Staatstheater, Sanierung, Sponsoren-Ärger: Theater-Intendant André Bücker im Interview

Theaterintendant André Bücker erzählt von einem Jahr voller ungewöhnlicher Ereignisse. Foto: David Libossek

Die erste Spielzeit von Intendant André Bücker am Theater Augsburg war in jeder Hinsicht eine Wundertüte. Ganz abgesehen von der neuen Interimssituation mit einer Spielstätte, die erst in letzter Minute zur Verfügung stand, war von der generellen Abschaffung des Theaters per Bürgerentscheid bis hin zur Staatstheater-Erhebung im Eilverfahren alles geboten. Im Interview blickt Bücker auf eine Theatersaison zurück, die alles andere war als gewöhnlich.

Das letzte und entscheidende "Puzzleteil" Ihrer ersten Spielzeit war mit einer Uraufführung auf der Freilichtbühne zugleich auch ein großes Wagnis: Wie zufrieden sind Sie mit dem Erfolg des "Fuggermusicals"?

André Bücker: Das Stück ist sehr gut angekommen, besser hätte es kaum laufen können. Fast 35 000 Besucher und 81 Prozent Gesamtauslastung in einem Monat - die zahlenmäßig viertbeste Inszenierung der vergangenen elf 11 Jahre - und das mit einem völlig unbekannten Stück. Alle Kritiker haben uns darüber hinaus eine sehr hohe künstlerische Qualität bescheinigt, was ja nicht unbedingt gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Erfolg ist. Ich finde, es ist ein tolles Musical für Augsburg geworden.

Im Vorfeld gab es auch Zweifel, ob so ein Projekt überhaupt gutgehen kann.

Bücker: Die Freilichtbühne ist etwas Besonderes für die Augsburger. Wenn da plötzlich jemand von außen kommt und etwas ganz Unbekanntes spielt, das noch dazu das historische Image der Stadt thematisiert, ist es normal, zunächst skeptisch zu sein. Übrigens hatten wir von Anfang an einen sehr herzlichen Kontakt zur Familie Fugger, die unser Projekt begeistert begleitet hat.

Wird das Musical wiederaufgenommen?

Bücker: Ich habe immer gesagt, dass dieses Stück, wenn die Menschen es mögen, jedes Jahr ein paarmal gespielt werden sollte. Zu dieser Aussage stehe ich. Das "Fuggermusical" braucht einen festen Platz im Augsburger Kalender. Nach diesem Erfolg sind wir nun am Überlegen, ob und wie das vielleicht schon im kommenden Jahr klappen kann. Zwei verschiedenen Produktionen auf der Freilichtbühne sind jedoch aufwendig. Das geht nur, wenn man dispositionell und technisch so plant, dass möglichst kein Vorstellungstag verloren geht und der Umbau nicht zu viel Zeit verschlingt.

Wie würden Sie dieses Theaterjahr im Rückblick insgesamt bewerten?

Bücker: Das Publikum hat den Martinipark angenommen und es kommen vermehrt Leute, die zuvor den Weg ins Theater nicht gefunden haben. In Relation zum großen Haus sind wir mit unseren Zahlen etwa auf der gleichen Höhe und liegen sogar ein wenig über unseren Prognosen. Für eine Interimssituation im ersten Jahr ist diese Bilanz phantastisch. Im Nachhinein betrachtet ist es schon ein kleines Wunder, dass alles reibungslos geklappt hat. Wenn man bedenkt, dass wir zwei Wochen vor der ersten Premiere noch in einer leeren Halle saßen, kann man nicht hoch genug einschätzen, was allein die technischen Abteilungen geleistet haben.


Umwandlung zum Staatstheater: "Ich glaube, der Zuschauer wird nicht so viel merken"

Ab der kommenden Spielzeit sind Brechtbühne und Hoffmannkeller geschlossen und werden durch die zweite Interimsspielstätte im Gaswerk, die "Brechtbühne im Ofenhaus", ersetzt. Was wird sich dann ändern?

Bücker: Das Ofenhaus wird am 12. Januar als Spielstätte eingeweiht und im Inneren der Brechtbühne sehr ähnlich. Davor und bis zur Fertigstellung gibt es bereits zwei Premieren im Kühlergebäude. Das Gelände ist gut erreichbar. Für Autofahrer gibt es ein Parkhaus direkt daneben. Ab dem 12. Januar wird die Buslinie 21 regulär zum Gaswerk vertaktet. Davor verkehrt ein Shuttleservice ab Bahnhof Oberhausen.

Wir sind Staatstheater. Auch daran muss man sich gewöhnen. Was ändert sich deshalb bereits in der kommenden Spielzeit? Merkt der Zuschauer überhaupt etwas vom neuen Status?

Bücker: Ich glaube, der Zuschauer wird nicht so viel merken, außer, dass wir das Logo anpassen. Da wir von dieser Entwicklung ebenfalls überrascht wurden, war ein Staatstheaterbetrieb für die nächste Saison nicht Bestandteil unserer Planung. Es gibt allenfalls eine Perspektive zu wachsen und mit ansteigenden Mitteln künstlerisch zusätzliche Akzente zu setzen.

Was ändert sich für die Mitarbeiter des Theaters?

Bücker: Wir sind ab 1. September die "Stiftung Staatstheater Augsburg" und nicht mehr Eigenbetrieb der Stadt. Bisher sind unsere Mitarbeiter mit öffentlichem Dienstvertrag städtische Mitarbeiter, die beim Theater arbeiten, zukünftig wird die Stiftung der Arbeitgeber sein. Niemand, der jetzt schon bei uns arbeitet, wird durch den Wechsel schlechter gestellt. Neuverträge werden in einen Tarifvertrag eingegliedert, der sich in einigen Punkten vom bisherigen unterscheidet, aber nicht in vielen.

Vor Kurzem war zu vernehmen, dass sich langjährige Sponsoren unfair behandelt fühlen. Was war der Grund dafür?

Bücker: Der Ärger beruht wahrscheinlich auf einem großen Missverständnis. Wir wollten auf keinen Fall langjährige Sponsoren ausbooten oder verärgern. Im Moment sortieren wir lediglich unsere Angebote und gleichen über die Jahre eingeschlichene Ungleichbehandlungen an. Es gibt eindeutig Bedarf, die Sponsorenvereinbarungen klarer zu definieren, transparenter zu machen und fair zusammenfassen. Das hat ein langjähriger Förderer des Theaters wohl in den falschen Hals bekommen. Es gibt keinen Zusammenhang mit der Umwandlung zum Staatstheater. Es geht darum, die Prozesse zu vereinfachen. Schon aus steuerlichen Gründen müssen wir sehr penibel sein. Wir wollen in Zukunft für alle Sponsoren unter 10 000 Euro keine komplizierten Verträge mehr machen, sondern einen Katalog mit Leistungen anbieten, die man zusammen aussuchen und zu einem Paket schnüren kann. Selbstverständlich freuen wir uns über jeden, der uns unterstützt.

Sie sind jetzt ein Jahr Intendant in Augsburg. Was haben Sie in diesem ersten Jahr "gelernt"?

Bücker: Wenn man wie ich schon eine Zeitlang in diesem Geschäft arbeitet, weiß man, dass Theater ein großer Organismus ist und einen gewissen Geist hat. Den kann man nur von innen richtig sehen und in der Zusammenarbeit mit den Menschen am jeweiligen Ort. Vertrauen muss wechselseitig entstehen, das geht nicht von heute auf morgen, und im Alltagsgeschäft ist dazu nicht immer genug Zeit. Es geht um Strukturen aus Tradition, die Arbeitsweise der technischen Abteilungen und einiges mehr. Ich bin überzeugt, dass das Publikum spürt, in welcher Atmosphäre künstlerische Prozesse entstehen. Deshalb ist eine gute Energie innerhalb des Hauses sehr wichtig. Ich werde einen Leitbildprozess anstoßen. Wir werden uns einen Kodex geben, wie man miteinander umgeht und besser zusammenarbeitet. Das Ganze wird mit externen Experten erarbeitet und in Workshops umgesetzt.

Was wünschen Sie sich für die nächste Spielzeit?

Bücker: Ich freue mich, wenn das Publikum unseren neuen Spielort im Gaswerk genauso neugierig das aufnimmt wie den Martinipark und es eine ähnlich schöne Spielzeit wird, wie die vergangene - mit Höhepunkten in allen Sparten.

Das Interview führte Iris Steiner.
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