Rote Fahnen über Augsburg - Busrundfahrt zu Orten der bayerischen Revolution in Augsburg

  Unblutig wurde vor 100 Jahren in Augsburg die konstitutionelle Monarchie beendet und der Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Macht. Um an die Ereignisse während der Räterepublik zu erinnern, hatten die Buchhandlung am Obstmarkt und die SPD Lechhausen zu einer Busrundfahrt durch Augsburg eingeladen. Edgar Mathe, profunder Kenner der Augsburger Geschichte, berichtete informativ und unterhaltsam von jenen Monaten, in denen in Augsburg dir roten Fahnen wehten.
"Das Interesse an lokaler linker Geschichte ist groß, mit unseren Veranstaltungen wollen wir darauf reagieren", sagte Kurt Idrizovic, Inhaber der Buchhandlung am Obstmarkt. "Es gibt viel zu erzählen, und es ist wichtig, dass die Geschichte und die Geschichten bewahrt bleiben", fügte Angelika Lonnemann, Vorsitzende der SPD Lechhausen, hinzu.
Erste Station war gleichzeitig Start der Busrundfahrt: das Plärrergelände. "Hier fand am 10. November 1918 die erste Großdemonstration in Augsburg statt. Nahezu jeder erwachsene Bürger nahm daran teil", erzählte Edgar Mathe. 25.000 Menschen versammelten sich vor sechs Bühnen, um sich von Ernst Niekisch und den anderen Revolutionären erklären zu lassen, welche Ziele die provisorische Stadtregierung hatte, die am Tag zuvor die Amtsgeschäfte übernommen hatte. Anders als in Russland, wo es im Laufe der Revolution zu Chaos, Morden und Säuberungswellen kam, war der politische Wechsel in Bayern sanft, bestand eigentlich nur aus einer Umwertung der Werte, so Mathe. "Die Bevölkerung war unterversorgt, die Frauen hatten in Rüstungsbetrieben geschuftet, die Männer an der Front gedient und es herrschte eine Grippeepidemie – da war das Vertrauen in die bisherige Herrschaft geschwunden".
Zweite Station war die ehemalige Gesellschaftsbrauerei in der Georgenstraße 24. Im dortigen Gewölbekeller (wo heute der Augsburger Presseclub tagt) stellte Edgar Mathe die Protagonisten der Revolution vor. „Hier war die Zentrale der Gewerkschaften und der Revolutionäre. Bereits 1907 hatte die Gewerkschaft ihre eigene Brauerei gegründet und das ehemalige Gasthaus Blumenschein übernommen. In unmittelbarer Nähe befand sich am Katzenstadel das Stadtgefängnis. Im Rahmen der Revolution wurde es gestürmt und die politischen Gefangenen wurden befreit.“
"Wahnsinn, was der Edgar Mathe alles weiß", staunte eine der rund 50 TEilnehmerinnen der Busrundfahrt. Spannend und humorvoll brachte Mathe die teils dramatischen, teils skurrilen Ereignisse jener sechs Monate dar.
Edgar Mathe ließ den Bus kurz an der Rosenaustraße 40 halten. Hier hatte die Schwäbische Volkszeitung ihre Redaktion. Redaktionsleiter war immer der jeweilige SPD-Vorsitzende. Hier arbeitete der spätere KZ-Kommandant Hans Loritz, wurde dann von Clemens Högg entlassen, wofür sich Loritz später brutal an Clemens Högg mit monatelanger Folter rächte.
Nur noch ein kleiner Gartenpavillon erinnert im Wittelsbacher Park heute an den Ludwigsbau, der bis 1963 stand, wo heute die Kongresshalle steht. Hier sprach am 4. Januar 2019 der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner auf einer Versammlung der USPD, hier wurde am 3. April die Ausrufung der Räterepublik beschlossen.
Auch der Hof der Infanteriekaserne (heute Prinz-Karl-Palais) wurde für Massenkundgebungen genutzt. Letzte Station der Busrundfahrt war die Lechbrücke (heute Ulrichsbrücke). Hier und an der Wertachbrücke nach Oberhausen kam es im April 1919 zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den sogenannten unbeugsamen Arbeitern und Soldaten und den Regierungstruppen.
„Was blieb übrig von der Revolution?“, fragte Edgar Mathe am Ende der Rundfahrt resümierend. Einerseits sei da das Radler, das aus Zitronenlimonade und Weißbier besteht, mit dem Namen "Russ". Die kommunistischen Revolutionäre wurden im Volksmund "Russ`n" genannt. Für sie wurde im Münchner Mathäserkeller das erst Mal dieses Getränk gemischt. Viel wesentlicher für die Entwicklung Deutschlands sei jedoch gewesen, dass die klerikale Monarchie Bayerns beendet war, Parteien Gestalter der Demokratie wurden, Gewerkschaften den Acht-Stunden-Tag durchsetzen konnten, Frauen das Wahlrecht bekamen und die Trennung von Kirche und Staat vollzogen wurde, zählte Edgar Mathe auf.
Der SPD-Ortsverein Lechhausen
Die SPD gibt es seit 1871 in Lechhausen, damit ist unser Ortsverein einer der ältesten in Bayern. Damals gehörte Lechhausen noch nicht zu Augsburg, sondern war ein Dorf, in dem sich seit 1850 Arbeiter niederließen, die auf der anderen Lechseite in Augsburger Metall- und Textilfabriken beschäftigt waren. Aktuell hat der Ortsverein rund 85 Mitglieder. Zu den Aktivitäten des Vereins gehören neben geselligen Stammtischen und politischen Veranstaltungen der Lechhauser Kunstpreis, die herbstliche „Kultur am Lagerfeuer“ und der politische Frühschoppen auf der Kirchweih. Zwei Mitglieder des Ortsvereins sind im Stadtrat, Sieglinde Wisniewski und Hüseyin Yalcin. Vorsitzende ist Angelika Lonnemann. Ende 2017 wurde eine Zusammenarbeit für Kulturveranstaltungen zwischen dem Ortsverein und der Buchhandlung am Obstmarkt beschlossen.
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