und NSU-Museum Neckarsulm die abenteuerliche Geschichte von Doris Wiedemann illustrieren, denn das Motorrad hatte die Weltenbummlerin auf den meisten Fahrten als zuverlässiger Gefährte begleitet. In bester Gesellschaft stand es mit 14 anderen Zweirädern von weit gereisten Fahrern – und erzählte mit all seinen Gebrauchsspuren seine Abenteuer.
Schon früh war in der gebürtigen Münchnerin – die zunächst den soliden Beruf der Steuerfachgehilfin erlernt hatte – die Reiselust erwacht. Vom Elternhaus mit großem Vertrauen in ihre Vernunft und ihre Urteilsfähigkeit ausgestattet, startete sie mit 23 Jahren für fast ein halbes Jahr zu ihrer ersten großen Alleinreise durch Amerika auf einer Honda Shadow 700, einem Chopper, den sie erst in den USA kaufte und dort schweren Herzens auch wieder abgab. Jeder ihrer pferdestarken Begleiter ist ihr ans Herz gewachsen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Motorräder, die sorgfältig für die jeweilige Tour passend ausgewählt und mit diversen – überlebenswichtigen – Extras ausgestattet werden, früher oder später einen Namen bekommen.

Motorradschrauben ist wie Backen

„Die Kleine“ BMW war der passende Begleiter für sechs Monate Australien im Jahr 1996 und gleich im folgenden Jahr durch Afrika von Tunis bis Kapstadt in sieben Monaten. Mit der Zeit wurde die Zweirad-Pilotin zum Profi: Gründlich wird im Vorfeld getestet und abgewogen, was unterwegs unentbehrlich und nützlich sein wird. Wer schon einmal mit einem Motorrad auf Reisen war, weiß wie wichtig das richtige Packen ist. Der Schwerpunkt der Maschine und ihr Fahrverhalten spielen dabei genauso eine Rolle wie die Erreichbarkeit von häufig benötigter Ausrüstung. Ganz nebenbei erwähnt Doris Wiedemann, dass es Reiseetappen gab, wo sie die Alukoffer ausschließlich als Wassertank verwendete. Zum Übernachten im Zelt oder unter freiem Himmel lässt sie sich von ihrem Instinkt leiten. Sie sucht nach nicht einsehbaren Orten oder begibt sich in den Schutz von Gärten und ähnlichem. „Wenn ich ein mulmiges Gefühl habe, ist es nicht der richtige Platz“, meint sie. Technisch kann sie sich helfen – in mancher Männerrunde öffneten ihr erst ihre Kenntnisse über das erfolgreiche Schrauben am Motorrad die Tür. „Dabei ist das wie Backen – ein paar Zutaten und die richtige Reihenfolge, und das Ergebnis passt“, lacht sie. Gerade in Afrika war die Frage nach ihrem Partner ein ständiger Begleiter, weshalb auch ihr Buch über dieses Reiseabenteuer „Wo ist dein Mann?“ heißt. Die Vielfalt der afrikanischen Landschaften, die unterschiedlichsten Kulturen eröffneten der Reisenden eine Welt, die viel mehr ist als Hunger und Krieg.

China

Rotbäckchen begleitete Doris Wiedemann nach China. Auch hier fuhr sie alleine, obwohl das Reisen ohne einen Führer eigentlich nicht erlaubt ist. „Hier bin ich Analphabetin“, musste sie erst einmal feststellen, obwohl sie zuhause inzwischen diplomierte Volkswirtin ist und als Journalistin und Buchautorin arbeitet. Angewiesen auf die Hilfe der Menschen, eilte ihr auf dieser ein halbes Jahr dauernden Reise kreuz und quer durch das riesige Land bald ein Ruf voraus und sie wurde mancherorts empfangen „wie Sophia Loren“. Tief beeindruckt war sie auch von der Mongolei, wo sie das Leben der Nomaden mitempfinden durfte.

Unglaubliche Begegnungen

Das Reisen mit dem Motorrad ist für die Globetrotterin die ideale Form der Fortbewegung. Man kommt weit, ist aber nahe an der Natur, am Wetter und vor allem ermöglicht das Zweirad unglaubliche Begegnungen mit anderen Menschen. „Ohne die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Bewohner meiner Reiseländer käme ich dort nicht weit – und es würde mir auch nicht halb so viel Freude bereiten.“ Das schreibt sie selbst auf ihrer Internetseite. Neugierig auf fremde Kulturen und beeindruckt von außerordentlicher Gastfreundschaft, machte sie persönlich nur sehr wenige schlechte Erfahrungen. Demut vor der Erde, Respekt vor ihren Ressourcen und der Arbeit anderer, das ist es, was sie von unterwegs mitgebracht hat – und das beruhigende Gefühl, dass man zum Leben nicht mehr braucht, als auf einem Motorrad Platz hat. So behält sie auch zuhause eine genügsame Lebensweise bei – wodurch mehr für die nächste Reise übrigbleibt.
Unterwegs lernt sie die unterschiedlichsten Menschen kennen und wird dann schon einmal zu einem Kaffee nach Korea eingeladen. Das gab den Anstoß zu einer Fahrt durch die russische Taiga, nach Korea – auch in den Norden – und schließlich zu Bekannten nach Japan, die sie in Afrika getroffen hatte. Um mit dem Motorrad nach Korea einreisen zu können – mit eigenem Motorrad durfte man als Fremder dort nicht fahren – wurde es kurzerhand als motorbetriebenes Gepäcktragesystem gekennzeichnet. Bei der Ausreise waren die Zollbeamten dann einfach froh, diesen Stein des Anstoßes schnell wieder loszuwerden. Auf dieser Fahrt erlebte sie die gleiche Strecke auf der Rückfahrt völlig anders. Die Jahreszeit – Herbst, und erste Winterzeichen im Uralgebirge – machten den Heimweg zu einem neuen Erlebnis. Ihr Buch über die Taiga-Tour inspiriert und begleitet längst Nachahmer. Überall ist sie als Frau eine Vorreiterin, obwohl sie tendenziell allein reisende Frauen in der Überzahl sieht. Männer reisen öfter in Gruppen oder paarweise. Es ist gerade die Tatsache, dass sie meistens alleine unterwegs ist, die ihr viele Türen öffnete und Begegnungen ermöglichte. Doch von dieser Überzeugung gibt es eine Ausnahme.

Alaska im Winter

2009 brach sie zusammen mit Sjaak Lucassen, den sie unterwegs kennengelernt hatte, zu einer winterlichen Fahrt von Florida bis zur Prudhoe Bay am Polarmeer in Alaska auf. Detailliert beschreibt sie die verwendete Ausrüstung, denn ohne die von Sponsoren begleitete Modifizierung der Motorräder hätten diese die extremen Temperaturen nicht fahrtauglich überstanden und wären auf verschneiten und eisigen Straßen nicht zu handeln gewesen. Die F 800 GS „Lady Sunshine“ musste Temperaturen von bis zu minus 52° bewältigen, was bei BMW natürlich vorher nicht getestet worden war. Außerdem war eine gewaltige Menge wärmender Kleidung nötig, inklusive heizbarer Elemente, die wiederum eine leistungsfähige Lichtmaschine voraussetzten.
Wenn Straßen- und Wetterverhältnisse, aber auch die Gemütslage zwischen den Reisenden den Blick auf tief verschneite Landschaft erlauben, werden Doris Wiedemanns Beschreibungen in ihrem Buch zur Reise immer emotionaler, je weiter sie nach Norden kommt. Gerade das zu erwartende Winter-Wunderland weit weg von Schmuddelmatsch, war ein Grund für diese außergewöhnliche Fahrt. Wie schon bei ihren anderen Reisen, waren es aber auch hier die ungewöhnlichen Begegnungen mit hilfsbereiten und interessierten Menschen, die dieses Abenteuer zu einem gelungenen machten – auch wenn die beiden sonst stets auf eigene Entscheidungen angewiesenen Individualisten es nicht immer leicht miteinander hatten.


Pläne

Ihre Abenteuerreisen präsentiert die Journalistin nicht nur in ihren Büchern, sondern immer wieder im Rahmen von Vorträgen. Doris Wiedemann sitzt nicht ständig abfahrtbereit auf gepackten Koffern. Die hohe Lebensqualität in Deutschland und soziale Absicherung sind Dinge, die sie gerade wegen ihres Wissens um andere Länder sehr zu schätzen weiß. Doch es gäbe noch viel zu entdecken: „Da wäre noch eine ganze Menge Asien übrig – Thailand, Indien. Außerdem war ich noch nie in Südamerika.“ Doch für ihre nächste Reise plant sie etwas für sie wirklich Außergewöhnliches. Die Kleine darf nicht mit und auch keine ihrer Schwestern. Die Pilotin hat fast ein mulmiges Gefühl dabei. Doch bei der Besteigung des Kilimanjaro wäre ein Motorrad eher hinderlich …

Winterreise nach Alaska - Mit dem Motorrad von Florida zur Eismeerküste

Die *Winterreise nach Alaska* gibt es als Taschenbuch (ca. 289 Seiten, 26 s/w Fotos, Karte, ISBN 978-3-746740-21-8) und als ebook (ISBN 978-3-7418-7796-4) für 14,99 Euro - überall im Buchhandel und bei den bekannten Internetanbietern.

oder als Hardcover mit Schutzumschlag: ca. 230 Seiten, 40 Farbfotos, Karten, per E-Mail bei Doris Wiedemann, vorab 19,90 Euro + 2,00 Euro für Porto und Verpackung (innerhalb von Deutschland) überweisen, dann kommt das Buch signiert.

Taiga Tour - Allein mit dem Motorrad von München durch Russland nach Korea und Japan
336 Seiten, ca. 70 Fotos, Karten, Hardcover, Reise Know-How Verlag, ISBN 3-89662-382-6, €17,50 (D)
per E-Mail bei Doris Wiedemann, vorab 17,50 Euro + 2,00 Euro für Porto und Verpackung.
www.doris-wiedemann.de
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